Erneuerung im europäischen Geist

Europa Cantat feiert seinen 50. Geburtstag – ein Gespräch mit Generalsekretärin Sonja Greiner


(nmz) -
Mit einem Festakt in Bonn hat die European Choral Association – Europa Cantat im Februar ihren 50. Geburtstag gefeiert. Juan Martin Koch sprach mit der Generalsekretärin Sonja Greiner über Arbeit und Visionen des Europäischen Chorverbands.
Ein Artikel von Juan Martin Koch, Sonja Greiner

neue musikzeitung: Vor drei Jahren haben Sie schon einmal 50. Geburtstag gefeiert. Wie alt ist Europa Cantat denn nun wirklich?

Sonja Greiner: Wir haben zwei Gründungsdaten, können also zweimal feiern: Unser kürzlich verstorbener Gründungsgeneralsekretär sprach immer von einer „de facto“- und einer „de jure“-Gründung. 1960 trafen sich die Wegbereiter erstmals und beschlossen, etwas gemeinsam zu machen. Das führte zum ersten Festival, das 1961 in Passau stattfand. 1963 wurde dann der eingetragene Verein gegründet.

nmz: Wer traf sich da 1960?

Greiner: Das waren Vertreter deutscher und französischer Chorverbände: in Deutschland der Arbeitskreis Musik in der Jugend (AMJ) und in Frankreich „À Cœur Joie“ (ACJ). Dass die Legalisierung des Vereins im selben Jahr stattfand wie die Unterzeichnung des Elysée-Vertrages, zeigt den Geist, aus dem heraus diese Gründung erfolgte: die deutsch-französische Freundschaft als Kern für den Aufbau einer europäischen Bewegung, die schnell in anderen Ländern Fuß fasste.

nmz: Zeigte sich das schon beim ersten Europa Cantat Festival 1961 in Passau?

Greiner: Ja, die etwa 2.500 Teilnehmer kamen aus vielen Ländern, darunter auch ein Chor aus dem damaligen Jugoslawien. Das war Ende Juli, Anfang August 1961; ein Chor aus der „sogenannten DDR“, wie man damals gesagt hätte, ist wenige Tage vor dem Mauerbau zurückgefahren.

nmz: Wie gestaltete sich der Kontakt in die osteuropäischen Länder in den darauf folgenden Jahren?

Greiner: Das hing stark von den jeweiligen Reiseregelungen ab. Einige Chöre wurden eigens von ihren Regierungen zu den Festivals geschickt. 1988 fand dieses dann erstmals jenseits des eisernen Vorhangs statt: im ungarischen Pécs, wo 2015 auch das nächste Europa Cantat Festival stattfinden wird.

nmz: 2011 fusionierte Europa Cantat mit der Arbeitsgemeinschaft Europäischer Chorverbände (AGEC) zur European Choral Association – Europa Cantat. Wie gestaltete sich diese Annäherung?

Greiner: Die AGEC war der Verband, der in erster Linie die Sängerbünde, also vornehmlich die Chöre aus der Tradition der Männergesangsvereine, zusammenbrachte. Europa Cantat stand als „Föderation junger Chöre“ für eine neue Generation, für Neugründungen, häufig im Jugendchorbereich. Im Lauf der Zeit vermischte sich das aber und in den 1990er-Jahren stellten wir fest, dass wir nicht nur ähnliche Ziele verfolgten, sondern dass etwa die Hälfte der Mitglieder der AGEC auch Mitglieder bei Europa Cantat waren und sich zu Recht fragten, warum sie zwei Mitgliedsbeiträge an zwei europäische Verbände zahlen sollten. So entstanden erste gemeinsame Angebote, zum Beispiel für Chorleiter, und wir haben uns sozusagen Schritt für Schritt auf diese Fusion hingetastet.

nmz: Welche Arten von Veranstaltungen bieten Sie Ihren Mitgliedern an?

Greiner: Fast alle Veranstaltungen führen wir zusammen mit einem nationalen oder regionalen Chorverband durch, da wir hier von unserem Bonner Büro mit nur zwei hauptamtlichen Mitarbeitern aus gar nicht dazu in der Lage wären, ein so umfangreiches Programm alleine zu organisieren. Unsere Fortbildungsangebote richten sich an Chorleiter, aber auch an junge Komponisten/-innen, die wir in Akademien näher an die Chormusik, gerade auch im Amateurbereich heranführen wollen. Mehr und mehr bieten wir auch Kurse für Manager/-innen an, zum Beispiel ein Trainingsprogramm im Zusammenhang mit unserem gro-ßen Festival – „Training on the job“ sozusagen. Für sehr gute einzelne Sängerinnen und Sänger wiederum gibt es Auswahlensembles wie den Weltjugendchor oder Begegnungs- und Trainingsangebote wie den EuroChoir.

nmz: Bei den im dreijährigen Turnus stattfindenden Festivals sind dann die austragenden Städte ihre Partner?

Greiner: In der Regel gründen wir eine eigene Organisation, je nach Land kann das eine Stiftung, ein Verein oder eine gemeinnützige GmbH sein, an der wir, die nationalen und/oder regionalen Chorverbände und häufig auch die Stadt beteiligt sind.

nmz: Bei vielen Ihrer aktuellen Veranstaltungen ist das Logo VOICE zu sehen. Was hat es damit auf sich?

Greiner: Wir haben ein dreijähriges Kooperationsprojekt gestartet: Vi-
sion on Innovation for Choral music in Europe, abgekürzt VOICE. Gemeinsam mit 13 Partner in 11 Ländern wollen wir eine Vision entwickeln für Erneuerung in der europäischen Chorlandschaft. Dafür haben wir von der EU einen Zuschuss von 1,2 Millionen Euro bekommen. Es gibt mehrere einzelne internationale Veranstaltungen, aber auch gemeinsame Vorhaben, darunter Datenerhebungen zur Chorszene in Europa – statistisch, aber auch qualitativ –, zu internationalen Studienmöglichkeiten oder zur Stimmbildung. Zum ersten Mal sind auch Forschungsprojekte mit aufgenommen worden. An der Universität York wird die Gesundheit der Amateurstimme untersucht, am „Expertisecentrum Stem“ in Leuven geht es um den psychischen Einfluss des Singens auf junge Menschen.

nmz: Wo sind aus Ihrer Sicht Innovationen besonders nötig?

Greiner: Wir denken über neue Veranstaltungsformate nach, vieles ist im Chorbereich noch sehr traditionell. Unsere schwedischen Partner organisieren zum Beispiel ein Jugendchor-
festival, bei dem es darum geht, urbane Musik wie HipHop und Rap zu integrieren. Weiterentwickeln möchten wir den Kontakt von Chorleitern zu Orchestern und zu deren Dirigenten. Ein weiteres Thema ist das Management; da sind wir mit einem Fortbildungsprogramm an einem Festival in Frankreich beteiligt, das eher wie eine Art Marktplatz funktioniert, auf dem sehr gute Ensembles direkt mit Veranstaltern zusammengebracht werden.

nmz: Ist der in den vergangenen Jahren spürbare Aufbruch in der Chorszene ein deutsches Phänomen oder ist das eine europäische Tendenz?

Greiner: Für Europa insgesamt ist das schwer zu sagen, weil die Unterschiede etwa zwischen skandinavischen Ländern und dem Mittelmeerraum oder Osteuropa sehr stark sind. Allgemein zu spüren sind die Schwierigkeiten traditioneller Chorformen, junge Menschen zu gewinnen, und in vielen Ländern hört man die Klage, dass Männer und Knaben als Sänger fehlen. Gleichzeitig bilden sich viele neue Ensembles, die häufig etwas kleiner besetzt sind und eine wesentliche größere stilistische Bandbreite abdecken. Und in manchen Ländern, unter anderem in Deutschland, gibt es auch klassische gemischte Chöre oder Männergesangsvereine, die wachsen … Eines ist sicher: Der Chorgesang ist nicht am Aussterben, im Gegenteil – wenn wir die Videos von unseren Veranstaltungen ansehen, kann man sagen: Er ist bunt, fröhlich und bewegt.

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