Ex Machina?

Theo Geißler über die „Kraft“ des Digitalen


(nmz) -
Mein erster und einziger digitaler Raubzug fand materiell letztlich uneigennützig 1982 auf der Berliner Funkausstellung statt. Für unseren damaligen nmz-Kolumnisten Attila Csampai erbeutete ich (natürlich in Absprache mit der Pioneer-Presseabteilung, aber wider alle strengen Gebote der Messeleitung) einen der allerersten Compact-Disc-Player, den Pioneer PD 1. Damaliger Marktpreis: 2.500,- DM. Attila zerlegte daraufhin mit spitzer Feder und in schroffen Worten die Klangqualität digitaler Musikspeicherung generell im Verhältnis zum analogen Hörerlebnis. Sprach von einer Zertrümmerung, Atomisierung der Musik – und erhielt nicht nur aus den Kraftwerken der Elektronikindustrie, sondern auch von Musikern aller Genres heftigsten Gegenwind.
Ein Artikel von Theo Geißler

Während die CD als körperlicher Klangspeicher mittlerweile praktisch ausgedient hat, machten digitale Musikstreams das Klang-Weltrepertoire als üppiges Vertriebs- und Geschäftsfeld allgemein bequem zugänglich. Nur eine kleine Gemeinde meist gut Betuchter blieb mit Equipment im Einfamilienhaus-Preissegment der guten alten analogen Vinylscheibe treu. Die Diskussion Digital contra Analog verschwand meist musikfern in kleine eher philosophische Zirkel. Jetzt entflammt sie angesichts der Pandemie und ihrer vielfältigen gesellschaftlichen Aus- und Einwirkungen äußerst heftig. Längst hat die Kraft des Digitalen – mit ihrer Hard- und Software kommerziell, mit ihrem Content gewissermaßen auch „ideell“ – Besitz von kräftigen Anteilen unserer Lebenszeit genommen. Politik und Wirtschaft sehen ein vielversprechendes Zukunftspotenzial im Bereich von Informationstechnik und künstlicher Intelligenz. Und in der Tat haben sich in den ersten Monaten der direkten menschlichen Kontakt extrem behindernden Seuche Desktop, Tablet und Handy als vielseitig hilfreiche Kommunikationsbrücken erwiesen. Und nicht wenige, gerade auch im Gebrauch von Rotstift geübte Entscheider ziehen aus diesen Erfahrungen den Schluss, den zukünftigen Deus Ex Machina für die Gestaltung unserer Gesellschaft gefunden zu haben.

In dieser Ausgabe unserer Zeitung widmen wir dem Spannungsfeld, das sich aus dem Verlust des persönlichen Kontaktes aufgebaut hat, zahlreiche Beiträge aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Unsere Autorinnen und Autoren schreiben über materielle Not, Hilfsmaßnahmen seitens der Politik und deren Wirksamkeit. Sie berichten über die zahlreichen individuellen und institutionellen, fantasievollen, kreativen Aktionen, „trotz allem“ Musik zu gestalten und zu transportieren. Die einen preisen die technischen Möglichkeiten, andere kritisieren sie mit wenigstens ebenso schlagkräftigen Argumenten. Als Tendenz der zahlreichen gesammelten Stimmen lässt sich festhalten: Bits und Bytes als Notverband in einer Zeit offener Wunden – hilfreich. Auf Dauer aber unersetzlich: der direkte menschliche Kontakt, die Berührung, der Augen-Blick, der lebendige Klang von Stimme oder Instrument ohne technische Krücken. Leben ist analog.

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