Frage des Blickwinkels: Augsburg setzt Schostakowitsch ab

Nachschlag 2022/04


(nmz) -
Krieg und Elend auf der Bühne darzustellen sei immer ein schwieriges Unterfangen, schreibt das Theater Biel/Solothurn. Wenn die Realität das Geschehen auf der Bühne einhole, werde es jedoch unmöglich. Mit dieser Begründung hat sich das Schweizer Theater hinsichtlich des Ukraine-Krieges entschieden, Tschaikowskys Oper „Mazeppa“ aus dem Spielplan zu streichen. In dem Werk geht es um eine tragische Liebesbeziehung und gleichzeitig um den Konflikt um die ukrainische Unabhängigkeit vom damaligen Zarenrussland. Aktueller geht es nicht. Dem Spiegel sagte eine Sprecherin, dass man den ukrainischen Orchestermitgliedern nicht habe zumuten wollen, die von Tschaikowsky vertonte Schlachtszene zu musizieren.
Ein Artikel von Sarah Lindenmayer

Mit ähnlichen Worten begründet André Bücker, Intendant am Staatstheater Augsburg, die Absetzung der Operette „Moskau Tscherjomuschki“ von Dimitri Schostakowitsch. Dabei handelt es sich hier um ein völlig gegensätzliches Stück: Die einzige Operette von Schostakowitsch ist eine heitere Satire, die in einem frisch gebauten Vorort von Moskau spielt. Dort lebt es sich idyllisch, es ist praktisch das Paradies auf Erden. Und genau das sei das Problem, sagt Bücker im Interview: „dass die Kolleg*innen Moskau, das im Moment für die Ukrainer*innen Synonym für das ist, was ihrem Land gerade angetan wird, nicht als tollsten Ort der Welt besingen können.“ Die Wirklichkeit sei überlebensgroß geworden und hätte die Aufführung des Stückes extrem stark aufgeladen.

Bücker berichtet, dass die Frage nach der Durchführbarkeit des Projektes innerhalb seines Hauses von den Musikern und Musikerinnen mehrfach an ihn herangetragen worden sei: „Ich habe mich mit den Kolleg*innen unterhalten und gemerkt, dass die in einem emotionalen Ausnahmezustand sind. Sowohl die russischen Kollegen, die total geschockt waren, als auch natürlich die ukrainischen Kollegen, die plötzlich in Angst um ihre nächsten Verwandten und Freunde waren. Wir haben das besprochen und es war relativ schnell klar, dass man sich jetzt nicht mit so einer heiteren Satire auf die Bühne stellen kann und die ukrainischen Kolleg*innen singen müssen, wie schön es doch in Moskau ist. Das ist einfach emotional für sie nicht zu stemmen gewesen.“

Die klare Kommunikation, dass der Entscheidung persönliche und emotionale Sorgen der Mitwirkenden zugrunde liegen, scheint an dieser Stelle wichtig zu sein. Es seien eben Menschen, die da auf der Bühne mit ihren Herzen, Gefühlen und Talenten Dinge verkörpern und nach außen tragen würden. Man müsse ernst nehmen, was sie dabei empfänden, heißt es von Seiten des Augsburger Theaters.

Ob am Theater Biel die Diskussionen ebenfalls von Mitwirkenden der Produktion angeregt wurden, oder ob die Schweizer Entscheidung, „Mazeppa“ abzusetzen tatsächlich, wie auf der Webseite des Theaters mitgeteilt, ausschließlich vom Stiftungsrat und der Direktion gefällt wurde, geht aus der Pressemitteilung nicht hervor. Tatsache ist, dass dieser Vorgang mehr Fragen aufgeworfen hat als in Augsburg. Einen Tag nach Kriegsausbruch feierte das Stück seine Premiere in Solothurn und erhielt von der Kritik keinerlei negative Bemerkungen. Vielmehr wurde von Peter Wäch in der „Jungfrauzeitung“ der auch in dunklen Zeiten völkerverbindende Aspekt der Musik unterstrichen, den die gemeinsame Aufführung des Werks durch russische und ukrainische Kollegen besitze. Eine reine Frage des Blickwinkels, denn Tobias Graden, stellvertretender Chefredakteur des „Bieler Tageblatts“, beurteilt im Nachhinein bereits die ersten zwei Aufführungen trotz Ansprache des Intendanten Kaegi als unsensibel und bezeichnet die Absetzung als einzig mögliche Entscheidung. Annelise Alder, Kulturredakteurin ebenfalls beim „Bieler Tageblatt“,  hingegen bedauert die Entscheidung und ist der Meinung, dass es wichtig gewesen wäre, die Oper im Spielplan zu lassen. Tchaikowsky gebe in „Mazeppa“ Leid, Gewalt, Trauer und auch Hoffnung eine Stimme, was angesichts der unfassbaren Ereignisse notwendig sei. Mag sein, dass sie Recht hat und dass die Kunst heikle Themen nicht ausblenden darf. Mag aber auch sein, dass wir in einer Zeit, in der uns stündlich grausame Neuigkeiten eines menschenverachtenden Angriffskriegs erreichen, nicht noch mehr Schmerz provozieren sollten.

Die Intendanten André Bücker und Dieter Kaegi lehnen einen Boykott russischer Kultur ab. Beide betonen, dass andere Werke verschiedener russischer Komponisten an ihren Häusern weiterhin gespielt werden. Ein Boykott wäre schließlich „das Dümmste, was man tun könnte“, um  es mit Bückers Worten auszudrücken. Trotzdem ist bereits von „Cancel Culture“ die Rede, bei der wie wild russische Werke auf den Index gesetzt werden. Das eine Stück kann nicht gespielt werden, weil es im Zusammenhang mit einem Krieg zu heiter ist und das andere, weil es zu real ist – nun gut, da kann im ersten Moment zugegebenermaßen Skepsis und Verwirrung entstehen. Manuel Brug, Feuilletonmitarbeiter bei „Welt“, zählt lapidar gleich eine ganze Liste von Fällen in Warschau, Solothurn, Essen, Düsseldorf und weiteren Städten auf, in denen seiner Meinung nach russische Werke gecancelt wurden. Listen dieser Art dürften aber nicht gerade den Blick auf den Einzelfall schärfen, der in diesem Zusammenhang ausschlaggebend sein könnte. Generalisierungen und vorschnelles Einordnen in Schubladen sollten als fatale Trends der heutigen Zeit lieber links liegen gelassen werden.

Maßgebend wird die Frage sein, wie Theater mit dem fraglichen Repertoire über das aktuelle Hochkochen der Gefühle hinaus umgehen werden. Wie ist die Perspektive? Schließlich stehen wir beim Umgang mit den Auswirkungen dieses unsäglichen Krieges erst am Beginn eines Prozesses. Erscheint es da nicht logisch, dass noch niemand in dieser Hinsicht den einzig wahren Weg gefunden hat? Ob es ihn überhaupt geben kann, scheint sehr zweifelhaft.

In Augsburg sucht man ausdrücklich gemeinsam mit den Ensemblemitgliedern nach Wegen, „Moskau Tscherjomuschki“ wieder auf die Bühne zu holen: „Wir denken über eine kommentierte Fassung nach und über Änderungen in der Inszenierung.“ Man wolle jedoch nicht einfach die ukrainischen Ensemblemitglieder umbesetzen, denn das sei dem Prozess des Stückes und der Rollenarbeit der Regisseurin Corinna von Rad nicht angemessen. Teilweise haben persönliche biografische Aspekte der Darsteller Eingang in die Inszenierung gefunden, was ein weiterer Grund dafür ist, dass ihnen das Stück in der aktuellen Situation so nah geht.

Weiß man all dies, wird etwas klarer, wie persönlich und differenziert Repertoireentscheidungen an Theatern und Kulturstätten in diesen Tagen sein können. Neben dem Vermeiden von Generalisierung und Schubladendenken auf der einen Seite, sollten sich auf der anderen Seite deshalb auch die Theater und Kulturveranstalter möglichst transparent zeigen und nicht ruhen bei der Frage, wie die betreffenden Werke wieder zur Aufführung gebracht werden können.

Wir alle möchten Kultur, die Musik an erster Stelle, als verbindende und friedensstiftende Kraft sehen, aber sie kann eben auch das sein, was uns trennt. Carola Lentz, Präsidentin des Goethe-Instituts, hat dies kürzlich auch mit Blick auf ukrainische Flüchtlinge, die unter Umständen längerfristig bei uns bleiben werden, in einer Diskussion mit Denis Yücel und Beate Reifenscheid-Ronnisch vom International Council of Museums Deutschland im SWR2 Forum dargelegt. Sie gehe davon aus, dass es in Zukunft zu kulturellen Auseinandersetzungen und ideologischen Grabenkämpfen kommen könne. Es wäre wichtig, für die Theater und damit für die Gesellschaft, diesen Reibungen einen Raum zu geben, die eigenen Entscheidungen klar und offen zu kommunizieren und immer wieder infrage zu stellen. So könnte die verbindende Kraft der Kunst gefördert werden.

Mehr noch als eine Verkleinerung des Repertoires müssten wir sonst gegenseitige Abschottung, wachsendes Unverständnis und ein Verhärten der Fronten befürchten.

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