„Fürchtet euch nicht vor denen“

AMJ-Meisterkurs Chordirigieren mit Frieder Bernius und Maria Guinand in Hannover


(nmz) -
Ein Donnerstagabend Ende Mai im Gemeindesaal der Athanasiuskirche in Hannover. Es ist der Vorabend des AMJ-Meisterkurses Chordirigieren, der nach 2008 einmal mehr in Hannover stattfindet und einmal mehr mit großen Namen im Dozententeam aufwarten kann: Keine Geringeren als der Stuttgarter Professor Frieder Bernius und Professorin Maria Guinand aus Venezuela werden drei Tage lang intensiv mit den aus der ganzen Republik und sogar aus den Niederlanden angereisten Nachwuchsdirigenten arbeiten und ein gemeinsames Abschlusskonzert geben. Die Nachfrage ist entsprechend rege – 13 junge Musiker haben sich um eine aktive Teilnahme beworben, noch einmal rund 25 werden zwar als passive, aber hochinteressierte und fachkundige Teilnehmer das Geschehen an diesem langen Pfingstwochenende verfolgen.
Ein Artikel von Eva Krautter

Für eine effektive Probenarbeit dürfen es jedoch höchstens acht aktive Teilnehmer sein – also heißt es nach der Begrüßung durch AMJ-Generalsekretär Wolfram Kössler erst einmal „Antreten zum Vordirigieren“. Jeder Kandidat hat mit dem „Atelier-Chor“ – das ist das erfahrene Junge Vokalensemble Hannover unter der Leitung von Prof. Klaus-Jürgen Etzold – eine 15-minütige Kurzprobe zu absolvieren, wobei die Dozenten sowohl von der bereits fortgeschrittenen Probentechnik sowie dem interpretatorischen Ansatz des Kandidaten zu überzeugen sind als auch von dessen Vielseitigkeit: Barocke Chormusik aus deutschen Landen von der Bach-Familie und Gottfried August Homilius stand einerseits auf der Werkliste zur Vorbereitung. In krassem, wie sich herausstellen sollte jedoch für alle Beteiligten äußerst fruchtbarem Kontrast dazu stand andererseits aktuelle südamerikanische Chormusik des Venezolaners Alberto Grau sowie „Cloudburst“ von Eric Whitacre auf Verse des mexikanischen Dichters Octavio Paz.

„Das ist schon sehr aufregend, vor so berühmten Dirigenten vorzudirigieren“, erzählt Teilnehmer Daniel Arnold später, „da muss man erst einmal seine Nervosität unter Kontrolle haben, bevor man irgend etwas Sinnvolles in dieser Viertelstunde zuwege bringen kann.“ Dem 32-jährigen Musiklehrer aus Rostock gelingt das, er nimmt sein Probestück von Homilius schlicht und einfach wörtlich – „Fürchtet euch nicht vor denen“ – und beginnt nach einigen Phrasen, mit den Sängern des Jungen Vokal-ensembles Hannover an Spannungsbögen und Dynamik zu arbeiten. Zum Schluss lässt Maria Guinand ihn noch eine langsame Stelle aus „Kasar mie la Gaji“ probieren. Seine Arbeitsweise hat überzeugt, Daniel Arnold ist als aktiver Teilnehmer dabei und fest entschlossen, zunächst einmal alles in sich aufzusaugen, was er hier an Impulsen und Anregungen bekommt. Interessant für den Beobachter ist auch, dass im Laufe des Abends zwar die passiven Teilnehmer, nicht aber die Sänger des Jungen Vokalensembles müde werden – zumindest nicht hörbar. Auch um 22 Uhr, nach fünf Stunden Dauerprobe mit nur kurzen Pausen, klingt der Chor noch volltönig und nimmt auf, was Christoph Lechner aus Hamburg als Kandidat Nummer 13 hinsichtlich der klanglichen Ausgewogenheit der einzelnen Stimmgruppen zu verbessern wünscht. „Man muss natürlich stimmlich geschult sein, sonst würde man es nicht durchhalten, soviel am Stück zu singen“, meint Altistin Almut Maldfeld am dritten Seminartag. Konrad Büchsel aus dem Bass sieht den Einsatz als Atelierchor nicht zuletzt als äußerst effektives Training des Stimm-Muskels: „Man darf allerdings stimmlich nicht angeschlagen sein.“ Die Sängerinnen und Sänger schätzen vor allem die ganz unterschiedlichen Einflüsse, Stimmungen und Interpretationen, die sie im Laufe der Arbeitsphasen sowohl von den jungen Kandidaten als auch von den erfahrenen Dozenten mitbekommen. Außerdem lerne man dabei als Chorsänger, auch einmal auf der „Meta-Ebene“ zu hören – „nicht nur die eigene Stimme, sondern mehr in Richtung Gesamtklang“.

Und genau dieser Gesamtklang ist es, den Frieder Bernius an diesem Seminarchor schätzt – gepaart mit einer gewissen Professionalität, die er dem Chor von Klaus-Jürgen Etzold bescheinigt, mit dem er nun bereits zum dritten Mal einen Meisterkurs abhält: „Es war immer mein Wunsch, beim Unterrichten mit eingespielten Ensembles zu arbeiten.“ Um auf einem gewissen Niveau direkt an den Werken zu arbeiten, sei ein versierter Chor nötig, der zum einen auf die stets wechselnden Dirigenten eingehen kann und zum anderen das Repertoire sicher beherrscht. „Nur wenn sich mit wenigen konkreten Hinweisen auch gleich die Qualität verbessern lässt, kann ich zeigen, worauf es mir klanglich an dieser oder jener Stelle ankommt“, so Bernius. Herauszufinden, worauf es klanglich ankommt, und vor allem es benennen und mit dem Chor umsetzen zu können – vor allem das möchte Bernius den jungen Chorleitern mit auf den Weg geben. „Sie müssen immer ganz sicher sein, was Sie wollen. Sie müssen es vordenken, dem Chor kommunizieren – bei Musik funktioniert das übrigens nicht immer mit Worten am besten – und dann nachhören und überprüfen, was herausgekommen ist.“

Diese Crux ist einem erfahrenen Dirigenten wie Klaus-Jürgen Etzold durchaus geläufig. Denn nicht zuletzt wegen des pädagogischen Effekts stellt er sich mit seinem Chor gerne für Meisterkurse zur Verfügung, 2011 sogar in Madagaskar auf Einladung des Goethe-Instituts und der dortigen Deutschen Botschaft. „Da merkt der Chor einmal, wie schwer das Dirigieren eigentlich ist und wie elementar es ist, was der Dirigent da vorne tut.“

Eva Krautter, Neue Chorzeit

Tags in diesem Artikel

Das könnte Sie auch interessieren: