Gegen den Strom schwimmen, Neues schaffen

Erinnerung an den Blockflötisten und Obertonsänger Michael Vetter


(nmz) -
Im Kriegsjahr 1943 in Oberstdorf/Allgäu geboren und durch das Elternhaus früh mit Musik in Berührung gekommen, studierte Michael Vetter Theologie, ehe er die meiste Zeit zwischen 1970 und 1982 als Zen-Mönch in Japan lebte. Durch seine Kunst des Obertonsingens und durch seine experimentellen Vokalimprovisationen erlangte er internationale Berühmtheit.
Ein Artikel von Gudula Rosa

Stets auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten hat Michael Vetter, bevor er sich ab 1970 mehr und mehr dem Obertongesang zuwendete, in den 60er- und 70er-Jahren maßgeblich zur Entwicklung der zeitgenössischen Blockflötenmusik beigetragen und ab den 80er-Jahren die Kunst des Obertonsingens in Deutschland und weit über deutsche Grenzen hinaus populär gemacht.

Michael Vetter verbrachte einen Teil seiner Kindheit ab 1948 zunächst in Duisburg und ab 1958 in Münster in Westfalen, wo sein Vater Hans-Joachim Vetter (eine Schlüsselfigur für die damals wiederbelebte Musikerziehung, den Verband deutscher Musikschulen und den Aufbau des Wettbewerbs „Jugend musiziert“) in der Zeit von 1958 bis 1976 Direktor der Westfälischen Schule für Musik und danach Dekan der heutigen Musikhochschule Münster war.

In seinen leicht ironischen Konzert-Biographien schreibt Michael Vetter, dass im Jahr 1949 seine „Hassliebe zur oft nur halben Blockflöte begann“. Im Interview mit Gerhard Braun (Tibia 1/95) sagt er: „Wenn ich nach einer Woche des Nichtübens zur Flötenlehrerin trottete, verlor ich … den inzwischen allzu locker sitzenden Kopf aus der allzu halbherzig zugeknöpften Flötentasche.“ Und weiter präzisiert er: „Wirklich kann ich mich nicht erinnern, als Kind die Blockflöte geliebt zu haben. Ich litt von Anfang an unter jeder schulisch organisierten Art des Lernenmüssens – im Grunde ist mein verzweifeltes Verhältnis zur Schule die Inspiration für meine diversen Versuche geworden, Schulwerke zu schreiben, die das Lernen sachlich, schöpferisch, existentiell motivieren.“
Dieser Inspiration verdankt die Musikwelt eine Vielzahl von unkonventionellen Lehrwerken und pädagogischen Kompositionen zunächst für die Blockflöte, später für den Obertongesang und auch fürs Klavier. Einige davon sollen hier Erwähnung finden:

Die Wiener Blockflötenschule, UE 1976 mit dem Untertitel „Der Weg, auf experimentelle Weise ein klassisches Instrument zu lernen“ ist ein umfangreiches Lehrwerk mit acht Literaturheften, die viele von Vetters ersten Kompositionen beinhalten. Dieses Lehrwerk und die Schule „Il Flauto dolce ed acerbo“ (übersetzt: Die Flöte süß und sauer), Moeck 1969, sind bedeutsame Schlüsselwerke für die Entwicklung der zeitgenössischen Blockflötenmusik.

1987 erschien bei WERGOOM – Eine Obertonschule“ auf drei CDs, die dazu anleitet, Obertöne zu singen und singend wie hörend an sich zu erleben.Ein Lehrwerk für Klavier wurde 1996 bei Atlantis herausgegeben: „Pianissimo. Improvisieren am Klavier. Eine Rezeptsammlung.“ Das Buch enthält – so der Innentitel – „Klavierstücke für Nichtpianisten und solche, die es werden wollen“ (siehe Rezension in nmz 10/97). Ohne notierte Noten findet der Interpret Spielanleitungen und kurze Texte, die großen Handlungsspielraum für die improvisatorische Ausführung bieten.

Weitere Anleitungen zum Improvisieren und freien Umgang mit Instrument und/oder Stimme sind: „Liebesspiele – Musikalische Konzepte“, UE 1973, eine Reihe von „Konzeptsammlungen und -systemen zu Improvisation und elementarem Komponieren und Hör-Spiele I–IV,“ 1978, UE, sechs Hefte grafischer und verbaler Materialien zu instrumentaler, vokaler und theatraler Improvisation.

Michael Vetters Interesse an zeitgenössischer Musik kam nicht von ungefähr: In regelmäßigen Abständen veranstaltete sein Vater in Münster die Tage Neuer Musik, so dass der Sohn schon in jungen Jahren mit der damaligen Avantgarde-Szene in Berührung kam und in Kontakt zu bedeutenden Komponisten treten konnte. Sein Interesse an der Erweiterung der Ausdrucksmöglichkeiten, seine Neugierde auf Neues und sein Drang, auch Neues schaffen und gegen den Strom schwimmen zu wollen, hat viele namhafte Komponisten inspiriert für ihn zu komponieren, so zum Beispiel Andriessen, Baur, du Bois, Bussotti, Eisma, Hashagen, Huber, Ligeti, Kagel, Stockhausen, Schönbach und andere mehr.

Bereits 1960 mittlerweile Wahlautodidakt geworden – auch aus Abgrenzung gegenüber dem etablierten Musik-und Pädagogikbetrieb – spielte er als Blockflötist im Alter von 17 Jahren Uraufführungen von Jürg Baur.

Ursula König, eine Münsteraner Zeitzeugin und damalige Duopartnerin, erinnerte sich im Gespräch mit mir, dass er „schon in jungen Jahren eine ausgeprägte Persönlichkeit und über alle Maßen initiativ gewesen ist“ und dass er ein „Vielarbeiter war, der stets auf der Suche nach allem Neuen und Unkonventionellen gewesen ist“. Diese Charaktereigenschaften ziehen sich durch sein Leben wie ein rotes Band.

Mit der Intention, die Ausdrucksmöglichkeiten der Blockflöte zu erweitern, begann Michael Vetter bereits in den 60er-Jahren, sich als einer der ersten mit der Verbindung von Blockflöte und Elektronik auseinanderzusetzen. So waren Michael Vetters graphisch notierte Werke „Figurationen III“ (Moeck, 1964) und „Rezitative“ (Moeck, 1967) die ersten Werke, bei denen Vetter Blockflöte mit Elektronik kombinierte. Vetters Arbeit mit Blockflöte plus Live-Elektronik fand ihren Höhepunkt in seinen Interpretationen von Stockhausens elektro-akustischem Werk „Spiral“ für einen Solisten mit Kurzwellenempfänger, das Vetter viele Male zur Aufführung gebracht hat, unter anderem 1970 während der Weltausstellung Osaka/Japan fast täglich. Vetter erinnerte sich auf seiner Facebook-Seite an diese Zeit: „Noch während meiner Gymnasialzeit lud der damals circa 35-jährige Stockhausen mich ein, in seiner Kölner Schule für Neue Musik einen Workshop für seine Kompositionsstudenten in Sachen instrumentalen Experimentierens zu halten. Circa fünf Jahre später schickte er mir die Partitur seines siebenteiligen Solowerkes „Spiral“, mit der Einladung, es einzustudieren und aufzuführen. Mit diesem Werk bin ich an der Seite Stockhausens durch die halbe Welt gereist. Andere Stücke kamen hinzu: „Alphabet“, „Aus den sieben Tagen“, „Sternklang“, „Pole.“

Bereits 1969 hat Vetter den ersten Teil des Werkes „Spiral“ in einer Version mit elektronisch verstärkter Blockflöte für eine Schallplatte bei WERGO aufgenommen. 26 Jahre später, im Jahre 1995, produzierte Karlheinz Stockhausen das Werk mit Michael Vetter als Interpret für die CD-Reihe der Stockhausen-Gesamtausgabe erneut. Vetter, mittlerweile angesehener Obertonsänger, interpretierte das 2,5-stündige Werk neu – dieses Mal mit Kurzwellenempfänger und Stimme.

1970 setzte eine große Veränderung in Michael Vetters Leben ein: Während seines Aufenthaltes mit Stockhausen in Osaka/Japan hatte Vetter, wie er in einer seiner letzten Biographien schreibt, eine „schicksalshafte Begegnung mit Zen (Einheit von Natur und Kunst) und mit Atsuko, der mönchischen Gefährtin“, die seinem Leben eine neue Richtung geben sollten.

Von  diesem Zeitpunkt an lebte Michael Vetter 13 Jahre als Zen-Mönch „zensuchtsvoll“, wie er schreibt, in einem japanischen Kloster. Dort schrieb, malte, komponierte und sang er weiterhin voller Tatendrang. In dieser Zeit entstanden mehrere Werke (Kompositionen, Bücher, Zeichnungen), unter anderem der kalligraphische Roman „Handbewegungen I/II“, die oben beschriebenen Werke „Liebesspiele – Musikalische Konzepte zu Improvisation und elementarem Komponieren“, die „Wiener Blockflötenschule“, „Hör-Spiele I-IV“ und weitere Materialen zur freien musikalischen Verwendung sowie das Buch „Die Psychologie der Seinserfahrung“, Lückow 1997. In der intensiven Begegnung mit Zen entdeckte Vetter auch die Kalligrafie mit dem japanischen Tuschepinsel. Neben dem Singen, Komponieren, Musizieren und Improvisieren wurde das Zeichnen für ihn zu einer weiteren essentiellen, freien, ungebundenen Ausdrucksform, und, wie alle anderen Bereiche, entwickelte er auch diese Kunst meisterhaft.

Seine Werke als Maler bezeichnet Vetter als „Schrift“-Stücke. Das Landesmuseum in Münster widmete ihm 1975 eine Ausstellung, in der seine Sammlung „Gebetsformen – cosmic comic“ ausgestellt wurde, und für sein „Buch der Zeichen“ und dessen experimentelle Kalligrafie wurde ihm 1982 sogar der Kunstpreis des japanischen Außenministeriums verliehen.

Nach der Geburt seiner Tochter Sophie-Mayuko im Jahre 1976, die heute eine bedeutende und äußerst vielseitige Pianistin ist, begann Vetter sich auch für pianistische Pädagogik zu interessieren. Liebevoll kreierte er für sie Ton-Bilder und Vierhändige Improvisationen für Klavier. Punktell traten sie am selben Abend auf, wobei die Tochter solistisch und als Pianistin die erste Konzerthälfte unter anderem mit Bach, Schubert und Scarletti gestaltete und der Vater – ebenfalls solistisch – den zweiten Konzertabend mit eigenen Werken improvisatorisch realisierte. 1982 und 1983 entstanden auf Anregung des Vaters Notenhefte mit 150 Miniaturen aus Oberton- und Klavierduetten von Sophie-Mayuko.

Wieder zurück in Deutschland entstanden ab 1983 bis 2000 eine ganze Reihe von Einspielungen meditativer Musik mit Obertonstimme, Gong, Koto und Tambura: „Zen-Glocken“, „Zen-Gong“, „Zen-Koto“, „Overtones in old European cathedrals“ (Senanque, Thoronet), „Silence“, „Light“, „Clouds“, „Flowers“ und vieles mehr, aber auch spirituelle Bücher wie „Wenn Himmel und Erde sich wieder vereinen. Gedanken, Meditationen, Übungen zum Weg der Stimme“ (Integral-Verlag 1987), „Seinerfahrung, Das Buch von der Liebe zum Leben“ (Verlag Hermann Bauer 1988), in dem Vetter seine künstlerische Vision anhand von mehr als 600 Farbfotos und Texten darstellt, und „Musik – Texte und Bilder zur Einführung in die Kunst, sich in Nichts zu verlieben“ (Via Nova Verlag, Petersberg 1995).

Auch eine Reihe von Hörspielen entstanden. So widmete das DeutschlandRadio Berlin seinen Hörspielen viele Nachtstunden, zuletzt seinen beiden Kammeropern „DuO – eine dialogische Passion“ und „Die Gesetzestafeln, der musikalischen Landschaft Sprechende Inseln in singendem Meer“, dem transverbalen Mysterienspiel „Faust III“ sowie der Vokalskulptur „Sotto voce“.

Mehr und mehr umkreiste Michael Vetter malend, schreibend, fotografierend und mit den Ausdrucksmöglichkeiten von Stimme und Instrument sein Lebensthema: die lebendige Synthese von Meditation und Kommunikation, von Natur und Kunst – der Ausdruck multidimensionaler Seinserfahrung mit verschiedensten künstlerischen Mitteln. Ihm ging es mit Hilfe von Sprache, Malerei, Fotografie, Theater und Musik immer um die Realisierung dessen, was er „transverbal“ nannte: Sprache ist Bewegung ist Musik.

Einen Einblick in seine faszinierende musikalische Arbeit gewähren die bei YouTube veröffentlichten Aufnahmen mit seiner langjährigen Schülerin, Duo­partnerin und Vertrauten Natascha Nikeprelevic mit Auszügen aus ihren Programmen „Moon and Nightingale“ und  Stockhausens „Poles for 2“, eingespielt in den Jahren 2007 und 2008.

Die letzten Jahre lebte Michael Vetter zurückgezogen, zumeist malend, schreibend und gärtnernd, inmitten seines Olivenhaines auf dem Monte Amiata, wo er 1995 die Accademia Capraia gründete, eine nach seinen Konzepten arbeitende „Schule der Lebenskunst“, zu der er bis 2012 zu den alljährlich stattfindenden Sommerkursen zu den Themen Improvisation, Obertongesang, melodisches Singen, strukturelles Theater und anderem mehr einlud.

Michael Vetter war ein begnadeter, stets frei denkender Musiker; er war Obertonsänger, Blockflötist, Komponist, Maler, Dichter, Fotograph und Zen-Lebenskünstler, dem die Musikwelt wichtige Impulse zu verdanken hat. Er war durch und durch Künstler – in viele Richtungen von Kreativität durchdrungen. Sein Gesamtkunstwerk, das er uns hinterlässt, ist faszinierend und von großer Vielfalt. Seine Liste der Veröffentlichungen und Einspielungen ist beeindruckend. Sein Œuvre wird weiter wirken.

Auf der Homepage schreibt die Nachlassverwalterin und Schülerin von Michael Vetter, Natascha Nikeprelevic: „Michael Vetter wurde im Ruheforst Wildenburger Land inmitten einer vermoosten Miniaturlandschaft am Fusse einer 90-jährigen Buche beigesetzt. Mit diesen Worten kurz vor seinem Tod hat er sich von uns verabschiedet: „Geht einfach immer davon aus,?dass ich lebe,?auch wenn ich schon gestorben sein sollte.‘“

Teile des vorliegenden Artikels sind in der Zeitschrift „tibia“ Nr. 2/2014 unter dem Titel „Ein Leben zwischen Avantgarde und Spiritualität“ erschienen.

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