Gehörbildung, von Pythagoras bis wohl temperiert

Wie ein umgebautes Portativ das Intonationstraining unterstützen kann


(nmz) -
Alle Musikstudierenden beziehungsweise diejenigen, die sich auf ein solches Studium vorbereiten, belegen in der Regel das Fach Gehörbildung beziehungsweise Hörerziehung, ein wichtiges Fach, das auf die besonderen Höranforderungen des Musikerberufs vorbereiten soll. Ausgeklammert wird dabei oft ein zentraler Aspekt, welcher in der Praxis eine große Rolle spielt: das Intonationshören. Dieses beinhaltet nicht nur die Fähigkeit, das Instrument vor dem Spiel korrekt zu stimmen und während des Spiels durch Voraushören die jeweils exakt richtige Tonhöhe jedes Tones hervorzubringen, sondern auch das Verständnis von übergeordneten melodischen und harmonischen Zusammenhängen.
Ein Artikel von Adrian Wehlte

Zu einem beträchtlichen Teil ist bei Streich- und Blasinstrumenten der Spieler gefordert, mittels entsprechender Technik die gewünschte Tonhöhe möglichst exakt hervorzubringen. Daher ist man vielfach der Auffassung, Intonationsschulung gehöre in den Instrumentalunterricht. Gehörbildungslehrer könnten daher verständlicherweise eine gewisse Scheu empfinden, sich an dieses Thema heranzuwagen. Warum und wie es dennoch sinnvoll sein kann, die Intonationslehre als festen Bestandteil in den Gehörbildungsunterricht für alle Instrumentalisten, auch die, die ein Instrument mit fixierter Tonhöhe spielen, und Sänger mit einzubeziehen, soll im Folgenden dargelegt werden.

Ein neu entwickeltes Instrument macht dem Computer, der vielerorts als Ergänzung des Gehörbildungsunterrichts zum Einsatz kommt, Konkurrenz. Ein Portativ, ursprünglich eine mittelalterliche Kleinorgel, wurde so umkonstruiert, dass mittels eines Schiebehebels und daran angebrachter Mechanik jede einzelne Pfeife bequem in der Tonhöhe reguliert werden kann. Schüler und Studierende können damit Kombinationstöne hören, Intervalle und Akkorde stimmen und Stimmungssysteme begreifen lernen. Die spezielle Stimm-Mechanik, vier Subsemitonien, Windversorgung, Größe und Gewicht unterscheiden das moderne Tischpositiv vom historischen Vorbild. Der Tonumfang umfasst zwei Oktaven, chromatisch von c bis c’’. Einschließlich der Subsemitonien besitzt das Instrument somit 29 Pfeifen.

Mittels einer Spezialmechanik für bewegliche Bärte ist jeder einzelne Ton genau stimmbar. Jede Pfeife besitzt am Labium zwei um eine senkrechte Achse bewegliche Bärte. Jeder Taste beziehungsweise jeder Pfeife ist ein Schiebehebel zugeordnet, der diese Bärte über eine Hebelmechanik bewegt. Über die Hebel kann eine auswechselbare Folie als Blende so angebracht werden, dass die Schiebehebeleinstellungen markiert und benannt werden können. Der Ziehbereich, das heißt der Tonhöhenunterschied bei diesen stimmbaren Pfeifen zwischen offenem und abgedecktem Labium beträgt mindestens 24 Cent, was dem pythagoräischen Komma entspricht (100 Cent entsprechen einem gleichstufig temperierten Halbton). Um historische Stimmungen darstellen zu können, sind pro Oktave zwei Subsemitonien vorgesehen: jeweils dis und es, sowie gis und as erhalten gesonderte Pfeifen, die Obertasten auf der Klaviatur sind entsprechend geteilt.

Wie lässt sich nun das Portativ im Gehörbildungsunterricht einsetzen? Zunächst kann das Instrument dem Studium von Kombinationstönen dienen, einem Phänomen, dessen Wahrnehmung für eine reine Intonation unerlässlich ist: Zwei zusammenklingende Töne erzeugen in der Regel einen dritten oder manchmal vierten Ton. Diese Kombinationstöne zeigen genau an, ob ein Intervall oder ein Akkord sauber gestimmt ist, wie es schon Leopold Mozart in seiner Violinschule exakt beschreibt.

Darüber hinaus bietet das Instrument die Chance, zwei konträre Stimmungs-ideale kennen zu lernen und gegenüber zu stellen. Wie in zahlreichen Publikationen hinreichend beschrieben, lässt unser abendländisches Tonsystem nicht zu, dass absolute Reinheit der Intervalle und Akkorde gleichzeitig mit dem Spiel in allen Tonarten erreicht werden kann. Es müssen also Kompromisse gefunden werden, die sich im Spannungsbereich zweier gegensätzlicher Idealstimmungen, der obertonreinen und der quintenreinen Stimmung, befinden. Nur bei der obertonreinen Stimmung, deren Intervalle den Schwingungsverhältnissen der Partialtonreihe entsprechen, ergeben sich reine Kombinationstöne im Zusammenklang. Diese Stimmung unterstützt reine Dur-Dreiklänge. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird auf das vertikale Geschehen in der Musik gelenkt, schöne Harmonien werden zum Erlebnis in der obertonreinen Stimmung. Die quintenreine Stimmung basiert dagegen auf rein gestimmten Quarten und Quinten. Die Terzabstände weichen gegenüber der obertonreinen Stimmung erheblich ab. Halbtonschritte in der Tonleiter verengen sich, und es entsteht der melodische Leittoneffekt. Die Aufmerksamkeit des Hörers wird hier auf das horizontale Geschehen in der Musik gelenkt, schöne Melodieverläufe werden zum Erlebnis, weshalb sie als Idealstimmung für Gregorianische Choräle und andere Musik in der Zeit der frühen Mehrstimmigkeit galt.

Nachfolgend wird eine Auswahl an Übungen mit dem Portativ beschrieben, die als Einstieg dienen können:

1. Intonieren Sie eine Dur-Tonleiter nur nach dem subjektiven Gefühl eines passenden Melodieverlaufs, ohne je zwei Tasten gemeinsam anzuschlagen. Die Studierenden bemerken erstmals den Konflikt zwischen den beiden Stimmungsidealen, was sich unter anderem in der Unsicherheit äußert, einen akzeptablen Halbtonabstand zu finden. Manche würden am liebsten gar die vorgegebene Oktave spreizen.

2. Intonieren Sie die Dur-Tonleiter ausschließlich durch Zusammenklänge. Die Akkorde, welche die Funktionen Tonika, Subdominante und Dominante repräsentieren, sollen rein sein und passende Kombinationstöne erzeugen. Die Studierenden wundern sich dann meist über den Melodieverlauf der Tonleiter. Außerdem werden sie mit einer extrem engen Quinte vom 2. zum 6. Tonleiterton konfrontiert. Selbst die Beschränkung auf eine einzige Tonart lässt keine Reinheit aller relevanten Intervalle zu.

3. Intonieren Sie die Dur-Tonleiter ausschließlich über reine Quarten und Quinten. Dabei merken die Studierenden, dass die Tonleiter melodisch eher ihren ästhetischen Erwartungen entspricht, die daraus resultierenden Akkorde aber grässlich klingen, da viele Kombinationstöne dissonant sind.

Meist entspinnt sich im Anschluss an diese Übungen eine fruchtbare Diskussion über Ästhetik und Hörgewohnheiten, sowie über Stimmungskompromisse bei Tasteninstrumenten. Ein weiterer Aha-Effekt stellt sich beim Versuch ein, Moll-Dreiklänge sauber zu stimmen. Studierende erkennen die Unmöglichkeit dieses Unterfangens und sehen schließlich die so genannte Picardische Terz, das heißt die Dur-Terz am Schluss eines Mollstücks in neuem Licht. Orgelpunktübungen können folgen, immer lauschend auf die Kombinationstonmelodie, sowie allgemeine Akkordstimmübungen mit Anleitungen zum Selbststudium.

Sehr aufschlussreich ist ein Cantus-Firmus-Stück oder Tenorlied aus dem 15. Jahrhundert, einmal in obertonreiner und einmal in quintenreiner Stimmung gespielt. Das Portativ hilft bei der Erarbeitung in der gewünschten Stimmung. Abgesehen davon, was stilistisch richtig ist, differiert das Musikerlebnis der Spieler und Hörer in frappierender Weise: zum einen das Schwelgen im akkordischen Wohlklang, zum anderen ein deutliches Heraushören der Melodielinien der polyphonen Komposition, einmal ein Erfassen der Komposition in ihrer vertikalen Struktur, das andere Mal in ihrer horizontalen Güte. Hier wird der enge Zusammenhang der Intonation zur Interpretation deutlich: Soll der Hörer eine Stelle vorwiegend harmonisch oder in ihrem melodischen Verlauf erfassen? Gerade auch über die Intonation lässt sich diese Wirkung vom Musiker beeinflussen.

Könnte ein elektronisches Gerät oder ein Computer mit entsprechender Software nicht alles viel besser, schneller und billiger? Zugegeben, das Instrument mit der ausgetüftelten Mechanik und seiner robusten Bauweise aus massiver Eiche hat keinen geringen Preis. Aber dafür können Sachverhalte veranschaulicht werden, die in dieser Form mittels Elektronik kaum vollständig plausibel würden. Der Vorteil einer Computersimulation bestünde darin, sehr schnell die unterschiedlichen Temperierungssysteme nach Kirnberger, Werckmeister, Valotti, Neidhard und anderen einstellen zu können. Doch das Ziel ist es ja gerade, die pythagoräische, reine, mitteltönige, gleichstufig und ungleichstufig temperierte Stimmung zu erfahren und zu verstehen. Das ist ohne großen Zeitverlust mit dem Portativ darstellbar. Für alle, die an historischer Aufführungspraxis interessiert sind, wird es auch nahe liegender sein, nach historischen Stimm-anweisungen die Töne hörend einzustellen, als Centabweichungen in Zahlen einzutippen und das Ergebnis zur Kenntnis zu nehmen.

Gegen den Einsatz eines Computers in diesem Teilbereich der Gehörbildung spricht auch, dass die jungen Leute, die damit umgehen und noch nie die Existenz von Kombinationstönen bemerkt haben, schwer nachvollziehen können, dass die Effekte nicht durch die elektronische Schaltung oder eine Computersoftware zustande kommen, sondern natürliche akustische Phänomene sind. Was liegt näher als dafür ein akustisches Instrument zu verwenden. Die einzigen Instrumente mit anschaulicher Tonerzeugung, die nicht verklingende Dauertöne hervorbringen, sind Dudelsack, Drehleier und Orgel. Tasteninstrumente sind für musiktheoretische Sachverhalte am anschaulichsten. Bleibt also die Kleinorgel das Instrument der Wahl. Neben dem Gehörbildungs- oder Intonationsunterricht leistet das Instrument wertvolle Dienste in den Bereichen Instrumentenkunde, Ensemblespiel und historische Aufführungspraxis.

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