Gesamtkulturelle Verpf lichtung statt Nabelschau

„Spielräume“ – ein Symposion in Berlin zum Thema Musikvermittlung im Bereich der Kirchenmusik


(nmz) -
Sinfonieorchester, Konzerthäuser, auch freie Instrumental- und Vokalensembles kümmern sich bereits seit Jahren um das Thema Musikvermittlung. Etliche Education-Projekte für diverse Zielgruppen sind inzwischen entwickelt worden, stets mit der Intention, einem Publikum von Jung bis Alt das Erleben von Musik als immaterielles „Lebensmittel“ anzubieten, es neu zu erschließen. Nachholbedarf im Hinblick auf dieses wichtige Thema hat stellenweise immer noch die Kirchenmusik. Drängt doch die Frage, wie in einem rasant säkularer werdenden 21. Jahrhundert die Tradition der Kirchenmusik und deren Botschaft in all ihrer ganzen Spannbreite zwischen Singen und ins­trumentalem Musizieren sinnvoll weiter zu geben ist, ob im geistlichen Konzert oder im Gottesdienst.
Ein Artikel von Christoph Schulte im Walde

Nach den Möglichkeiten der Vermittlung solch kirchenmusikalischer Inhalte fragte im September das Symposion „Spielräume“ in Berlin – ein Pilotprojekt, konzipiert von Britta Martini von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und Christina Hollmann, stellvertretende Direktorin der Bundesakademie für musikalische Jugendbildung Trossingen. Als Kooperationspartner stand der Deutsche Musikrat hilfreich zur Verfügung, Unterstützung kam vom Allgemeinen Cäcilien-Verband für Deutschland, der Direktorenkonferenz Kirchenmusik in der evangelischen Kirche in Deutschland und dem Verband evangelischer Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker in Deutschland.

Es war kein gewöhnliches Symposion, bei dem die über 100 Teilnehmenden gelehrten Vorträgen hätten lauschen können oder sich um sorgfältig vorbereitete Fragestellungen kümmern sollten. Im Gegenteil: die „Spielräume“ nahmen vom ersten Moment an jeden Anwesenden in die Pflicht. Denn gearbeitet wurde nach der „Open Space“-Methode, Mitte der 1980er-Jahre in den Vereinigten Staaten entwickelt im Hinblick auf eine effiziente Großgruppenmoderation und ursprünglich gedacht für Manager und Wirtschaftsführer zur Optimierung ihrer Geschäftsaktivitäten. Fußend auf dem Basiskonzept von Britta Martini und Christina Hollmann haben die beiden Komponisten und Musikvermittler Helmut Bieler-Wendt und Bernhard König „Open Space“ in eine Mischform gegossen, wobei wesentliche Aspekte dieser ergebnisoffenen Methode leitend blieben, ergänzt um traditionelle Mittel wie Podiumsdiskussion oder Referat. Oberstes Prinzip: alle Teilnehmenden waren frei in ihren Entscheidungen. Jede und jeder konnte und sollte ganz zu Anfang ein persönliches „Anliegen“ formulieren, über das zu diskutieren sinnvoll schien (etwa „Kulturpolitische Wahrnehmung von Kirchenmusik als wichtiger Bildungsbeitrag – wie kann das vermittelt werden?“ oder „Vermittlung von Popularmusik“). Daraus entstand dann im Idealfall eine Diskussionsgruppe. Wer mochte, konnte daran teilnehmen, ob für fünf Minuten oder für neunzig – eben so lang, wie er oder sie es für angemessen hielt. Der Besuch einer oder mehrerer anderen „Anliegen“-Gruppe stand frei. Oder alternativ: man traf sich, während die Gruppen arbeiteten, ganz zwanglos am permanenten und offenen Pausenbuffet, einem zentral gelegenen Treffpunkt, der sich schnell als Ort der Begegnung und Umschlagplatz von Informationen jedweder Art erwies.

„Open Space“ setzt großes Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen für das ganze Projekt voraus. Denn es ist allein das eigene Engagement, das letztendlich Ergebnisse liefert. Erfahrungen mit musikvermittelnden Methoden zu kommunizieren sowie offene Ohren zu bekommen für neue Anregungen seitens der Kolleginnen und Kollegen – darum ging es. Wie gesagt: vorgefertigte Rezepte waren bei diesem Symposion nicht zu erwarten. Wohl aber gab es quasi „externen“ Input, den Silke Lindenschmidt und Ulf Pankoke lieferten. Beide entwickeln seit drei Jahren bei der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover das Modellprojekt „Vision Kirchenmusik“ und stellten vielfältige Aspekte ihrer Vermittlungsarbeit vor, mit deren Hilfe Kirchenmusik die Chance bekommen kann, in einer profanen Gesellschaft wieder mehr als Kulturgut wahrgenommen zu werden. Ähnlich äußerte sich Andreas Marti, Professor em. für Kirchenmusik an der Theologischen Fakultät der Universität Bern, in seinem lebendig gestalteten Referat. Bildung sei in der Vergangenheit gemeinsame Aufgabe von Kirche und Schule gewesen – eine inzwischen verloren gegangen Verbindung. „Erst, wenn etwas weggefallen ist, wird es als notwendig verspürt“, so Marti. Kirche und Kirchenmusik also als eine Säule fundamentaler (kultureller) Bildung. „Spielräume“ war vor allem intensiv genutzte Zeit für den Austausch von Know-how. Nicht zuletzt wurden neue Kommunikationsplattformen zu konkreten Fragestellungen geboren, etwa ein Netzwerk, das viele Kolleginnen und Kollegen direkt vor Ort gemeinsam gegründet haben und in dem ab sofort an Ideen für Musikvermittlung im kirchlichen Bereich gearbeitet wird.

Spontan erdachte Formen der Vermittlung steckten in dem öffentlichen Konzert mit dem Profi-Vokalensemble „Himlische Cantorey“ sowie in dem am letzten Tag unter den Teilnehmenden gefeierten Gottesdienst. In beiden Fällen erging die Einladung, die jeweiligen Inhalte (Konzertprogramm, Gottesdienstablauf) zu kommentieren, zu kontrastieren, kreativ auszugestalten, verbunden mit dem Anspruch, den musikalischen wie geistlichen Gehalt von Wort und Musik einem potenziellen Publikum respektive einer Gemeinde im 21. Jahrhundert nahezubringen. „Es ist ein wirkliches Zukunftsthema, was hier diskutiert wurde“, resümierte ein Symposion-Teilnehmer. „Und ich betrachte das Symposion als Startschuss, die Aufgabe der Vermittlung im Kollegenkreis noch weiter zu verankern.“ Auch machte die Tagung deutlich, was eine Kantorin aus Norddeutschland so formulierte: „Ich erlebe, dass sich Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker öffnen, dass sie keine Nabelschau betreiben. Sie fühlen sich gesamtkulturell in der Verpflichtung, sie sind gemeinsam auf einem kreativen und konstruktiven Weg in die Gesellschaft. Und ich glaube auch, es ist wichtig, dass Menschen, die erst einmal nichts mit Kirchenmusik zu tun haben, erfahren, dass wir Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker überhaupt kein Interesse daran haben, im eigenen Saft zu schwimmen.“

Wertvoll an diesem Symposion ist auch dessen nachträgliche Aufbereitung zu einer „eDokumentation“ unter der Adresse www.kirchenmusikvermittlung.de. Dort finden sich die Tagungsunterlagen, die Arbeitsergebnisse aus den Gruppen, auch der Vortragstext von Andreas Marti sowie eine umfangreiche, eigens neu bearbeitete Literaturliste zum Thema.

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