Gute Studienbedingungen, tolle Atmosphäre

Zweite Heimat Weimar: asiatische Studierende in der Stadt Franz Liszts


(nmz) -
Ihr Zuhause befindet sich mehrere tausend Kilometer entfernt. Und auch zwischen den Kulturen und Lebensweisen ihrer Herkunftsländer im Fernen Osten und der zeitweiligen Wahlheimat Deutschland liegen oft Welten. Dennoch immatrikulieren sich an deutschen Musikhochschulen jährlich hunderte junge Menschen aus Japan, Südkorea, China, Taiwan oder von den Philippinen. Auch die Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar ist ein beliebter Studienort für angehende Musikerinnen und Musiker aus Asien. Im Folgenden erzählen zwei Studierende und eine Absolventin von ihren bisherigen Erfahrungen und ihren Zukunftswünschen.
Ein Artikel von Ina Schwanse

Für Hsin-Chien Chiu war Deutschland immer ein Land wie aus einem Märchen, faszinierend anders wegen seiner historischen Städte und ausgedehnten Wälder. Bereits in ihrer frühen Jugend lernte die taiwanesische Chordirigentin, das Land in der Mitte Europas lieben – nicht etwa während eines Studien- oder Urlaubsaufenthaltes, sondern dank zahlreicher Fotografien, die ihr ihre damalige Klavierlehrerin zeigte. Hsin-Chien Chiu wuchs in Yi-Lan auf, einer Kleinstadt im Norden Taiwans, unweit der Hauptstadt Taipeh. Seit ihrem fünften Lebensjahr spielt sie Klavier, in der Junior High erhielt sie schließlich Unterricht von einer Pianistin, die in Mannheim und Düsseldorf studiert hatte und später nach Taiwan zurückgekehrt war. „Sie zeigte mir Bilder von verschiedenen Städten, vom Schloss Neuschwanstein und der berühmten Alten Brücke in Heidelberg. Alles sah so alt und hübsch aus“, erinnert sich die 27-Jährige mit leuchtenden Augen.

Für Yuko Okura macht die Faszination Deutschlands seine Sprache aus. „Der Klang des Deutschen ist ziemlich cool“, meint die Japanerin, deren Muttersprache kaum entfernter klingen könnte. Im Alter von zwölf Jahren kam die Musikwissenschaftsstudentin während einer zweiwöchigen Europareise erstmals nach Deutschland. Vier Jahre später wurden schon ein paar Monate daraus: Bei einem Schüleraustausch lebte Yuko Okura 2008/09 bei einer Gastfamilie in Paderborn. Ausgerechnet die Sprache verwehrte ihr dann erst einmal die Aufnahme eines Studiums in Weimar. „Die Eignungsprüfung hatte ich zwar bestanden, aber meine Sprachkenntnisse waren nicht ausreichend“, so die 23-Jährige. Doch sie blieb dran, und ein Jahr später klappte es, das geforderte Niveau C1 nachzuweisen.

Von der Stahl- in die Kulturstadt

„Die klassische Musik hat in Europa in ihren Anfang genommen. Warum also nicht auch dort studieren?“, denkt Hao’en Xing aus China ganz pragmatisch. Wie seine taiwanesische Kommilitonin erhielt auch der Opernsänger den entscheidenden Impuls für die Wahl seines Studienortes aus dem Bekanntenkreis. „Mehrere Freunde haben mir von den guten Studienbedingungen und der tollen Atmosphäre erzählt.“ Bereits ein halbes Jahr nach seinem Abitur packte der heute 28-Jährige seine Koffer und siedelte von Anshan, der „Stahlstadt Chinas“ im Nordosten des Landes, nach Weimar über. Von seiner Familie getrennt zu leben war Hao’en Xing zu diesem Zeitpunkt schon gewohnt. Seit seinem zwölften Lebensjahr hatte er Gymnasien besucht, die mehrere Stunden von seinem Elternhaus entfernt lagen.

„Ich bin meiner Mutter unheimlich dankbar, dass sie mich verstanden hat und gehen ließ“, bemerkt auch Hsin-Chien Chiu. Sie hat keine Geschwister, ihr Vater verstarb früh, so dass ihre Mutter nun schon seit vielen Jahren allein lebt. Als Klavierlehrerin wisse sie jedoch, was für ein Gefühl es ist, Musik zu machen. „Die musikalische Qualität in Deutschland ist einfach sehr hoch“, erklärt die 27-Jährige ihren Wegzug. „Meine emotionale Beziehung zum Weihnachtsoratorium und zur Matthäuspassion ist hier eine völlig andere geworden.“ In Taiwan gebe es nur sehr wenig geistliche Musik, lediglich Gospellieder aus den Vereinigten Staaten. Ein Defizit, wie die überzeugte Christin findet. Schon zu Hause sang sie im Kirchenchor ihrer Gemeinde, lernte auch Geige und war Mitglied im Streichorchester und im Chor ihrer Schule.

Nachdem sie ein Jahr lang Gesang an der Taipeh National University of the Arts studiert hatte, schrieb sich Hsin-Chien Chiu an der Evangelischen Hochschule für Kirchenmusik in Halle ein. Gregor Meyer, einer ihrer Hallenser Lehrer und Leiter des Leipziger Gewandhauschores, war es schließlich, der sie an die Chorarbeit heranführte. In Weimar studierte die Taiwanesin schließlich von April 2013 bis März 2015 Chordirigieren in der Klasse von Prof. Jürgen Puschbeck – und schwärmt von der Ausbildung: „An anderen Hochschulen gibt es weit weniger Praxis mit Chören. Und auch der Unterricht in den Fächern Orchesterdirigieren und Korrepetition ist ein riesen Pluspunkt.“ Man merke, dass alle füreinander da seien, fasst Hsin-Chien Chiu die Stimmung am Institut für Dirigieren und Opernkorrepetition zusammen.

Zurück zu den Wurzeln

Wohl fühlt sich auch Sänger Hao’en Xing: „Weimar ist meine zweite Heimat geworden. Am meisten liebe ich die Stadt wegen ihrer Ruhe.“ Am Anfang ist es ihm schwergefallen, die vertraute chinesische Kultur loszulassen. „Ich koche zwar immer noch häufig chinesisch, aber nach sieben Jahren in Deutschland liegen inzwischen auch Brot, Salat und Spaghetti auf meinem Teller“, gibt er indes lachend zu. Für das Sommersemester 2015 bereitet er mit seinem Gesangsprofessor Hans-Joachim Beyer nun seinen Diplomabschluss vor. In den vergangenen Jahren war der Bariton in verschiedenen Produktionen der Weimarer Opernschule zu erleben gewesen, darunter in Cimarosas „Die heimliche Ehe“ und Künnekes „Der Vetter aus Dingsda“. Gastengagements führten ihn an die Theater Erfurt und Nordhausen.
In seinem Diplomkonzert will Hao’en Xing nun bewusst auch zu seinen Wurzeln zurückkehren und hat für das Programm drei moderne chinesische Lieder herausgesucht. „Sie wurden nach 1950 komponiert und sind in China sehr bekannt. Es bedeutet mir sehr viel, sie hier in meiner Muttersprache präsentieren zu können.“ Yuko Okura, die japanische Studentin vom Institut für Musikwissenschaft Weimar-Jena, dringt derweil ebenfalls in die Musikkultur ihres Heimatlandes ein und analysiert in ihrer Bachelorarbeit zwei Werke des japanischen Avantgarde-Komponisten Toru Takemitsu. „Das ist eine Chance für mich, über etwas zu schreiben, das mit mir und meiner Herkunft zu tun hat, jedoch ganz neu für mich ist.“ Ursprünglich wollte die 23-Jährige Orchestermusikerin werden. Das hohe Pensum an Übestunden schreckte sie aber ab: „Ich habe großen Respekt vor allen, die sich mehrere Stunden täglich dem Geige- oder Klavierspielen widmen. Für mich habe ich festgestellt, dass ich das nicht möchte.“

Aber ein Berufsleben abseits der Musikwelt? Das kam auch nicht in Frage. Yuko Okuras Ziel ist es momentan, Orchestermanagerin zu werden. Den Grundstein dafür legte sie bereits, wählte in Ergänzung zur Musikwissenschaft das in Deutschland einzigartige Studienfach Interkulturelles Musik- und Veranstaltungsmanagement. Außerdem leitete sie ein Jahr lang das Orchesterbüro des Collegium Musicum Weimar, eines Ensembles aus Weimarer Musikwissenschafts- und Schulmusikstudenten sowie Studierenden der Bauhaus-Universität Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Es ist ein tolles Gefühl, hinter der Bühne zu stehen, auf die schönen Töne zu warten und sich mit dem Orchester zu freuen, wenn es die schwierigen Stellen gemeistert hat.“

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