„Heimatsound“, nur anders

JU[MB]LE, das Jugendensemble für Neue Musik feierte seine Gründung


(nmz) -
„Glücklich: Komponist Volker Nickel und Dirigent Johannes X. Schachtner nach der Aufführung von Nickels ‚Divertimento II‘ – Ihr wart toll JU[MB]-LEs!“ Mit den „Jumbles“ sind keine Akrobaten gemeint, sondern junge Musiker/-innen, die am Abend vor dem Facebook-Eintrag das Gründungskonzert des Jugendensembles für Neue Musik Bayern erfolgreich bewältigt haben. Das war in der Black Box des Münchner Gasteig.
Ein Artikel von Michael Scheiner

Bereits eine Woche vor dem aDevantgarde-Festival – in dessen Rahmen das Konzert stattfand – zeichnete sich bei Proben in der Musikakademie Alteglofsheim ab, was danach im Social-Media-Netz beinahe euphorisch bejubelt wurde. Der Münchner Tonsetzer Nickel war am letzten Tag der mehrtägigen Vorbereitung selbst angereist, um bei der Probe seines – untanzbaren – mehrsätzigen „Vergnügens“ dabei zu sein. Schon da zeigte er sich von der Handhabung seines Stücks durch die jungen Leute sehr angetan. Auch wenn er hier und da noch Anmerkungen hatte, wie eine bestimmte Passage oder eine Stimme seiner Meinung nach klingen sollte.

Zu diesem Zeitpunkt war das Gründungskonzert, auf das sich die Gruppe in der niederbayerisch-oberpfälzischen Provinz vorbereitet hatte, noch ein Stück weit entfernt. Gut ein Dutzend junger Menschen zwischen 14 und 19 Jahren hatten sich für die halbe Probenwoche angemeldet und waren mit ihren Instrumenten an Fronleichnam angereist. Sie waren einem Aufruf auf Facebook gefolgt oder von ihrem Musiklehrer gefragt worden, ob sie Lust hätten, bei einem neuen Kammerorchester mitzumachen. Initiiert haben das Jugendensemble, das sich angelehnt an den englischen Begriff für „Wirrwarr“ oder „Durcheinander“ so prägnant und launig JU[MB]LE abkürzt, Alexander Strauch und Johannes X. Schachtner. Die beiden Komponisten und Musiker sind damit die Gründungsväter des Ensembles in Sinfoniettabesetzung. Und aus dem Nachzügler in Sachen Jugendensembles für Neue Musik, dem Kulturland Bayern, wird in Zukunft wieder ein wertvolles Mitglied bundesdeutscher Fortschrittlichkeit.

Neben Nickels „Divertimento II“, das von starken klanglichen und stilistischen Kontrasten sowie eruptiven Momenten und zarten poetischen Motiven lebt, erarbeiteten die Jugendlichen zwei – von insgesamt vier vorgesehenen – weitere Stücke zeitgenössischer Komponisten. Als Uraufführung eine „Stubn’musi“ der jungen Komponistin Birke J. Bertelsmeier aus Hilden und „NONcerto Nr. 31“ von Richard Ayres. „Die Dufay-Bearbeitungen von Isabel Mundry mussten wir weglassen,“ seufzt mit hörbarem Bedauern Alexander Strauch, „bei den Proben hat sich gezeigt, dass einige sehr schwierige Stellen drin sind. Dafür hätten wir zusätzlich noch einige Tage proben müssen.“ Die drei verbliebenen Stücke wurden im Kaisersaal des im Barock umgebauten Schlosses geprobt, das seit über 15 Jahren die Bayerische Musik­akademie beherbergt. Der auch „Graues Zimmer“ bezeichnete Raum überwältigt mit barocker Fülle und glänzt mit einer prachtvollen Stuckdecke mit lebensgroßen Figuren vielmehr goldfarben als grau. „Es ist einfach toll hier“, schwärmten einige der jungen Leute. „Wenn du in Bayern Musik machst, musst du einfach einmal hier gewesen sein“, meinte eine junge Geigerin mit schelmischen Lachen.

Schachtner und Strauch nahmen im Frühjahr 2014 an einer Tagung für Neue Musik in Thüringen teil. Dort präsentierten sich Jugendensembles einiger anderer Bundesländer. Danach stand für die beiden fest: „Wenn jetzt sogar die Berliner das machen, dann muss Bayern ebenfalls ran!“ Der Freistaat, hebt Strauch spürbar begeistert hervor, „hat damit als letztes Bundesland endlich auch ein solches Nachwuchs­ensemble bekommen, mit Musikern auf Jugend-musiziert-Niveau.“ Es folgte ein Aufruf über die bayerischen Musikschulen und ein erstes Probenwochenende im März in München. Hier lernten sich die jungen Leute und ihr neuer musikalischer Leiter Schachtner erstmals kennen. Über das aDevantgarde-Festival und den Münchner Tonkünstlerverband, der mit dem Landesverband zusammen die Trägerschaft übernommen hat, konnte mit Hilfe der Versicherungskammer Kulturstiftung und der Stadt München relativ schnell eine Finanzierung auf die Beine gestellt werden. Mit dieser großzügigen Anschubförderung sind bis einschließlich kommenden Jahres weitere Proben und Aufführungen – wie im Herbst bei den Sternstunden – für JU[MB]LE gesichert. Dazu beigetragen hat auch, dass die zwei Komponisten heuer erstmals gemeinsam das von Moritz Eggert und Sandeep Bhagwati Anfang der 90er-Jahre gegründete Festival „aDevantgarde“ leiteten. Es ist Mitte Juni mit acht Konzerten sehr erfolgreich über die Bühne gegangen. Im Wechsel mit der Münchner Biennale findet es alle zwei Jahre in der Landeshauptstadt statt.

Für die jungen JU[MB]LE-Musiker ist die überwiegend erstmalige Begegnung mit zeitgenössischer Musik ein Gewinn gewesen. Die Flötistin Melanie Gleisner (20) aus München und die 17-jährige Magdalena Steinbauer (Oboe) stimmen überein, dass „das was ich im Musikunterricht spiele und was mir ziemlich schwer vorkommt, mir jetzt rhythmisch ganz einfach erscheint“. Gegenüber den vertrackten Dingen, die sie jetzt für den Auftritt im Gasteig proben würden, seien die klassischen Sachen fast kinderleicht. „Wenn du aber einmal verstanden hast, was die Musik ausmacht und der Komponist meint“, strahlen die beiden Instrumentalistinnen unisono, „dann macht es richtig Spaß!“ Dass es dabei auch mal richtig laut hergeht, wie in Nickels dynamisch extrem verschachtelten „Divertimento II“, sei zwar anstrengend, aber gleichzeitig könne man „richtig aus der Haut fahren“. Für den künstlerisch-pädagogischen Leiter Strauch war das wiederum der Anlass für einen besorgten Blick hoch zum ersten Stock, wo hinter den Doppelfenstern geprobt wurde. „Zeitgenössisches hält sich nicht an Vorschriften“, deutete er zu den Nachbarhäusern, die etwa 30 bis 40 Meter entfernt hinter der Umfassung des kleinen Barockgartens liegen. „Drei- oder vierfaches Fortissimo, da dringt öfter mal etwas durch die ,Verlustzone’“, wie die Fenster hier genannt werden, „und stört vielleicht die Nachbarn.“ Ein Wochenende hier auf dem Land wird höchstens mal durch röhrende PS-Boliden, Kirchenglocken oder Geschrei vom nahen Fußballplatz gestört. In Alteglofsheim aber haben sich die Anwohner längst mit der Musikakademie angefreundet und verkraften auch gelegentliche Lautstärkespitzen. Ob sie auch, wie bei den an der Akademie beheimateten Rentner-Rockbands, Konzerte des jungen Ensembles besuchen würden, bleibt abzuwarten. Vielleicht stellt JU[MB]LE beim nächsten Probenzyklus das Erarbeitete am Ort vor. Auch wenn das dann für ungeübte Ohren ein wenig schräg klingen mag, es ist Musik zum Genießen. Denn dem Leitungs-Duo liegt viel daran, „Sachen zu finden, die den Jugendlichen richtig Spaß machen.“ Schließlich sollen „alle etwas davon haben – Zuhörer und die Musizierenden“, unterstreicht Strauch gestenreich sein pädagogisch-künstlerisches Credo. Ob es reicht, dass JU[MB]LE auch irgendwann auf einer Heimatsound-CD des Bayerischen Rundfunk landet – inhaltlich und formal passt es garantiert – wird vermutlich Utopie bleiben.

Das könnte Sie auch interessieren: