Heraus aus der Nische

Studio für Neue Musik der Uni Siegen etabliert musikalische Gegenwart in der Stadtgesellschaft


(nmz) -
Olivier Messiaens „Quartett vom Ende der Zeit“ markierte bei seiner Uraufführung eine Aufbruchsstimmung. Mit Instrumenten, die eigentlich gar nicht zusammenpassen, wurde unter schwierigsten Zeitumständen an die Kraft des Musischen, an Humanität appelliert. Als besagtes Meisterwerk im Jahr 1995 in einem Seminarraum der Universität Siegen erklang, stand es für einen anderen Aufbruch, nämlich für den Beginn der Erfolgsgeschichte des „Studios für Neue Musik“ an der Universität Siegen.
Ein Artikel von Stefan Pieper

25 Jahre und 166 Konzerte später gibt Martin Herchenröder beim Festkonzert im Apollo-Theater alle Komplimente erst einmal weiter: „Vor allem bin ich von meinem Publikum begeistert. Die Menschen sind für alles offen, was neu und gut ist.“ Aber einer jener Momente, für die Matthias Herchenröder seinen Job manchmal verflucht, ist zum Zeitpunkt des Konzertes im Apollo-Theater gerade mal 24 Stunden her: Das Kuss-Quartett, welches für den Abend gebucht war, sagt ab. Bratschist William Coleman ist gestürzt und kommt mit einem gebrochenen Finger ins Krankenhaus. Herchenröder, der jedes Jahr für eine Gastprofessur in den USA gebucht ist, hat genügend internationale Kontakte und schafft Ersatz: Das britische Marmen-Quartett kann kurzfristig „einspringen“. Der Abend demonstriert gerade dadurch umso beispielhafter, wie lebendig die musikalische Gegenwart in Siegen vermittelt wird. Mit kurzweiliger didaktischer Kompetenz macht Herchenröders Moderation die Zusammenhänge zwischen den vom Marmen-Quartett mitgebrachten Stücken von Sciarrino und Ligeti sowie Beet­hoven und Haydn deutlich.  

Der gemeinsame Nenner: Das eine wie das andere war irgendwann einmal „Neue Musik“. Geht es doch hier darum, auf der Suche nach neuen Möglichkeiten Konventionen umzustoßen. Genau das tun Johannes Marmen, Ricky Gore (Violine), Bryony Gibson-Cornish (Viola) und Steffan Morris (Violoncello). In Salvatore Sciarrinos Quartett Nr. 7 ziehen die Briten die Zuhörer in einen cineastischen Kosmos unmittelbarer Klangereignisse hinein. Vor allem das feingewebte Netz aus Glissando-Effekten entfaltet viel suggestive Bildkraft. In welcher Weltklasse die britischen Streicher unterwegs sind, zeigt sich weiterhin in György Ligetis erstem Streichquartett aus den frühen 1950er Jahren mit einer extrovertierten Rhetorik voller Brüche und Umbrüche. Diese Klänge durchbrechen auch hier, unter den zupackenden Händen des Marmen-Quartetts, jede wohlfeile glatte Oberfläche.

Herchenröder spricht zwischendurch über die gesellschaftliche Dimension: Die Mächtigen in Ungarn waren sich der subversiven Konnotation von künstlerischer Avantgarde bewusst. Die Unterdrückungsparanoia ging so weit, dass sogar ausländische Rundfunkübertragungen solcher Musik durch Störsender unterbrochen wurden. Haydns Streichquartett Nr. 44 und Beethovens f-Moll-Quartett wirbeln ebenfalls vieles durcheinander, vor allem bisher gültige satztechnische Regeln. Und sie dringen auch in neue, bis dahin so noch nicht übliche Klang- und Tonräume. Sich an Neuer Musik forschend abzuarbeiten, schult die musikalische Hellsicht im Ganzen, das beweist das Marmen-Quartett in Siegen eindrücklich: So wie sie Sciarrino und Ligeti forschend auf den Grund gehen, so erfrischend unmittelbar lassen sie sich auf die Wiener Klassik ein.

Die Vorstellung, dass es heute keine Zensur mehr braucht, weil die kommerzielle Unterhaltungsindustrie das Unbequeme und Widerständige ja genug erdrückt, gilt in der Kulturlandschaft von Siegen nur bedingt. Herchenröder hat Studierende, Musikbegeisterte, aber auch Förderer, Sponsoren und Kooperationspartner in 25 Jahren nachhaltig sensibilisiert. Beeindruckend ist heute die Chronik von Erst- und Uraufführungen sowie prominenten Gastspielen inklusive Ensemble Modern, Arditti String Quartet oder Tabea Zimmermann. Dahinter steht für Martin Herchenröder eine konsequente Haltung: Um Menschen unmittelbar für Neues zu begeistern, ist die beste Qualität gerade gut genug. Es geht um noch mehr: um Ausstrahlung. Durch unerbittliches Networking konnte „die“ Neue Musik aus ihrer vielbeschworenen „Nische“ heraustreten und sich in vielen Erscheinungsformen im Kulturleben von Siegen ausbreiten. Viel gefragt sind die von Herchenröder kuratierten Kirchenkonzerte, die sich manchmal zu raffinierten Raumklang-Happenings ausweiten. Schulen, Museen und Industriedenkmäler werden ebenfalls regelmäßig bespielt. Im Alten Schießstand, einer ehemaligen Bunkeranlage aus dem Zweiten Weltkrieg, kam es unlängst zu einer beeindruckenden Performance mit freier Musik und Lichtkunst – eine der aufwändigsten interdisziplinären Produktionen bislang.

Viele Sponsoren haben erkannt, dass es dem weichen Standortfaktor gut tut, sich der Mittelmäßigkeit zu verweigern. Umso wichtiger, seit sich die Universität Siegen ihrerseits aus der Finanzierung der Konzertreihen zurückgezogen hat. Die Botschaft soll nach außen dringen: Damit man nicht allein von der Gnade etablierter Rundfunkanstalten abhängig ist (obschon der WDR schon mehrmals in Siegen aufgenommen hat), produzieren die Studierenden regelmäßige Podcastserien.

Beachtung verdienen auch die kunstvoll gestalteten Plakate für sämtliche Veranstaltungen des Studios für Neue Musik, für die der Kölner Maler und Grafiker Daniel Hees verantwortlich ist. Über 100 von ihnen sind in einem Sammelband veröffentlicht. (Martin Herchenröder: Universität Siegen – Studio für Neue Musik. Die Plakate, Siegen: universi 2013, 125 S., ISBN 978-3-936533-46-0 )

Das könnte Sie auch interessieren: