Historisch und emotional vermintes Musiktheater

Ein Sammelband vereint Ergebnisse des Symposiums „Judentum in der Oper“


(nmz) -
Anlässlich einer Neuinszenierung von Fromental Halévys „La Juive“ veranstaltete Antwerpens Opera Vlaanderen ein Symposium, bei dem Einflüsse jüdischer Kultur und Opernkunst multiperspektivisch betrachtet werden sollten. Entsprechend international war das Podium mit Wissenschaftlern und Künstlern besetzt. Der zweisprachige Band fordert das Englisch des deutschen Lesers fachspezifisch und nuanciert zu Musik, Kunst und Psychologie heraus.
Ein Artikel von Wolf-Dieter Peter

Als Generallinie der mitdiskutierenden jüdischen Künstler – etwa Jossi Wieler, Ioan Holender, Moshe Leiser, Barrie Kosky, Neil Shicoff – wurde klar, dass es keine spezifisch „jüdische“ Interpretation, Inszenierung oder Gestaltung gibt. Dennoch spielt die jüdische Abstammung eine Rolle: Sänger führen den Einfluss des Kantor-Gesangs an; die Offenlegung versteckter Klischees über „die Juden“ wird diskutiert; jüdische Wissenschaftler betonen mehrfach die zentrale „unüberwindbare“ Zäsur im kollektiven jüdischen Selbstbewusstsein, die der Holocaust darstellt.

Beeindruckend zu lesen ist, wie etwa der aus der Nähe von Konstanz stammende Jossi Wieler bei der Bildersuche zum Konzil von 1415 auf Fotos von 1939 stieß, in der Konstanzer Bürger als „Emigranten mit Koffer“ kostümiert beim Faschingsumzug mitmarschierten – und er das dann seinem Staatsopernchor aus 17 Nationen verständlich machen musste. Hier und auch in vielen anderen Aussagen schwingt der Begriff „Schmerz-Potential“ mit.

Das ruft auch künstlerische „Re-Aktionen“ hervor, wozu Chaya Czernowin ausführt, dass ihr „Pnima“ von 2000 auch eine Art Rebellion darstellt: gegen den „Holocaust als Bibel, die nicht hinterfragt werden darf“. Peter Konwitschnys kühne Entscheidung, in seiner „Jüdin“-Inszenierung eine immer klischee-gefährdete Juden-Christen-Bebilderung zu umgehen, indem sich Menschen mit blauen und gelben Händen begegnen und gegenüberstehen, wird diskutiert, kontrovers speziell seine Werk-Zutat, die als Jüdin erzogene Christen-Tochter Rachel am Ende mit Sprenggürtel als Dschihadis­tin alles in die Luft sprengen zu lassen.

Die viele Einzeluntersuchungen und Fachaufsätze zusammenfassenden Vorträge von Hilde Haider, Erik Levi, Susanne Vill und Mathias Spohr machen das beeindruckend weite und vielfältige Spektrum jüdischer Künstler seit der frühen Neuzeit, speziell dann in der Aufklärung und im 19. wie 20. Jahrhundert kompakt überschaubar; hier werden auch Singspiele, die komische Oper, Brettl-Künstler, die klassische Operette und das Musical mit einbezogen, dazu Seitenblicke auf Musik-Filme – ein großer Lesegewinn. Dazu zählt auch der Ausblick auf Werke, die um jüdische Identität nach dem Holocaust kreisen, von der überwältigenden Wiederentdeckung von Weinbergs „Passagierin“ bei den Bregenzer Festspielen 2010 bis hin zu Jehoash Hirshbergs Überblick und tabellarischer Zusammenstellung israelischer Opern von 1917 bis 2016.

Insgesamt bestätigt sich nach eingehender Lektüre des durch Anmerkungen, Literaturangaben und Regis­ter gut benutzbaren und zu weiterer Lektüre anregenden Bandes zum Komplex „Judentum und Musiktheater“ leider ein fast dreihundert Jahre alter Satz des Aufklärers Jonathan Swift: „Wir haben gerade genug Religion in uns, um uns zu hassen, aber nicht genug, um uns zu lieben.“

  • Judaism in Opera – Judentum in der Oper, hrsg. v. Isolde Schmid-Reiter/Aviel Cahn (Schriften der Europäischen Musiktheater-Akademie, Bd. 11), ConBrio, Regensburg 2017, 368 S., Abb., € 34,00, ISBN 978-3-940768-68-1

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