Hochkultur der Streichquartette

Bewerberrekord und ein Sonderlob fürs Publikum: der ARD-Wettbewerb 2012 in München


(nmz) -
Ein außergewöhnlicher Jahrgang, dieser 61. ARD-Musikwettbewerb in München, den traditionsgemäß der Bayerische Rundfunk ausrichtet, seine beiden Orchester in den Dienst der Kandidaten stellt und als drittes das Münchner Kammerorchester einbezieht. Generationen von Musikerinnen und Musikern waren mittlerweile in seinem Blickfeld, haben sich auf seinen Wettbewerbspodien Erfahrung, Auszeichnung, Beratung und Förderung geholt. Inzwischen hat er sich selbst eingeholt. Vor 55 und 50 Jahren war Karl Leister hier Klarinetten-Preisträger, diesmal bewertete er mit Sabine Meyer und Kollegen aus anderen Ländern die Nachfolger seines Faches. Heime Müller, ehedem Geiger des 1996 in München ausgezeichneten Artemis-Quartetts, teilte sich die Juryarbeit mit weiteren quartetterfahrenen Musikern aus dem Talich-, Ebène-, Brodsky-, Vertavo- und Zehetmair-Quartett; 13 eingeladene Ensembles gab es zu bewerten, jedem widmeten sie sich in wenigs-tens zwei bis drei Stunden Vorspiel.
Ein Artikel von Eckart Rohlfs

Was drängt nun den künstlerischen Nachwuchs, sich in solchen Scharen – diesmal fast 500 junge Musikerinnen und Musiker in den drei Kategorien Klarinette, Gesang und Kammermusik – zur Teilnahme an einem Wettbewerb zu bewerben, dessen Anspruch und Ruf entsprechend steigenden Anforderungen in der Ausbildungs- und Berufspraxis zweifelsohne von Jahr zu Jahr ansteigt, also eher abschreckend sein dürfte? Immerhin hat es sich herumgesprochen, dass hier nicht das Motto „immer schneller, immer lauter, immer virtuoser“ gilt, sondern neben selbstverständlich perfekter Spieltechnik vordringlich künstlerische Reife, persönliche Ausstrahlung, individuelle Interpretation gefragt sind und natürlich ein strapazierfähiges nervliches Durchhaltevermögen. Oder wie Sabine Meyer vereinfacht formulierte: „Man muss musikalisch unterfüttert sein.“ Zweifelsohne locken auch die relativ hohen Geldpreise (zwischen 5.000 und 10.000, im Ensemble bis 24.000 Euro sowie unzählige Sonderpreise). Die an diesem Preissegen dann doch keinen Anteil haben (und das ist die Mehrzahl der Teilnehmer), können sich damit trösten, dass ihr größter Gewinn in der Vorbereitung und in den gesammelten Erfahrungen liegt, also schon der Weg zum Wettbewerbspodium primäres Ziel bleibt. In der Tat sind allein schon die Anforderungen an das Repertoire in den einzelnen Fächern enorm hoch, vielseitig in der Stilistik, im technischen Anspruch. Dazu Verstehen und Darstellen jenes kurzfristig als Pflichtwerk auferlegte Auftragswerk. Damit soll Umgang und Realisation aktueller zeitgenössischer Musik bewiesen werden. So war es spannend und aufregend zugleich, wie die Kandidaten diese Stücke bewältigten, bei Klarinette „Cirrus Light“ des britischen Komponisten Jonathan Harvey, für Gesang Manfred Trojahns Gesänge des Kaspar Hauser, für Streichquartett das deutungsreiche „Lost Prayers“ des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür, Stücke, die man wiederholt, aber teilweise in recht unterschiedlicher Darstellung erleben konnte. 

Überraschend war die hohe Zahl der Bewerbungen im Fach Klarinette. Von über 250 waren gerade 36 zur Teilnahme „ausgesiebt“. Drei von ihnen erreichten das Finale, bei dem sie sich mit den farbigen und spritzigen Konzerten von Nielsen und Françaix, begleitet vom Symphonieorchester des BR so darstellten, dass die Jury sich unter dem Gesamteindruck der vier Runden zu keinem heraushebenden 1. Preis, aber – erstmals in der Wettbewerbsgeschichte – zu drei gleichen zweiten Preisen verständigte: für die Belgierin Annelien van Wauwe, den Russen Sergey Eletskiy und den Serben Stojan Krkuleski. Ihm gab das Publikum sein Votum und die Alice Rosner-Stiftung den Sonderpreis für die überzeugendste Interpretation der Auftragskomposition.

In die Vokaljury unter Kammersängerin Brigitte Fassbaender waren als ehemalige ARD-Preisträger der englische Bariton Konrad Jarnot und die Kanadierin Edith Wiens berufen. Sie hatten einen Marathon von 120 Vokalisten, getrennt nach Frauen- und (31) Männerstimmen, zu beurteilen, aufgeteilt nach den Schwerpunkten Oper und Konzert, die Hälfte aus europäischen Ländern, darunter 21 Deutsche, über ein Drittel aus Südkorea und Japan, 11 aus Amerika und Australien. Auffallend die Altersstruktur, die sich hier mehr im oberen Bereich des Alterslimits, zwischen Mitte Zwanzig und Anfang Dreißig, bewegt. Auffallend zugleich, dass Kandidaten der Opernsparte in hohem Maße von ihren vorangehenden Bühnenerfahrungen profitieren, also mehr Bühnensicherheit, gewandtere Auftrittspräsenz und eine in der Praxis gereiftere Stimmqualität mitbringen können. Bei den Wettbewerben für Instrumentalisten orientiert sich die Zielgruppe dagegen mehr auf junge Musiker nach dem Studien-Ende, also auf Jungzwanziger. Sie versprechen sich mit Blick auf zunehmend harte Konkurrenz aus ihrer Wettbewerbsteilnahme internationalen Vergleich, persönliche Einschätzung ihrer künstlerischen Fähigkeiten, Bilanz ihrer Begabung, im besten Falle und in stiller Hoffnung eine Auszeichnung.

Bewertungsdifferenzen gab es auch im Gesangsfach – verständlich, weil die Jury das Resümee aus den anspruchsvollen Repertoireforderungen aller vier Durchgänge zu ziehen hatte, das Publikum sich dabei auf das Finale konzentrierte. Hier gewann die ukrainische Sopranistin Olena Tokar mit ihrer anrührenden ausdrucksintensiven Pamina- und Margarete-Stimme den 1. Preis, die beiden Südkoreanerinnen Sumi Hwang und Anna Sohn mit ihren klangfarblich interessanten und Opern-erfahrenen Stimmen erhielten je einen 2. Preis. Die deutsche Sopranistin Sophia Christine Brommer, eine kräftige Lulu und Traviata, ausgebildet an der Hochschule in München und bereits vielseitig eingesetztes Ensemblemitglied in Augsburg, empfing von der Jury den 3. Preis, und ebenso den Preis des Publikums. Unterschiedlich beeindruckend waren die kräftigen, dann aber auch sehr differenziert erklingenden Männerstimmen. Statt einem 1. Preis gingen zwei 2. Preise an den US-Amerikaner Dashon Burton und – zusammen mit dem Publikumspreis – an den Südkoreaner Hansung Yoo, der 3. Preis an den Südkoreaner Kyubong Lee.

Die derzeit auffallende Hochkultur an Streichquartetten – bei Spielern ebenso wie im Publikumsecho – lässt sich an der relativ hohen Bewerbungszahl für den diesjährigen ARD-Wettbewerb ablesen. Schon in den ersten Runden stauten sich die Zuhörer im Rundfunkstudio. Zusätzliche Übertragungen der öffentlichen Vorspiele mussten her. Von 18 Quartetten traten schließlich 13 an, davon zwei aus Deutschland, eines aus Österreich, fünf aus weiteren europäischen Ländern, vier aus dem Fernen Osten und eines aus Amerika. Die Jury war vom Spielniveau so angetan, dass sie sogar alle Quartette in den zweiten Durchgang bestellte. Sechs durften sich im Semifinale präsentieren. Dort war neben dem klassischen Repertoire das klanglich diffizile ausdrucksvolle Auftragswerk von Tüür zu hören, sechsmal sehr verschieden interpretiert. Im Finale waren es nur noch vier. Jury und Publikum waren sich einig: Der 1. Preis (und die meisten Sonderpreise) galten dem noch recht jungen deutschen Armida Quartett aus Berlin (im Vorjahre in Genf ebenfalls an der Spitze). Mit vielen Engagements vor und nach diesem Wettbewerb dürfte ihm der Aufstieg in den Konzert-Olymp sicher sein. Der 2. Preis fiel dem Novus String Quartett aus Südkorea zu, der 3. dem Calidore String Quartet aus USA/Kanada. Das erst seit 2009 agierende französische Quatuor Zaïde verdiente durchaus Aufmerksamkeit, musste sich jedoch mit dem Sonderpreis der Alice-Rosner-Stiftung für seine Xenakis-Interpretation zufrieden geben. 

Ein Sonderlob hatte sich das Publikum verdient, das die zwei Wochen hindurch die Kandidaten treu und kontinuierlich begleitete, anfeuerte und mitzitterte. Die Medien mit Direkt-übertragungen, Aufzeichnungen und Sendungen im Hör-und Fernsehfunk einschließlich Livestream, taten ihr Übriges. Münchens aufmerksamer Künstlerbetreuer Hörtnagel, besonders besorgt um das Konzertpublikum von Morgen, schüttelt skeptisch den Kopf: großartig die Leistungen der Musiker, großartig die aufsteigenden Quartette, enorm die hochkarätige Konkurrenz, aber eine Katastrophe sei es, dass sich junges Publikum für den Konzertbesuch nicht interessiere. 

Das könnte Sie auch interessieren: