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Seine eigene Instanz – Anno Schreier. Foto: Yoko Jungesblut
Seine eigene Instanz – Anno Schreier. Foto: Yoko Jungesblut
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„Ich weiß nicht, was das Neue sein soll“

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Der Komponist Anno Schreier im Gespräch
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Anno Schreiers Opern werden nicht auf Neue-Musik-Festivals, sondern an Stadttheatern gespielt. Der in Karlsruhe lebende Komponist zeigt in seinen Werken einen unverkrampften Umgang mit der musikalischen Vergangenheit. Georg Rudiger hat den 39-jährigen Komponisten in Baden-Baden getroffen und sich mit ihm einen Nachmittag lang unterhalten – über den Reiz von Einschränkungen, sein Desinteresse an elektronischer Musik und über seine neue Oper.

neue musikzeitung: Im Freiburger E-Werk Freiburg wurde im Herbst 2018 ein von Ihnen komponierter Prolog und Epilog zu Viktor Ullmans Oper „Der Kaiser von Atlantis“ uraufgeführt. Einige Wochen später war Ihr szenischer Liederzyklus „Wunderland“ am Freiburger Theater zu hören. Nun steht als nächstes die Uraufführung Ihrer neuen Oper „Schade, dass sie eine Hure war“ in Düsseldorf an. Wie fühlen Sie sich als erfolgreicher Komponist?

Anno Schreier: Erfolg ist natürlich ein sehr weiter Begriff. Wenn ich das machen kann, was ich machen will, dann ist das für mich zufriedenstellend und persönlich auch ein Erfolg. Natürlich möchte man auch Bestätigung bekommen für seine Arbeit. Aber ich bin als Komponist schon ziemlich unabhängig von äußeren Einflüssen.

nmz: War das schon immer so?

Schreier: Eigentlich schon. Vielleicht ist eine gewisse Entspanntheit dazugekommen. Ich habe meist größere Opernprojekte, die sich über mehrere Jahre erstrecken, was meiner Arbeitsweise ganz gelegen kommt. Ich brauche keinen Druck, um komponieren zu können.
nmz: Wann komponieren Sie denn?

Schreier: Jeden Tag. Zum Komponieren verlasse ich meine Wohnung und gehe in mein Atelier, das in einem anderen Stadtteil liegt. Meistens arbeite ich parallel an verschiedenen Sachen. Ich schaue mir die Stellen an, an denen ich weiterschreiben kann – manches lasse ich auch liegen und komponiere beispielsweise erst den Schluss; und überlege mir dann, wie ich kompositorisch dort hinkommen kann.

Im Komponierhäuschen

nmz: Wie sieht Ihr Atelier aus?

Schreier: Es gibt dort einen Schreibtisch mit einem Computer und ein Stehpult, an dem ich von Hand schreibe. Ich fertige meistens Skizzen an, bevor ich das letztendlich am Computer ins Reine bringe. Ein E-Piano steht auch noch in diesem Raum. Und immer eine Teekanne mit heißem Tee. Das Atelier hat für mich eine ähnliche Funktion wie das Komponierhäuschen von Gustav Mahler in Toblach, in das er sich in den Sommermonaten zurückgezogen hatte. Nur soll das Kreative bei mir in meinem Alltag stattfinden. Seit vier Jahren bin ich fast jeden Tag in meinem Atelier und arbeite an meinen Sachen. Den Beruf des Komponisten betrachte ich eher als den eines Handwerkers. Natürlich fühle ich mich auch als Künstler, weil mir niemand reinredet und ich absolut selbst entscheide, wie mein Werk aussehen soll.

nmz: Sie sind vor allem ein Opernkomponist. Nach „Kein Ort. Nirgends“ (2006),  „Die Stadt der Blinden“ (2011), „Mörder Kaspar Brand“ (2012), „Prinzessin im Eis“ (2013)  und „Hamlet“ (2016) ist „Schade, dass sie eine Hure war“, die am 16. Februar 2019 in Düsseldorf uraufgeführt wird, bereits Ihre sechste Oper. Dazu kommen noch andere kleinere musiktheatralische Werke wie der szenische Liederzyklus „Wunderland“ aus dem Jahr 2013. Was fasziniert Sie an der Gattung Oper?

Schreier: Es gibt ja keine verbindliche musikalische Sprache mehr wie im 18. oder 19. Jahrhundert mit den klaren Tonsatz-Regeln. Heutzutage muss man sich für jede Komposition eine neue musikalische Sprache erarbeiten. Und das finde ich bei der Oper leichter als beispielsweise bei einem Streichquartett. In der Oper gibt es zunächst einen Stoff, dann einen Text und verschiedene Szenen. In diesem Kontext fällt es mir leichter, Musik zu erfinden.

Einschränkungen erwünscht

nmz: Schränken Sie diese Vorgaben nicht ein beim Komponieren?

Schreier: Einschränkungen sind für meine Arbeit hilfreich: Sie setzen Kreativität frei. Manches Mal lege ich mir auch die Einschränkungen selbst auf, wie bei den beiden Stücken zum „Kaiser von Atlantis“, bei denen ich mit sehr wenig Tonmaterial auskommen wollte. Bei einer Oper möchte ich die Geschichte so erzählen, dass man sie versteht, dass die Sänger zu hören sind und man den Texten folgen kann. Ich muss von A nach B kommen – und auf diesem Weg sollen intensive Sachen passieren. Wenn ich Lieder für Grundschulkinder komponiere, was ich letztes Jahr für ein kommendes Projekt in der Kölner Philharmonie getan habe, dann darf die Melodie nicht zu kompliziert werden. Einschränkungen helfen mir. Wenn ich die totale kompositorische Freiheit hätte, dann würde es mir schwerfallen, Entscheidungen zu treffen.

nmz: Sie haben mit zehn Jahren angefangen, Klavier zu spielen und bald danach schon zu komponieren. Das ist ungewöhnlich. Was gab den Ausschlag fürs Komponieren?

Schreier: Meine Eltern haben viel Musik gehört. Wir hatten auch ein Kinderbuch für klassische Musik zuhause, in dem die Seite einer Orchesterpartitur erklärt wurde. Das fand ich sehr interessant. Mein Vater hatte auch Partituren von Mahler-Symphonien zuhause. Das waren die ersten Noten, die ich mir angeschaut habe. Da wir kein Notenpapier hatten, habe ich mir die Linien selbst aufgezeichnet und auf diesem Papier meine ersten Noten gemalt. Mit Vierzehn entstanden dann meine ersten Stücke für Klavier. Daneben nahm ich Unterricht in Harmonielehre. Als Pianist machte ich nur langsame Fortschritte, weil mich das Üben nie interessiert hat. Außerdem wollte ich nicht auftreten – auf der Bühne fühlte ich mich immer sehr unwohl. Das ist heute noch so, wenn ich nach einer Uraufführung nach vorne gebeten werde.

nmz: Als Komponist haben Sie kein gebrochenes Verhältnis zur Tradition, sondern setzen sich auf spielerische, auch ironische Weise damit auseinander. Warum versuchen Sie, nichts Neues zu komponieren?

Schreier: Ich weiß nicht, was das Neue sein soll. Neues Material interessiert mich überhaupt nicht. Auch mit dem Materialbegriff von Adorno kann ich nichts anfangen. Musik ist ja die unmaterialistischste Kunst von allen. Ich möchte Dinge in einen neuen Kontext stellen. Dabei kann Vertrautheit entstehen, die aber von mir hinterfragt wird. Das erzeugt auf einer Meta-Ebene große Spannung. Die Idee einer eigenen Handschrift liegt mir fern – ich möchte mich lieber auf keinen Stil festlegen.

nmz: Werden Sie dafür nicht kritisiert als epigonaler Komponist?

Schreier: So offen hat mir das noch keiner gesagt. Aber ich halte mich ja nicht in der Neuen-Musik-Szene auf. Bei den Donaueschinger Musiktagen werden meine Werke sicherlich nie gespielt werden. Letztlich bin ich meine eigene Instanz und tue das, wovon ich überzeugt bin.

nmz: Mit Elektronik beschäftigen Sie sich überhaupt nicht.

Schreier: Das hat mich wirklich noch nie interessiert. Das hat mit den Beschränkungen zu tun, die ich mir bewusst suche. In der elektronischen Musik hat man ja schon für den einzelnen Ton oder das einzelne Geräusch unendlich viele Möglichkeiten. Wenn ich aber für ein Cello komponiere, dann bringt das Instrument schon von sich aus bestimmte klangliche Eigenschaften mit, die ich nutzen möchte.

Pop-Art-Version einer italienischen Oper

nmz: Sie arbeiten jetzt schon über zehn Jahre als Opernkomponist. Welche Entwicklung haben Sie da gemacht?

Schreier: Ich betrachte das weniger als eine kontinuierliche Entwicklung, sondern vielmehr als ein Hin- und Herspringen zwischen unterschiedlichen Dingen. „Kein Ort. Nirgends“ war stark von Polystilistik geprägt. In „Stadt der Blinden“, meiner ersten großen Oper, hat dieser Ansatz gar keine Rolle gespielt. Hier habe ich sozusagen nur eigentliche Musik komponiert. In der Kinderoper „Prinzessin im Eis“ verwendete ich ähnlich wie im szenischen Liederzyklus „Wunderland“ verschiedene musikalische Verkleidungen. Bei „Atlantis“, dem Prolog und Epilog zu „Der Kaiser von Atlantis“, spielen dagegen automatische Prozesse eine Rolle. Das ist wieder etwas ganz Neues, mit dem ich mich in der Zukunft weiter beschäftigen möchte.

nmz: Nun wird Ihre neueste Oper „Schade, dass sie eine Hure war“ nach einem Stück von John Ford aus dem 17. Jahrhundert in Düsseldorf uraufgeführt. Was darf man erwarten?

Schreier: Die Pop-Art-Version einer italienischen Oper. Es geht um ein inzestuöses Liebespaar und um eine Gesellschaft, die sich selbst zerlegt. Die Handlung ist mit klischeehaften Operngesten bestückt. Jeder spinnt eine Intrige. Das Ganze ist extrem übertrieben und wird zu einem Totentanz der Oper. Diese Künstlichkeit, das Artifizielle interessiert mich sehr als Komponist. Oper als realistische Kunstform dagegen ist nichts für mich.

nmz: Für die Regie ist David Hermann zuständig. Waren Sie schon während der Komposition in Kontakt?

Schreier: Ja. Wir haben schon viel über die einzelnen Charaktere gesprochen – auch mit der Librettistin Kers­tin Maria Pöhler und der Dramaturgin Hella Bartnig. Eine Oper entsteht nie im luftleeren Raum.

nmz: Sie sind Musiktheorielehrer an der Musikhochschule Karlsruhe. Wenn Sie Komposition unterrichteten – welchen Rat gäben Sie Ihren Studenten?

Schreier: Macht Euer eigenes Ding: Es ist alles erlaubt! Tabus gibt es glücklicherweise keine mehr. Die Zeit, als man einen Schock auslöste, wenn man in der zeitgenössischen Musik einen Dreiklang verwendete, ist vorbei.

nmz: Wie lebt es sich als Komponist?

Schreier: Nicht viel anders als in einem anderen Beruf. Vielleicht habe ich eine größere Freiheit. Im Moment lebt es sich damit sehr gut. Natürlich hat der Beruf und die damit verbundene Selbstständigkeit auch problematische Seiten wie eine gewisse Unsicherheit. Aber damit komme ich im Augenblick gut zurecht.

Interview: Georg Rudiger

  • „Schade, dass sie eine Hure war“ wird am Samstag, 16. Februar 2019, am Opernhaus Düsseldorf uraufgeführt.

www.operamrhein.de

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