Im Vinyl-Elysium

Jazzneuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Einst war die silberne Compact Disc als Medium digitaler Technik die Innovation schlechthin und verdrängte die schwarze Langspielplatte. Nun ist es zwar nicht umgekehrt, weil andere Trends wie Downloads dazu gekommen sind, aber manche Musiker des Jazz empfinden es offenbar als gewisses Privileg, wieder qualitativ hochwertige 180g-Vinylscheiben auf den Markt lancieren zu können. Denn gerade in limitierter Auflage wecken sie Sammlerinteresse, insbesondere bei penibler Ausstattung mit Daten zu den analogen Aufnahmen, etwa welche Mikrofone in welcher Position aufgestellt wurden.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Gar entsprechende Schaubilder gehören zum Cover-Design audiophiler Direct-To-2-Produktionen der Live-Konzerte vor Publikum aus eigenem Saal, die von den renommierten Bauer Studios Ludwigsburg seit 2013 veröffentlicht werden. Die präsentierten Ensembles sind meis­tens unkonventionell in Besetzung und Repertoire, wie der Clan des Gitarristen Max Clouth (Neuklang LP 4203): Reminiszenzen an die elektrische Indo-Fusion der 1970er werden in niederfrequenter Dynamik zu melodischen Peilungen sublimiert, wenn unter akkordischen Streicherschirmen (Violine & Cello) die flinken Finger des Bandbosses aus einer speziellen Lotusgitarre Sitar-Effekte hervorholen. Auch ryhthmisch ist diese Musik eher sanft, sozusagen handgetrommelt swingend, sodass lyrischer Stil überwiegt.

Experimenteller ist das Sirius Quartet (Neuklang LP 4210), wenn Klang­splitter per crescendo zu einem Motiv gefestigt werden und es im Gypsy-Idiom Groove-Antrieb bekommt. Da verschieben sich Minimalmuster in Glissandi und Jazzimprovisationen oder repetitive Pizzicato-Arpeggien ebnen den Weg für ein Cello-Solo. Die Grenzen zwischen den Genres sind hier souverän und elegant überwunden.

Einengungen akzeptiert auch Bassist Avishai Cohen nicht, denn knorrig und vielgestaltig wie „Arvoles“ (Bäume, Razdaz LP 4619) sind seine Trio-Kompositionen (Elchin Shirinov: Klavier; Noam David: Schlagzeug) aus kindlicher Neugier und professioneller Disziplin im Nilento Studio Göteborg (Schweden) entstanden. Ein entzückender Walzer, ein eckiger Bossa mit Con-arco-Bass und ein fragmentiertes Riff über einer kniffligen Drum-Konfiguration sprießen frisch aus den Klang-Stämmen. Stets bleibt bei dieser Nostalgie ohne Patina eine ungetrübte Vitalität und exzellentes Interplay.

Retrospektiv anders orientiert sind Organist Kjell Öhman und Altsaxophonist Arne Domnérus. Ihre „Hammond B-3 Connection“ (Opus 3 LP 19402, aufgenommen im gleichnamigen Studio in Stockholm, Schweden) ist eine Hommage an die Swing-Ära. Standards wie „Summerwind“ von Henry Mayer entwickelt Kjell Öhman in raffinierten Harmonien, Soul fügt Arne Domnérus zu „The Favour of the Fool“ von Benny Carter. Ihre Dialoge sind durch charmantes Einvernehmen inspiriert, vor allem wenn Schlagzeuger Leif Dahlberg mit Bassist Mads Vinding auch den „Crazy Rhythm“ oder das „Swing House“ von Gerry Mulligan zum Beben bringt. Eine tolle Hammond-Band, deren Leslie-Effekt den Sound dieser Session dominiert. – Solche Hörerlebnisse sind nur durch professionelle Kompetenz möglich, und die genannten Studios garantieren akustisches Vinyl-Elysium. 

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