Im Weinberg vom Klang umhüllt: Die neue Pariser Philharmonie nach Plänen von Jean Nouvel findet ihren Platz


(nmz) -
Alle 2.400 Plätze sind besetzt, der Saal ist, könnte man sagen, ausverkauft. Doch bis die neue Pariser Philharmonie tatsächlich ihre Tore öffnet, dauert es noch anderthalb Jahre. Ein „volles Haus“ kann hingegen schon jetzt das Akustik-Modell des Konzertsaals vermelden: 2.400 identische, handtellergroße Puppen sitzen da schön aufgereiht im Parkett, auf Balkonen und Terrassen.
Ein Artikel von Mathias Nofze

Steht man mitten in diesem Miniaturtheater, fühlt man sich wie Gulliver in Lilliput. So geht es gerade Patrice Januel. Er ist Generaldirektor der „L’Association de la Philharmonie Paris“, die als Trägergesellschaft für den Bau des neuen Musentempels gegründet wurde. Was die akustischen Eigenschaften angehe, werde man Neuland betreten, versichert er. „Der Klang wird im gesamten Raum sehr präsent sein. Das ist wirklich einzigartig.“ Der Zuhörer solle von der Musik regelrecht „umhüllt“ werden.

Die neue Philharmonie in der französischen Capitale soll mehr als nur ein architektonisches Juwel werden. Wie bei jedem ambitionierten Konzertsaalprojekt ist man auch an der Seine auf der Suche nach dem idealen Klangraum. Um die Akustik des künftigen Saals zu testen, ließ man ein Holzmodell im Maßstab 1:10 bauen (siehe unser Titelbild auf Seite 1). Denn Computersimulationen allein reichen nicht aus. Der Auftrag wurde an zwei deutsche mittelständische Unternehmen vergeben.

Kaum war der Miniatursaal in Paris zusammengebaut, machten sich die Akustikspezialisten ans Werk: der Neuseeländer Harold Marshall und der Japaner Yasuhisa Toyota. Letzterer gilt geradezu als Papst in der Akustik-Szene und sorgt unter anderem auch in der Hamburger Elbphilharmonie für den idealen Klang. Die Experten führten in dem Holzmodell umfangreiche Testreihen durch. Aufgrund ihrer Messergebnisse wird im großen Saal ein ausgeklügeltes System von festen und variablen Reflektoren installiert. Das macht aus ihm eine Art von Instrument, das je nach Bedarf „gestimmt“ werden kann. Vom Klavierrecital über Sinfoniekonzerte bis zu konzertanter Oper und Jazz – alles soll auf hohem Niveau möglich sein. Die Nachhallzeit wird bei 2 bis 2,3 Sekunden liegen.

Bisher treten die großen Orchester in Paris in drei Sälen auf, die allesamt nicht als international konkurrenzfähig gelten: die Salle Pleyel (1913 Plätze), die Salle Gaveau (1000) und das Théatre des Champs-Elysées (1950), das zudem auch für musiktheatralische Produktionen genutzt wird.
In rund anderthalb Jahren soll Paris dann in die Champions-League aufsteigen, wenn (voraussichtlich im September 2014) die neue Philharmonie ihre Türen öffnet. Der Gebäudekomplex nach Plänen des Stararchitekten Jean Nouvel – er baute unter anderem die Konzertsäle in Kopenhagen und Luzern – wird im Osten der Stadt neben der Cité de la Musique errichtet. Sein Entwurf lässt an Steinplatten denken, die ein Erdbeben ineinandergeschoben und gegeneinander verkantet hat. Aus diesem Konglomerat heraus steht ein riesenhafter Quader. Der wird in der Dunkelheit als Projektionsfläche dienen und den Autofahrern auf der angrenzenden Ringautobahn das jeweilige Tagesprogramm ankündigen.

Der Philharmoniekomplex umfasst den großen Saal mit 2.400 Plätzen, sechs Probensäle, zehn Probestudios, dazu einen großzügigen Bereich für musikpädagogische Projektarbeit. Hinzu kommen ein Café, ein Restaurant, ein Buch- und Medienshop sowie eine Galerie. Die Pariser Philharmonie wird auch Erlebniswelt und beinah rund um die Uhr zugänglich sein. Man werde den „magischen Moment des Konzerts mitten in eine offene Situation platzieren“, formuliert es Laurent Bayle, Intendant der Cité de la Musique und zugleich Präsident des Verwaltungsrates der Philharmonie. Herzstück der Philharmonie ist der große Saal, der sich am „Weinberg-Modell“ orientiert. Die Zuhörer werden auf unterschiedlich hohen Terrassen um das Orchesterpodium gruppiert. Dieses Modell hat den Vorteil, dass die Entfernung der in der letzten Reihe sitzenden Zuhörer zum Podium erheblich verringert werden kann – in Paris wird sie 32 Meter betragen. Der optische Gesamteindruck des Saals wird vom Schwung und den fließenden Linien der Ränge bestimmt. Die Balkone sind von den Wänden getrennt und schweben wie Gondeln im Saal. Das soll eine offene und zugleich intime Atmosphäre „wie in einem Kokon“ schaffen.

Im größten der Probensäle steht dasselbe Podium wie im Konzertsaal zur Verfügung. Wenn gewünscht, können bis zu 200 Zuhörer dabei sein, wenn künftig das Orchestre de Paris zu öffentlichen Proben einlädt. Das Ensemble unter Leitung von Paavo Järvi wird das Hausorchester im neuen Musentempel sein und die achtzig Konzerte, die es bisher jährlich in der Salle Pleyel durchführte, in die Philharmonie verlegen. Insgesamt sollen dort jährlich 250 Veranstaltungen durchgeführt werden, nicht nur Sinfonik, sondern auch Pop, Jazz, Weltmusik oder große Chortreffen. Die Saalkapazität kann dafür auf bis zu 3.650 Plätze erhöht werden. Denn eines soll die neue Philharmonie nicht werden – ein exklusiver Elfenbeinturm, den nur betuchte Klassikfans betreten dürfen. Niedrigschwellige Angebote wie Workshops mit Orchestermusikern, Einführungsveranstaltungen, spielerische Musikvermittlung oder Familienkonzerte mit günstigen Eintrittspreisen sollen Kinder, Jugendliche und musikferne Schichten ansprechen. Angestrebt wird die Zahl von 120.000 Workshop-Teilnehmern innerhalb eines Jahres. 

Um in der Konzertsaal-ChampionsLeague mitspielen zu können, greifen die Stadt Paris, der Staat und die Region Ile-de-France tief in die Tasche: Die geschätzten Baukosten liegen derzeit bei offiziellen 336 Millionen Euro, 20 davon übernimmt die Region, den Rest teilen sich Stadt Paris und der Staat. Die Ausgangsschätzung – Baubeginn war 2009 – lag bei rund 173 Millionen. Und vor einigen Wochen hat der Senator Yann Gaillard eine kritische Bilanz des Projekts präsentiert und ein Budget von 387 Millionen prognostiziert – das Phänomen „Elbphilharmonie“ geistert also auch in Paris herum. Das passt schlecht in die Zeit, in der die neue Kulturministerin Aurélie Filippetti der Kultur eine Diät verordnet hat. Mehrere spektakuläre Megaprojekte hat sie bereits beerdigt. Die Philharmonie aber bleibt verschont – zu weit ist der Bau schon fortgeschritten.

Ob der neue Musentempel, wie derzeit die Salle Pleyel, von der Cité de la Musique verwaltet wird, sei „eine Möglichkeit“, sagt Patrice Januel, aber noch nicht entschieden. Träte dieser Fall ein, stiege Laurent Bayle zum Super-Intendanten von Paris auf. Die Programmpolitik für die Salle Pleyel wird sich mit Beginn der ersten Philharmonie-Spielzeit auf jeden Fall ändern müssen. Für Weltklasse-Orchester ist dort kein Platz mehr. In dem Art-Deco-Saal wird dann ein Mix aus Jazz, gehobenen Varieté-Veranstaltungen, Weltmusik und musikalischen Komödien angeboten. 

Im Schatten der neuen Philharmonie steht ein zweites Konzertsaal-Projekt. Auf dem Gelände von Radio France im Westen der Stadt wird ein neues Auditorium errichtet, das 1.400 Zuhörer fassen wird. Architekt Jean Francois Bonne orientiert sich ebenfalls am Modell „Weinberg“ und beruft sich explizit auf die Berliner Philharmonie. Auf insgesamt 14 Plattformen wird das Publikum um die Bühne gruppiert. Das Projekt ist Teil einer umfassenden, rund 240 Millionen Euro teuren Sanierungsmaßnahme, die in erster Linie dem Brandschutz dient. Der neue Saal wird an der Stelle der beiden alten Studios 102 und 103 errichtet, die komplett entkernt werden. Auf diese Weise ließen sich die Kosten auf „nur“ 32 Millionen reduzieren, eine Zahl, die Bestand haben wird, wie ein Sprecher von Radio France versichert. Das neue Auditorium ist in erster Linie ein Konzertsaal, wird aber auch als Aufnahmestudio dienen. Mit ihm erhalten die vier Klangkörper von Radio France (das „Orchestre National de France“ unter Daniele Gatti, das „Orchestre Philharmonique de Radio France“ unter Myung-Whun Chun sowie Chor und Jugendchor) endlich eine Heimstatt. Die erste Saison wird 2014/15 eröffnet. Für die exzellente Akustik sorgt wieder einmal Yasuhisa Toyota. Der Star-Akustiker kann also bei Terminen in Paris gleich zwei Arbeitsstellen aufsuchen.

Konzertsäle heute, morgen  und übermorgen

Aachen
Der Förderverein „Haus für Musik“ wirbt für die Realisierung eines etwa 1.500 Plätze fassenden Konzertsaales und sammelt Spenden. Die Gründung einer Stiftung ist in Vorbereitung.
www.konzerthaus-aachen.de

Bonn
Bis 2020 soll in der Rheinaue ein Festspielhaus gebaut werden. Ein Großteil der Kosten soll unter der Federführung eines Fördervereins durch private Sponsoren finanziert werden. Von der Deutschen Post DHL, einem Hauptsponsor des Beethovenfestes, liegt eine Zusage über 30 Millionen Euro vor.
www.festspielhausfreunde.de

Berlin
Neben der Staatsoper soll ein Konzertsaal (700 bis 800 Plätze) und Akademiegebäude für Daniel Barenboims West Eastern Diva Orchestra entstehen. Der Bund hat einen Zuschuss von 20 Millionen Euro zugesagt.
www.west-eastern-divan.org

Blaibach
Auf Inititiative von Thomas E. Bauer, dem Leiter des Festivals „Kulturwald“, plant die Gemeinde im Bayerischen Wald ein Kulturzentrum mit einem etwa 180 Zuschauer fassenden Konzertsaal. Kosten: 1,8 Millionen Euro
www.blaibach.de

Bochum
Nach einem zwischenzeitlichen Plaungsstopp beschloss der Rat der Stadt im Juli 2012 den Bau eines Musikzentrums. Die Kosten werden auf 33 Millionen Euro geschätzt.
www.konzerthaus-bochum.de

Dresden
Im Zuge des Umbaus des Kulturpalastes soll ein Konzertsaal mit 1.800 Plätzen entstehen. Voraussichtliche Kosten: 80 Millionen Euro. Frühere Pläne für ein neues Konzerthaus am Neustädter Elbufer wurden nicht realisiert.

Hamburg
Elbphilharmonie: 2.150 Plätze, Eröffnung vorauss. 2014/15, derzeitige Kostenschätzung: 323,5 Millionen Euro
www.elbphilharmonie.de

München
Bis Ende Januar 2013 soll die endgültige Machbarkeitsstudie für einen Konzertsaal auf der Museumsinsel vorliegen. Im ersten Entwurf wird eine solche Nutzung für möglich gehalten
www.konzertsaal-muenchen.de

Münster
Eine mögliche finanzielle Beteiligung der Stadt am Bau einer Musikhalle wurde 2008 per Bürgerentscheid gestoppt.

Reutlingen
2009 Beschluss zum Bau einer Stadthalle, Eröffnung am 5. Januar 2013, Hauptspielstätte der Württembergischen Philharmonie, Kosten: 44 Millionen Euro.
http://www.reutlingen.de/51

Saarbrücken
Die Finanz-Zusage des Landes  zum Bau einer Saarphilharmonie ist abgelaufen. Bis zum Stichtag hatte der der Förderverein die Hälfte der geforderten 10 Millionen Euro gesammelt. Aktuell gibt es wieder positive Signale von der Landesregierung.
www.saarphilharmonie.de

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