In echt jetzt?

Ferchows Fenstersturz 2013/02


(nmz) -
Es reicht. Mir und einfach. Halsschlag-ader auf Wadengröße. Echt jetzt. Ständig werde ich beschissen. Vom Mehrwegflaschenpfandrückgabeautomaten, vom Einkaufswagen, der den Euro nicht mehr rausrückt, von der Popmusik. Waren es kürzlich die Kas­telruther Spatzen, die auch ohne Gewaltandrohung zugaben, gar nicht echt im Studio zu spielen (kleiner Heulkrampf), folgte vor ein paar Tagen US-Sängerin Beyoncé (mittlerer Heulkrampf), die mich echt ausrasten ließ (von Nachbarn initiierter Polizeieinsatz).
Ein Artikel von Sven Ferchow

Der Vorfall: Obama setzt sich vier weitere Jahre auf den Atomkoffer. Großer Bahnhof in D.C.: Alkohol in Tüten. Drogen in Einwegflaschen. Drei Milliarden lethargisch gewedelte US-Fähnchen. Dabei: US-Sängerin Beyoncé, tatsächlich mal angezogen, die mit Barack (wie ich ihn nenne) und der US-Marine-Band zwar pathologisch pathetisch aber doch total echt die Nationalhymne fiept. Rotz und Wasser. Überall. Suhlen im Emo-Bad. Stunden später dann Schluss mit Wälzen. Ein Mitglied der Kapelle, vermutlich bei der Beförderung zum zweiten Notenwart übergangen, spielt den Singvogel.
Ich dachte ja, die Marine-Band schleift prinzipiell Diktatoren aus Erdlöchern. Oder nietet Terroristen vom zweiten Stock ins Erdgeschoss. Offensichtlich eine echt elitäre Truppe, hier als Bläserklasse unterwegs, die, je nach Terrorwarnstufe, auch mal mit Beyoncé die Nationalhymne hupt. Zurück zum Plaudertäschchen, der sich den Kapellmeis-ter jetzt wohl echt knicken kann. „War gar nicht live, also echt. Alles nur Playback. Musik und Beyoncé“, behauptet die blöde Petze. Kotzen könnte ich. Dieser Beschiss.

Die echten Tränen. Alles nur gespielt?

Dann hätte man gleich die Stones fragen können. Wenn schon Playback-Mauscheleien, dann doch bitte amtlich. Sicher. Es gibt Künstler, von denen möchte man betrogen werden. Niemand will Nena in echt hören. Echt jetzt. Aber die Popmusik, das intrigante Miststück, die prellt uns doch. Früher war sie immerhin noch fähig „Kalte Kriege“ zu beenden („Wind of Change“, Scorpions) und zeitgleich für unendliches Leid zu sorgen (Mauerabriss). Recht schönen Dank noch mal nach Hannover. Aber heute? Ihre Betrügereien infizieren langsam auch ehrenwerte Randgebiete. Politik zum Beispiel. Die Gewinne der FDP in Niedersachsen waren nämlich gar nicht echt. Weil die Stimmen nur geliehen waren. Die Doktorarbeit von Frau Schavan scheint substanziell und wissenschaftlich eher echt schwierig. Randgebiet Spitzensport. Lance Armstrongs Toursiege waren höchstens echt fies. Oder Randgebiet Urwald. Die Melonen der Dschungelcamp­teilnehmerinnen sind angeblich wie leider ebenso unecht. Wer oder was ist dann eigentlich noch echt?

Rückblende. Juli 2012. Livekonzert. Im Publikum: Ich. Jeans, Sakko. Und: er. Schreiber auch. Und noch: zum echten Nerd mutiert. Ich: „Und?“ Er: „Mmh.“ Ich: „Frau?“ Er: „Weg.“ Ich, auf die Bühne deutend: „Beruflich?“ Er nickt. Pause. Er, Daumen und Zeigefinger reibend: „Läuft?“ Ich: „Lehramt. Nebenbei.“ Er: „In echt jetzt?“

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