Italienische Opernkostbarkeiten

„Pagliacci“ als Vorreiter der neu erscheinenden Reihe „Masterpieces of Italian Opera“


(nmz) -
Der Weg vom Autograph eines Komponisten bis zur oft Jahrhunderte später gedruckten Edition ist meist sehr weit. Außerdem birgt er oft größere Unterschiede als der durchschnittliche Konzert- und Opernbesucher sich vorzustellen vermag. Das Verlangen nach Werktreue von Intendanten und Interpreten sowie von forschenden Wissenschaftlern lässt sie bei nicht zugänglichen Autographen auf die Existenz von kritischen Ausgaben angewiesen sein. Doch selbst bei vielen oftmals aufgeführten und angesehenen Werken ist die Existenz einer kritischen Edition nicht der Fall.
Ein Artikel von Patrick Ohnesorg

Der Bärenreiter-Verlag versucht diesem Verlangen mit seiner Reihe „Mas­terpieces of Italian Opera“ nachzukommen und legt dabei, ganz dem Titel nach, ein besonderes Augenmerk auf das italienische Opernrepertoire, das bis heute tonangebend auf den Bühnen sämtlicher Opernhäuser vertreten ist. Die Reihe soll „auf Grundlage der relevantesten Quellen und der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse“ die Originalwerke der italienischen Operngeschichte rekonstruieren und greifbar machen. Der Musikwissenschaftler Andreas Giger gab hierfür in Zusammenarbeit mit Francesco Izzo in einem ersten Band der Reihe die veristische Oper „Pagliacci“ des Komponisten Ruggero Leoncavallo heraus. Diese Partitur bietet neben der zweiaktigen Fassung auch die kürzere einaktige Originalfassung der Oper, welche auch ohne Prolog und Intermezzo auskommt, um beide historisch schlüssigen Optionen darzulegen. Als erste wissenschaftlich-kritische Ausgabe des Werkes folgt sie der autographen Partitur von Leoncavallo, nimmt aber (dokumentierte) Eingriffe beispielsweise zur Korrektur von falschen Tönen oder auch Vorschläge zu Dynamik und Phrasierung vor. Es wird also neben Werktreue auch klar der praktischen Verwendbarkeit der Partitur große Beachtung geschenkt.

Der Blick in die großformatigen Noten zeigt: Hier liegt eine professionell gestaltete Partitur vor, wie man es von diesemVerlag gewohnt ist. Aufführungsanweisungen wurden nur im Zuge musikalischer Logik und praktischen Belangs oder bei klarer Autorisierung durch den Komponisten übernommen, was die Lesbarkeit deutlich erleichtert. Dieser Band enthält – so wie es für alle zukünftigen der Reihe ebenfalls geplant ist – ein wissenschaftlich gehaltenes Vorwort, das eine historische Einleitung zum Werk bietet, eine Quellenbeschreibung und eine willkommene Erörterung aufführungspraktischer Aspekte auf Englisch und Italienisch. Der kritische Bericht bietet äußerst umfassende Informationen zu den Quellen und überlieferten Änderungen des Werkes, wird aber leider nur separat online zum Download als kostenlose englischsprachige PDF-Datei zur Verfügung gestellt.

Angekündigt sind aber bereits die kommenden drei „Masterpieces“, die sich noch in der Vorbereitung befinden: „Cavalleria rusticana“ von Pietro Mascagni soll als nächstes erscheinen, welche nach „Pagliacci“ nahe liegt, da diese beiden stilistisch sehr nahe im Verismo liegenden Opern oftmals zusammen aufgeführt werden, um eine abendfüllende Aufführungsdauer zu erreichen. Darauf soll Gaetano Donizettis „Caterina Cornaro“ folgen, bei deren Ausgabe auch die Alternative zum damalig stark kritisierten Schluss enthalten sein wird. Den Abschluss dieser ers­ten vier Werke bildet eine spätere Fassung von Domenico Cimarosas „Il matrimonio segreto“, bei der ein anderer Aufbau und zusätzliche Arien mit inbegriffen sein werden.  Eine Fortführung der Reihe nach Erscheinung dieser vier Opern ist geplant. Diese ers­ten Bände sind einzeln verfügbar, können aber auch durch eine Subskription zu reduzierten Preisen erworben werden.

Um ein vorläufiges Fazit zu ziehen: Man hat es hier mit einer äußerst interessanten Reihe und passend ausgewählten Werken zu tun, für die „Pagliacci“ ein Vorreiter ist, der Lust auf mehr macht. Neben den klar praktisch intendierten Aspekten der Edition, ist sie auch für jedermann aufschlussreich, der sich auf wissenschaftlicher Ebene mit dem Werk auseinandersetzen will. Spannend bleibt zu beobachten, welche weiteren Werke sich in der Reihe der „Masterpieces of Italian Opera“ hinzugesellen und inwiefern darin auch ältere Werke sowie kleinere oder gar noch größere Meister eine Rolle spielen werden.

  • Ruggero Leoncavallo: Pagliacci. Herausgegeben von Andreas Giger. Urtextausgabe / Partitur, 311 Seiten. Bärenreiter BA 7648-01.

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