Jenseits der Verwertungslogik

Die Tagung „Kulturwerte: Zur kulturellen Seite der Kreativwirtschaft“ gibt wenig Grund zur Hoffnung


(nmz) -
Es fielen viel der Worte während der Tagung „Kulturwerte: Zur kulturellen Seite der Kreativwirtschaft“ des Kulturpolitischen Forums Tutzing an der dortigen Evangelischen Akademie. Am allerseltensten allerdings der Begriff der Kulturwerte, obgleich Münchens Kulturreferent und Vorsitzender des Kulturausschusses des Deutschen Städtetags, Hans-Georg Küppers, zur Themaeröffnung eine Steilvorlage wagte.
Ein Artikel von Reinhard Palmer

In seinem fundierten Vortrag legte er überzeugend Werte der Kunst und Kultur als „jenseits der Verwertungslogik“, als nicht ökonomisch verwertbar dar und zuerkannte ihnen, die Bastion des freiheitlichen Gedankens sowie der im Grundgesetz verankerten Grundrechte zu sein. Hoffentlich nicht die letzte, war hier dem allgemeinen Tenor auf dem Podium zu entnehmen, dass sie bald der Kultur- und Kreativwirtschaft Platz gemacht haben werden. Und der sind offenbar ideelle Werte fremd.

Als Kulturreferent muss Küppers jedoch einen Spagat mit dem neuen Kompetenzteam wagen, um möglichst vielen Künstlern aus dem Sozialhilfestatus herauszuhelfen und ihnen die Chance zu geben, Opfer neokapitalistischer Ausbeutung zu werden. Immerhin. Man mag dies zynisch nennen. Doch ist ein solcher Umgang mit dem Thema in Anbetracht dessen, dass selbst viele der führenden Akteure der Kultur- und Kreativwirtschaft Kulturwerte mit gestalterischem Handwerk verwechseln, wohl eher als ein Akt der Verzweiflung zu deuten.

Als Jurist und Musiker sprach Oliver Scheytt, unter anderem Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, erst kurz vor Schluss erneut von Kulturwerten, die ansonsten jedoch gänzlich in Vergessenheit geraten waren. Und es ist schon äußerst bedenklich, wenn Kulturpolitiker der Landtagsfraktionen den künstlerischen Inhalten weit mehr Wertschätzung entgegenbringen als die Vertreter der Kultur- und Kreativwirtschaft. Dass Kunst und Kultur für Tradition, während Wirtschaft für Innovation zuständig seien, wie bisweilen in Vorträgen behauptet, klammerte offenbar die aktuelle Produktion gänzlich aus. Die Alarmglocken hörten hier zeitweise nicht mehr auf zu läuten.

„Kunst ist die Substanz von Kultur, und Kultur ist die Substanz von Politik“ – zitierte Scheytt Richard Erny (einst Kultur- und Schuldezernent der Stadt Bochum) zur Rettung des Ansehens angesichts der fast schon tragischen Abwertung der Kunst und Kultur zum durchaus mit viel sozialem Engagement und Fördergeldern irgendwie verwertbaren Material. Dass er beim Zitieren zu Wolfgang Rihm „ein Komponist“ nachschickte, war hier wohl tatsächlich nötig. Scheytts Appell, die Kultur- und Kreativwirtschaft könne doch eine jahrtausendealte Tradition nicht einfach ignorieren, kommt wohl um Jahrzehnte zu spät. Was ansonsten drohe, demonstrierte er mit Galgenhumor mit einer rasanten Rezitation von Stefan Raabs „Wadde hadde dudde da?“. Genau: Das ist bereits Realität.

Im Triangel zwischen Werten, Relevanz und Wirkung gelang es Scheytt zweifelsohne, der Kunst und Kultur ihre herausragende Rolle für die Gesellschaft im „Mentalen Kapitalismus“ (Georg Frank) vor Augen zu führen. Erst der materiellen Bewertung entzogen, konnte ihre Bedeutung verständlich werden. Das Streben nach einer „Kultur der Anerkennung und Aufmerksamkeit“ (frei nach Francks „Ökonomie der Aufmerksamkeit“) als „Investment“ sei als weitere politische Strategie nötig, betonte Scheytt.

Musik fand nur am Rande Erwähnung, habe sie doch eine beachtliche Infrastruktur mit Konzertsälen, Musikschulen, Filmmusikproduktion etcetera. Dass trotz einer im Vergleich zur Bildenden Kunst durchaus günstigen Situation eine differenziertere Betrachtung (v.a. Unterscheidung zwischen E und U sowie zwischen schaffenden und interpretierenden Künstlern) nötig wäre, hätte auf dem Podium wohl kaum jemand wirklich verstanden.

In einem waren sich aber doch die meisten Redner einig: Die Wirtschaft könnte durchaus von Künstlern lernen. Und tut es bisweilen auch. Man hätte sich ein solches Beispiel zumindest mal genauer anschauen können, etwa das Berliner Projekt „Dirigieren & Führen“ mit Managerseminaren.

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