Kerninkompetenz statt Kunstanspruch

Der NDR will seinen Chor raussparen und erhält Gegenwind · Von Martin Hufner


(nmz) -
Es hat Tradition, dass Rundfunkanstalten des öffentlichen Rechts im Falle von prognostizierten Einnahmeverlusten durch abnehmende Beitragszahlerpopulationen mit dem Abbau künstlerischer oder programmatisch innovativer Elemente ihres Programms oder ihrer Institutionen reagieren. Kurz: Sie fragen sich, was kann jetzt weg, worauf kann man verzichten? Und man ahnt es sofort, bei den künstlerischen Aktivitäten wird man schneller fündig als bei der Verschlankung der bürokratischen Apparate der Anstalten. Das hatten und haben wir in den letzten Jahrzehnten immer wieder zu sehen bekommen. Der große Kampf in Sachen Fusion der SWR-Orchester hat unsere Leser*innen seit 2012 begleitet. Er ging bekanntlich verloren.
Ein Artikel von Martin Hufner

Der NDR erwartet einen Rückgang der Finanzierung über vier Jahre von insgesamt 300 Millionen Euro. Das ist kein Pappenstiel. Dem stünden, nimmt man die Zahlen von 2018 zur Hand, zirka 4.000 Millionen Euro an Erträgen aus Rundfunkgebühren, Werbung, Abschreibungen und übrigen Erträgen innerhalb von vier Jahren gegenüber. Es fehlen somit etwa 7,5 Prozent des bisherigen Etats.

Der NDR hat als eine Sparbüchse den NDR Chor ausgemacht, der im Laufe der letzten Jahre ohnehin von 46 auf 27 Stellen und Stimmen abgebaut wurde. Um den veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen gerecht zu werden, „plant der Bereich als eine von vielen Maßnahmen eine Umstrukturierung des Chores von jetzt 27 Planstellen in ein Teilzeitensemble mit geringerer Stellenzahl. Inhaltlich ist damit die Fokussierung auf das Profil eines Vokalensembles verbunden. Dieser schrittweise Stellenabbau über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren ermöglicht eine dauerhafte Absenkung von Fixkosten“, heißt es in einer NDR-Stellungnahme an die Redaktion der nmz.

Das erstaunt nicht wenig, hatte der NDR doch noch im Juli 2020 im Bericht an die Landesparlamente der NDR Staatsvertragsländer über die wirtschaftliche und finanzielle Lage des Norddeutschen Rundfunks mitgeteilt, man wolle durch den neuen Chefdirigenten „Akzente für die weitere Entwicklung des NDR Chores setzen und ihn als modernen Konzertchor positionieren. A-cappella-Konzerte bleiben eine Kernkompetenz.“

Aber das war gestern: Jetzt hat man anderes im Sinn. Wegsparen! Da muss der Chor durch, bis er eben etwas anderes geworden ist. Denn auf die Nachfrage, ob dieser Vorgang alternativlos und verlustfrei zu realisieren sei, antwortet man: „Ja, das ist korrekt bis auf Ihren Rückschluss, dieses könne verlustfrei umgesetzt werden. Einschnitte dieser Größenordnung bringen mit sich, dass man sich von Bestehendem verabschieden muss – das betrifft die Ensemblestärke, den künstlerischen Fokus des Ensembles und den Umfang der Angebote. Aber, und das ist unser Ziel, wir werden weiterhin im Rahmen dieser Möglichkeiten Konzertangebote auf exzellentem Niveau machen und in unseren Programmen abbilden.“ Das beste daraus machen, so klingt es selbst von Seiten des NDR. Der NDR Chor als großer Konzertchor soll also über die Jahre hinweg zu einem Vokal­ensemble geschrumpft werden.

Glaubt man den Verantwortlichen des NDR geht das alles seinen guten Gang und der Vorgang wird einvernehmlich und gemeinschaftlich durchgeführt. Die „Leitung des Bereichs Orchester, Chor und Konzerte im NDR [sei] mit den Sängerinnen und Sängern des NDR Chores im Gespräch […], besonders mit dem Vorstand des Ensembles, mit den Personalvertreterinnen und -vertretern des NDR und mit der Gewerkschaft“, heißt es aus dem NDR, aber letztlich kann es dabei nur noch um Detailfragen der Abwicklung gehen.

So sieht es auch die Deutsche Orches­tervereinigung, die sich für den Erhalt des NDR Chores einsetzt. „Der Chor soll den Plänen zufolge schrittweise in einer GmbH privatisiert werden. Frei werdende Chorstellen will der NDR nicht mehr besetzen. Freischaffende Sängerinnen und Sänger würden dann in der neuen GmbH nur noch auf 50-Prozent-Basis beschäftigt und könnten jederzeit entlassen werden. […] Und der NDR kann die GmbH jederzeit einfach auflösen.“ Die Optionen für den NDR, sich schleichend aber sicher seines Chors zu entledigen, sind damit gestiegen, die Wahrscheinlichkeit einer musikalischen Schubumkehr wird nicht einmal als Möglichkeit erwähnt. Man fügt sich damit in ein Schicksal, das man selbst heraufbeschwört.
Gegenwind kommt in den von sozialen Medien getriebenen Zeiten in Sachen NDR Chor allerdings massiv. Die Deutsche Orchestervereinigung, der Deutsche Musikrat, die Gewerkschaft ver.di, die Vorstände der sechs deutschen Rundfunkchöre aus Berlin, Leipzig, Köln, Stuttgart und München sowie zahlreiche Initiativen machen Welle gegen das Vorhaben des NDR.

So bleibt die bange Frage: Was darf man von einem Rundfunk noch erwarten, der selbst keine Ansprüche mehr an die Gesellschaft und sich selbst sendet? Rundfunkautonomie sieht anders aus. Das ist bedauerlich und zugleich gefährlich, nährt es doch den Verdacht populistischer Politiker*innen aller Couleur, dass auch bislang im künstlerischen Sektor der Rundfunkanstalten das Geld eigentlich nur so verschwendet wird. Was der NDR schafft, bekommen auch die anderen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten hin, oder? Braucht man denn die ganzen Orchester, Big Bands und Chöre tatsächlich, funktionieren die nicht, wie wir beim SWR-Orchester gesehen haben und demnächst beim NDR Chor sehen werden, besser als Schrumpf- und Fusionsensembles oder können die gar ganz weg? Sind diese Institutionen nicht alle ein Irrweg im Rahmen eines missverstandenen Kulturauftrags des Rundfunks?

Man ist eigentlich nur noch verzweifelt, wie man so eifrig, mit solch bürokratischer Kälte und zugleich kampflos das abbaut, was eben nicht nur eine Säule des Rundfunkauftrags ist, Kultur und Bildung, sondern längst auch Unterhaltungs- und Informationsfunktionen erfüllt. Das gilt in diesen Zeiten noch besonders. Das Zeichen, das der NDR hier setzt, ist das des selbstgewählten Schiffbruchs auf der Sandbank der Rechnungswesenhörigkeit. Formell geht es aktuell „nur“ um die Erhaltung des NDR Chors, auf lange Sicht aber geht es um die Erhaltung der Struktur, die ihre Verüberflüssigung selbst betreibt: den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

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