Klang-Kunst im Karrée

Münchner Gesellschaft für Neue Musik: Doppelinterview mit Nikolaus Brass und Sylvia Katzwinkel


(nmz) -
Bei 84 GHz, einem „Raum für Gestaltung“ im Herzen Schwabings, wird weit mehr als Grafikdesign gestaltet. 2003 initiierte Sylvia Katzwinkel mit „Kunst im Karrée“ eine Art Tag der offenen Türen der Ateliers in Schwabing und der Maxvorstadt. Diese öffnen sich vom 11. bis 13. Juli 2014 noch ein Stückchen weiter, wenn sie den Rahmen für das Musikfest bieten, das Nikolaus Brass im Namen der Münchner Gesellschaft für Neue Musik (MGNM) mitorganisiert. Anna Schürmer traf die beiden zum Doppelinterview.
Ein Artikel von Anna Schürmer

neue musikzeitung: Wenn das MGNM-Musikfest und Kunst im Karrée kooperieren, bekommt es das Publikum mit einer Fusion von Kunst und Musik zu tun. Was genau sind die einzelnen Bestandteile?

Sylvia Katzwinkel: Vor 12 Jahren wurde unserem Büro ein Lagerraum angeboten, den wir spontan als „Kultur-Keller“ und Freiraum für junge und unangepasste Künstler bestimmten. Daraus entstand 2003 die Idee zu einem Tag der offenen Ateliers in unserem Viertel und damit „Kunst im Karrée“.

Nikolaus Brass: Die Münchner Gesellschaft für Neue Musik ist ein Zusammenschluss von Instrumentalisten, Komponisten und Musikwissenschaftlern, der sich seit seiner Gründung Pluralität auf die Fahnen geschrieben hat. Ausdruck dessen ist das jährliche Musikfest, für das wir immer wieder neue Orte suchen. Im Austausch mit Frau Katzwinkel kam uns dann die Idee, das MGNM-Musikfest mit „Kunst im Karrée“ zu bündeln.

nmz: Es geht also um eine Vermählung von Bildender Kunst und Neuer Musik. – Da ist die Frage nach der gegenseitigen Attraktion naheliegend …?

Brass: Ich bin da empfänglich. Die Bildende Kunst ist für mich und meine Musik ganz explizit eine Inspirationsquelle, die ich bewusst, wenn auch unstrukturiert in Galerien und Museen suche. 

Katzwinkel: Ich liebe Neue Musik, weil sie mir Räume öffnet. Die MGNM habe ich über ihren zweiten Vorsitzenden, Minas Borboudakis, kennengelernt. Als er mit der Idee zu diesem Gemeinschaftsprojekt zu mir kam, hat er offene Türen eingerannt. Das freundschaftliche Verhältnis überträgt sich auch auf die Künstler und macht die Zusammenarbeit besonders wertvoll.

Brass: Dieses Projekt entstand wirklich nur durch persönliches Interesse. Ich habe das Gefühl, dass immer dann etwas passiert, wenn es inspirierende Freundschaften gibt. Nichts gegen Institutionen – man muss diese heute verteidigen, weil sie von vielen Seiten unterminiert werden –, aber das Entscheidende sind auch in der Kunst die menschlichen Beziehungen.

nmz: Und wie wird die Kooperation konkret aussehen?

Katzwinkel: Ganz allgemein werden die Ateliers im Karrée ihre Türen öffnen. Was dahinter stattfindet, ist sehr breitgefächert: Gegenständliche und Abstrakte Malerei, Skulptur und Fotografie sowie Workshops, Performances und Lesungen. Das Highlight aber ist, dass das Musikfest 2014 im Rahmen von „Kunst im Karrée“ stattfindet.

Brass: Von musikalischer Seite haben wir zehn Ateliers und das Isabella-Kino auf „Bespielbarkeit“ hin ausgesucht und eine Ausschreibung geschaltet, auf die sich Instrumentalistinnen und Instrumentalisten sowie Komponistinnen und Komponisten aus dem Großraum München bewerben konnten. Die Ästhetik wird breit gefächert sein: von anspruchsvollen musikalischen Idiomen über vertrautere Stücke unter dem Label „moderne Klassik“ bis hin zu performativen Elementen, die mit dem jeweils gegebenen Raum interagieren. Ein Highlight ist das Projekt mit der Hermann Frieb Realschule, bei dem Schüler selbst Musik gestalten und auf dem Hohenzollernplatz präsentieren. Das gehört genauso zur Kategorie „Überraschungsei“ wie die geplante Abschlussimprovisation aller beteiligten Musiker…

nmz: Gibt es einen programmatischen Leitgedanken? Was erhoffen Sie sich und was erwartet das Publikum?

Katzwinkel: Ich würde mich sehr freuen, wenn etwa die Künstler in der Konfrontation mit der Neuen Musik diese Perspektivänderung erfahren, wie ich sie selbst erlebe. Ich will die Leute mit Kunst und Neuer Musik infizieren und ein neugieriges Publikum ansprechen, das vielleicht Vorurteile hat, dann aber feststellt: „Oh, das ist schön, das kenne ich nicht, da möchte ich mehr darüber wissen.“

Brass: Das würde ich unterstreichen, den Zauber dieses „Hoppla, was ist denn jetzt?“. Ich erlebe es gerne, dass die Neue Musik sich außerhalb ihres Biotops behauptet. Wenn ich rausgehe und mit Menschen arbeite, die sonst ihren musikalischen Horizont ganz woanders haben, ist das enorm bereichernd. Wenn sich aus dem Projekt ein Fluidum zwischen allen Beteiligten entwickelt, wäre das ideal.

Katzwinkel: Wir haben nur das konzeptuelle Gerüst erarbeitet. Bei allem, was dazwischen passiert, lassen wir den Beteiligten einen größtmöglichen Rahmen für Interaktion. Ich glaube, es ist günstig, dass die Musiker bei den Künstlern im Atelier sind, also in einem geschützten Raum. Dadurch entsteht eine intime Atmosphäre, so dass dabei wirklich ein Tête-à-tête zwischen den Künstlern und ihren Künsten entstehen kann.

nmz: Es geht hier um die Gestaltung von Raum. Der gehört allerdings in München zur Mangelware. Und während zwar Kunst im öffentlichen Raum längst akzeptiert ist, tut man sich in der Musik auch wegen der akustischen Voraussetzungen schwer …

Brass: Die Akustik kann in diesem Fall nicht heilig sein, weil die Orte nicht dafür geschaffen sind. Ich bin eigentlich ein Konzertsaal-Fetischist, habe aber ganz tolle Erfahrungen mit anderen Räumen gemacht. Ich denke, dass die Musik diese Bewährung bestehen muss und glaube, dass man dabei nur gewinnen kann, nämlich: Intimität, neues Publikum und ein Überraschungselement.

Katzwinkel: Die Schaffung von Freiräumen ist in München tatsächlich schwierig. Ich finde es schade, dass von der Stadt so wenig genehmigt wird, auch was die Zwischennutzung angeht. Da würde ich mir mehr Offenheit wünschen. Wir sehen jetzt seit elf Jahren, wie die Ateliers abnehmen, weil die Mieten für Künstler nicht mehr bezahlbar sind. Wenn man sagt: „München ist eine Kunststadt“, – dann muss man auch etwas dafür tun.

nmz: Danke für das Stichwort: Die Wahrnehmung von München als Kunststadt hängt grundlegend mit dem Viertel zusammen, wo jetzt „Kunst im Karrée“ stattfindet: Schwabing beziehungsweise Maxvorstadt. Wollen Sie das alte Künstlerviertel neu beleben?

Katzwinkel: Vergangenheit ist Vergangenheit und Jetzt ist Jetzt. Außerdem braucht man gar nicht das Ges-
tern zu beschwören, sondern kann im Hier und Heute sein: Wenn wir bis jetzt 82 professionelle Teilnehmer in so einem kleinen Karrée haben, dann sieht man: Das ist ja noch ein Künstlerviertel! Das ist nur nicht mehr so im öffentlichen Bewusstsein verankert.

Brass: Das ist für mich ein typisches Münchener Problem: Allein in der Musik ist unglaublich viel Substanz da, aber man weiß zu wenig voneinander. Man hat Mühe, Foren und Netzwerke so zu gestalten, dass sie aus dem allgemeinen Rauschen herausragen. Deshalb wollen wir diese Dinge nun sicht- und hörbar machen.

„Klang-Kunst im Karrée“ findet am 12. Juli statt. Der „Polterabend“ ist am Abend des 11. Juli bei einem Straßenfest vor 84 GHz in der Georgenstraße, wo es markierte Stadtpläne zu den Veranstaltungen gibt. Weitere Informationen finden sich auf den Websites: http://www.84ghz.de/cms/karree und www.mgnm.de

Sylvia Katzwinkel. Foto: 84 GHz, Andreas Sturm
Nikolaus Brass. Foto: privat

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