Kontrabass ausgebootet, Bratsche gewinnt

„Ritterballett reloaded“ – junge Komponisten schreiben für das Beethoven Orchester Bonn


(nmz) -
An Karneval kommt im Rheinland keiner vorbei, auch nicht 1790, auch nicht, wenn man Ludwig van Beethoven heißt. Seinerzeit war das in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen vermutlich eher ein geziemendes Vergnügen denn ein ungezügeltes Über-die-Stränge-Schlagen. Der 20-jährigen Beethoven komponierte jedenfalls für eine Karnevalsveranstaltung des Grafen Ferdinand von Waldstein ein Ritterballett, zwölf kurze Sätzchen mit zusammen kaum 12 Minuten Spieldauer, ein „karakteristischen Ballet in altdeutscher Tracht“, das, mit den Worten des Grafen, die „Hauptneigungen unsrer Urväter, zu Krieg, Jagd, Liebe und Zechen“ in ebenso schicklicher wie überzeichneter musikalischer Form aufgreift.
Ein Artikel von Guido Krawinkel

Zweihundertfünfzig Jahre später wird das Ritterballett nun „reloaded“, wie man es beim Beethoven Orchester Bonn ebenso zeitgeistig wie griffig ausdrückt: Acht junge Komponisten haben das Gelegenheitswerk zum Anlass genommen, die Thematik aus heutiger kompositorischer Sicht zu beleuchten. Zum Teil waren die Nachwuchskomponisten mit 13 bis 20 Jahren weitaus jünger als der damals auch noch nicht richtig erwachsene Beethoven, und auch die Vorkenntnisse waren sehr unterschiedlich, doch hatten alle eine fachkundige Anleitung, mithilfe derer ziemlich erstaunliche Ergebnisse herausgekommen sind.
Verwunderlich ist das eigentlich nicht, denn mit dem Komponisten David Graham stand ein Mentor dahinter, der bereits langjährige Erfahrung mit komponierenden Kindern hat, diese seit vielen Jahren anleitet und dabei immer wieder musikalische Ergebnisse erzielt, die denen „echter“ Komponisten im Hinblick auf kompositorisches Handwerk und musikalische Aussage in nichts nachstehen. „Einige hatten schon kompositorische Erfahrung und ich habe auch nur wenig geholfen“ sagt der 1951 geborene, in Bonn lebende Brite in bestem Understatement. Sein Geheimnis ist ebenso einfach wie entwaffnend: Er nimmt die Kinder ernst, für ihn sind das Profis. Und so konnte er am Ende mit Fug und Recht sagen: „Ich bin stolz auf diese Stücke.“

Nicht nur er. Auch die Komponisten und das Beethoven Orchester Bonn können das. Immerhin war man so mutig, das Projekt im Jubiläumsjahr als Beitrag zu „Beethoven 2020“ anzusetzen und auch gleich als Familienkonzert in die eigene Education-Arbeit zu integrieren, für die die Konzertpädagogin Eva Eschweiler verantwortlich zeichnet – obwohl die Stücke zum Zeitpunkt der Planung noch gar nicht geschrieben waren. Ein Risiko mithin, aber eines, das sich gelohnt haben dürfte. Nur Corona hätte dem Projekt fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Reale Treffen waren dadurch plötzlich nicht mehr möglich, das Internet ersetzte den Kontakt vor Ort.

Die Ergebnisse, die im ersten Familienkonzert der Saison vorgestellt wurden, sind dennoch mehr als erstaunlich. Alle Werke zeichnen sich durch einen höchst individuellen Ansatz aus und zeigen das, was einen guten Komponisten ausmacht: eine eigene Handschrift. Wie bei dem mit rund 40 Kompositionen schon recht erfahrenen Christian Brandenburger etwa. Mit seinem Stück „Krieg“ hat er sich dem Kriegslied aus Beethovens Ritterballett gewidmet, das seiner Ansicht nach viel zu fröhlich und karnevalistisch klingt. „Mein gedanklicher Ansatz war es, ein Stück zu schreiben, das mit Krieg und seinen Konsequenzen realistischer umgeht.“ Angesichts der Brutalität des Krieges und seiner schrecklichen Auswirkungen sei das aus heutiger Sicht nicht mehr angemessen. Zu Beginn ist die Stimmung deshalb niedergedrückt, wie bei einem Requiem. In die düstere Atmosphäre grätschen immer wieder eruptive Flashbacks hinein. Am Ende lässt die Musik den Hörer in einer resignativen Stimmung zurück, die die Konsequenzen des Krieges ausdrücken soll.

Einen anderen, konkreteren Ansatz wählte die 13-jährige Flora Weiler, die ihr Stück „Streicherbeziehungen“ zusammen mit Theresa Bauer komponiert hat. Die beiden haben Beet­hovens „Romanze“ zu einer musikalischen Dreiecksbeziehung umgedeutet: zwei Männer umwerben eine Frau, in diesem Fall umwerben Bratsche und Kontrabass eine Violine. Sie liefern sich ein packendes Duell, an dessen Ende der Kontrabass ausgebootet wird und die Bratsche das Rennen macht. „Am Anfang haben wir mit David Graham Ideen gesammelt“, so Weiler, „und uns Melodien überlegt.“ Ausgehend von der Melodie haben Weiler und Bauer dann ihre Geschichte entwickelt, musikalisch umgesetzt, an den Details gefeilt. Am Projekt des Beethoven Orches­ters gefällt den beiden, dass sie trotz ihres Alters ernst genommen werden: „Man kann immer Vorschläge anbringen, das läuft komplett auf professioneller Ebene.“

Auch den anderen Werken gelingt, woran selbst gestandene Komponisten manchmal scheitern: das selbst gesetzte Themenfeld mit einem aussagekräftigen, konzisen Stück zu bearbeiten. Jacob Niller etwa zerlegt den „Deutschen Gesang“ aus Beethovens Ballett mit seinem Stück „und als was gehst du?“ und destilliert aus vorhandenen Mustern eine komplett neue Struktur, schlicht und ergreifend indem er bei Beethovens Grundrhythmus eine Note weglässt. Das Ergebnis ist ein völlig anderer Eindruck, den das Thema hinterlässt. Oder Lukas Döhler, der mit „Intermission“ aus repetitiven Mustern und kleinen Verschiebungen äußerst raffinierte Effekte generiert.

Für seine Version des „Jagdlieds“ nutzt Ryokan Yamakata den ganzen Orchesterapparat. Instrumentiert ist das ziemlich virtuos, harmonisch zudem außerordentlich raffiniert. Auch „Pisces“ von Carl Lettinga und „Drei Tänze im Polkastil” von James L. Bluum zeigen: die jungen Komponisten haben trotz der höchst unterschiedlichen Voraussetzungen allesamt spannende Werke komponiert und mit dem von Carolin Nordmeyer geleiteten Beet­hoven Orchester Bonn einen musikalischen Partner, der das in jeder Hinsicht professionell umsetzt. Ein vorbildliches Projekt.

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