Konzerthaus mit integrierter Stadthallenfunktion

Im Juli geht die TauberPhilharmonie Weikersheim mit einem Tag der offenen Tür an den Start


(nmz) -
Am 1. Mai ist Johannes Mnich genau ein Jahr als Intendant der Tauber-Philharmonie tätig. Anfang Juli wird das Haus eröffnet, das Programm für die ersten Monate steht. Die neue musikzeitung sprach mit Johannes Mnich über den Weikersheimer Eröffnungssommer.
Ein Artikel von Andreas Kolb

neue musikzeitung: Wie haben Sie den Weg nach Weikersheim ins liebliche Taubertal gefunden?

Johannes Mnich: Geboren bin ich tatsächlich in Würzburg, also gar nicht so weit weg von hier. Aufgewachsen bin ich allerdings in Achim bei Bremen. In Hannover und London habe ich Klavier studiert. Nach meiner Rückkehr aus London war ich zunächst drei Jahre lang beim BASF-Kulturmanagement in Ludwigshafen am Rhein und bin dann zu Baden-Württembergs größtem Klassik-Festival, dem Heidelberger Frühling, gewechselt. Dort war ich Projektleiter für die Festival-Akademie, für den Gesangswettbewerb „Das Lied“ und alle möglichen weiteren Projekte. Eines schönen Sommertages im Jahr 2017 bin ich über die Stellenanzeige „Intendanz der TauberPhilharmonie Weikersheim“ gestolpert. Dieses Projekt führt all das zusammen, was ich in meiner bisherigen beruflichen Vergangenheit immer gemacht habe: Musik und Kunst zu vermitteln und einen deutlichen Schwerpunkt auf Nachwuchsförderung zu setzen. Weikersheim ist nun einmal die Heimat der Jeunesses Musicales. Ich selber war als Jugendlicher schon in Weikersheim und habe hier Kurse gemacht. Der Ort ist mir – wie wahrscheinlich fast jedem Musizierenden in Deutschland – stets ein Begriff gewesen. Die Chance, ein Projekt von solcher Art und mit so einer Perspektive gestalten zu dürfen, hat mich total begeistert. Als „Amarena-Kirsche“ kommt noch oben drauf, dass meine Frau aus Assamstadt kommt, 20 Kilometer von hier. Zusammen mit ihr und unserer kleinen Tochter hatte mein Start hier sozusagen auch etwas von nachhause kommen.

nmz: Warum braucht Weikersheim eine TauberPhilharmonie?

Mnich: Hier wird ein Weg gegangen, der deutschlandweit einzigartig ist. Weikersheim ist seit Jahrzehnten kulturell und musikalisch geprägt durch die Musikakademie und durch die Jeunesses Musicales. In so einer Stadt zu sagen: „OK, wir brauchen eine neue Stadthalle, bauen sie aber ganz bewusst nicht als Mehrzweckhalle, sondern als Konzerthaus mit Stadthallenfunktion“, das ist sicherlich außergewöhnlich. Die Region ist wahnsinnig lebenswert: Hier gibt es viele Weltmarktführer vor allem im High Tech-Bereich, hier gibt es quasi Vollbeschäftigung und es gibt einfach einen Bedarf an Kultur. Vor zehn Jahren hat man gesagt: „Alles wandert in die Städte ab“.

Mittlerweile sind wir an einem Punkt, wo in Städten über Enteignungen diskutiert wird, weil die Mieten so hoch werden und die Leute teilweise eben wieder aufs Land ziehen. Es gibt viele Menschen in der Region Hohenlohe, die sich mit Kunst und Kultur auseinandersetzen möchten und es schätzen, dass es vor Ort ein Haus gibt, das Hochkultur und Stadthallenfunktion bietet.

Ausgeklügelte Architektur

nmz: Das Haus hat eine besondere inhaltliche Aufgabe und daher auch eine besondere Architektur…

Mnich: Das Gebäude – ein Entwurf von HENN-Architekten in München – nimmt Formen vom Renaissance-Schloss und von der Stadtkirche auf und bildet so einen hochattraktiven Gegenpol zur historischen Weikersheimer Altstadt. In dem Gebäude selbst gibt es zwei wesentliche Säulen: Das erste ist eine herausragende Akustik, die von Müller-BBM, einem renommierten Akustikbüro so durchgerechnet worden ist, dass man da wirklich spektakuläre akustische Möglichkeiten hat. Zum anderen eben ganz bewusst diese multifunktionale Nutzung. Man kann die Säle parallel bespielen; man kann den kleinen Saal nochmal zwei Drittel zu einem Drittel teilen; es gibt wahnsinnig kurze Wege von der Catering-Küche in die Veranstaltungsräume; das Foyer ist als Veranstaltungsort nutzbar; es gibt ein Café, was sich zur Außenterrasse hin öffnet. Man kann Publikumsströme getrennt in das Gebäude rein und wieder raus lassen, was natürlich spannend ist, wenn man weiß, dass die Jeunesses da häufig proben wird, während vorne Veranstaltungsbetrieb  ist. Durch die Lage am Stadtzentrum mit kostenlosen Parkplätzen direkt nebenan – im Moment planen wir noch den Bau eines Hotels direkt daneben – entsteht ein Gesamtprojekt, das architektonisch und akustisch ein Ausrufezeichen setzt. Die Gesamtbaukosten liegen bei 14,4 Millionen Euro.

nmz: Die Architektur ist exquisit, das Programm sicher auch?

Mnich: Ich möchte keine Abspielstätte schaffen, wo Künstler auf der Durchreise nach München oder nach Frankfurt kurz Station machen. Es kommt hier kein Klassik-Ensemble vorbei, das nicht auch noch in die Schulen geht und versucht, Musik zu vermitteln. Wenn ich ein A cappella-Ensemble hier habe, dann machen die im Vorfeld einen Gesangs-Workshop. Ich habe einen Sonatenabend mit Igor Levit, der seine Gage spendet, weil er eben diese Idee von einem neuen Konzerthaus unterstützt. Er hätte dafür aber gerne, dass wir gezielt Leute einladen in dieses Konzert, die das normalerweise nicht erleben. Also wir planen jetzt  zum Beispiel, in Sozialstationen, in Kindergärten, in Altenheime, in Krankenhäuser zu gehen und das Personal da einzuladen, diesen außergewöhnlichen Ort und natürlich auch diesen spektakulären Pianisten zu erleben. Das große Überthema ist natürlich: Wir sind abseits von Ballungszentren. Es ist nicht so, dass zwei Straßen weiter die Oper steht und das Theater und dann noch eine Rock-Arena: Wir wollen auch alles das sein.

nmz: Sie haben mehrere Eröffnungen: Die Hauseröffnung, dann den Festakt und dann beginnt die Saison. Was kann man diesen Sommer alles erleben in der TauberPhilharmonie?

Mnich: Die Hauseröffnung wird am 13. Juli ein Tag der offenen Tür sein. Wir haben jetzt schon über 500 Anmeldungen. Wir wollen die Besucher das ganze Haus entdecken lassen. Ich habe das „Orchester im Treppenhaus“ verpflichten können. Das Ensemble macht den Anfang seines Konzerts im großen Saal, später ist das Orchester dann in Kammermusikformationen im ganzen Haus verteilt. Also Catering-Küche, Intendantenbüro, Dachterrasse, Außenterrasse, kleiner Saal, Foyer – überall ist Musik.

Flaggschiff-Orchester BJO

Zur Gala-Eröffnung am 14. September wird vom Bundesjugendorchester (BJO) Brahms „2. Sinfonie“ gespielt. Das BJO ist das Flaggschiff-Orchester der Jeunesses Musicales, die uns als Ankermieter unglaublich wichtig ist und dieses Projekt natürlich von Anfang an begleitet hat. Wir haben einen Liederabend mit Konstantin Krimmel, der im Moment bei jedem Wettbewerb, bei dem er antritt, Preise gewinnt. Wir haben aber auch die Techno Marching Band „Meute“: Elf Hamburger, die völlig verrückt geniale Techno-Arrangements auf ihren Blasinstrumenten spielen. Bodo Wartke kommt, der in meinen Augen wahrscheinlich beste Klavierkabarettist. Wir haben zeitgenössische Musik mit dem Trio Catch, wir haben Götz Alsmann, der mit seiner Band hierher kommt und italienische Schlager interpretiert. Und es sind eben 18 Konzerte, weil wir hier im Main-Tauber-Kreis 18 Kommunen haben. Jede Kommune im Main-Tauber-Kreis hat die Patenschaft für eine dieser Veranstaltungen übernommen.

nmz: Was impliziert das?

Mnich: Das bedeutet, dass wir im Foyer der TauberPhilharmonie während des gesamten Eröffnungssommers eine Ausstellung haben werden, wo im Umfeld des jeweiligen Patenkonzerts jede Kommune die Möglichkeit hat, sich mit einem Thema ihrer Wahl zu präsentieren. Wir freuen uns auf zahlreiche Ausstellungen zu regionalen und lokalen Kulturprojekten, zum Beispiel dem Pferdemarkt in Creglingen, dem Pfeiffer von Niklashausen oder Baden-Württembergs erster Fairtrade-Stadt, Freudenberg am Main.

nmz: Die TauberPhilharmonie ist ein Mix aus Konzertsaal und Stadthalle. Wie sieht der Veranstaltungsmix aus?

Mnich: Für mich liegt der Reiz gerade in der Vielseitigkeit dieses Gebäudes. Mit 100 bis 120 Tagen im Jahr ist die Jeunesses Musicales unser Ankermieter: mit Proben, mit Orchesterfreizeiten, mit allem Möglichen. Das ist eine ganz zentrale Säule dieses Projekts, die natürlich auch finanziell für eine gewisse Planungssicherheit sorgt. Ich habe den Anspruch, dass dieses Konzertprogramm nicht nur für die 18 Kommunen, sondern auch darüber hinaus eine Wirkung entfaltet. Weikersheim hat 8.000 Einwohner: Wenn wir 40, maximal 50 Konzerte im Jahr selbst veranstalten, dann ist das sicherlich für eine Stadt von dieser Größe viel. Und die Stadthallenfunktion, also was Vereinsjubiläen, was Kinderkleiderbörsen, was Vereinsfeiern, was Abibälle, Zeugnisverleihungen angeht – die sind natürlich für uns ein zentrales Element. Wir möchten, dass sich die Weikersheimerinnen und Weikersheimer mit diesem Gebäude identifizieren.

nmz: Vielleicht können Sie noch ein bisschen über die Eröffnung hinaus über die Saison 2020 skizzieren. Was sind da Ihre Highlights und Formate?

Mnich: Es gibt einen Schwerpunkt mit Orchesterkonzerten sowie mit herausragender Kammermusik. Wir versuchen uns auch an einem Kammermusikfestival an einem langen Wochenende. Es wird weiterhin auch Kabarett und Comedy geben, wir denken über Pop-Konzerte, über Jazz nach. Wir eröffnen mit einem Herbstfest für die Region.

Wir planen jetzt zum Beispiel sehr intensiv einen Tag im März 2020, der sich komplett mit Nachhaltigkeit auseinandersetzt: Energie, Mobilität, Wohnen und Ernährung wollen wir so in eine lokale und regionale Auseinandersetzung übersetzen. Worauf ich hinaus möchte, ist, dass wir uns also nicht nur musikalisch in dieser TauberPhilharmonie mit dem Ort auseinandersetzen, sondern auch gesellschaftlich. Wir wollen hier keinen Elfenbeinturm hinstellen, wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich viele Leute wiederfinden.  
Das Gespräch führte Andreas Kolb

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