Koste es, was es wolle


(nmz) -
Wie bitte mag das drohende Jahrzehnt musikkulturell aussehen, wenn das verblichene mit der furchtbaren Pressemitteilung endet: „PUR sind wieder zurück in den Top Ten“? Speiübel kann einem da werden. Aber die Antwort ist einfach: Entsetzlich wird es werden. Als würde der kambodschanische Diktator Pol Pot seinem Grab entsteigen und sich statt Hans-Christian Ströbele um das Berliner Direktmandat der Grünen bemühen.
Ein Artikel von Sven Ferchow

Dass uns Pete Doherty mit der ersten Strophe des Deutschlandlieds kurz vor Weihnachten 2009 beim on3-Festival des Bayerischen Rundfunks schockierte, wird eine Lausbubengeschichte aus besseren Tagen bleiben. Glauben Sie nicht? Dann bitte anschnallen zur kulturellen Geisterfahrt der nächsten zehn Jahre. Für schlappe 59,99 Euro im Monat erhalten Sie künftig die „Artist-Flatrate“. Einen Monat lang dürfen Sie beispielsweise kostenlos (andere würden hier „umsonst“ bevorzugen) im Bestand von Sarah Connor wildern und downloaden. Aus aktuellem Werbeanlass gibt es Crossover-Bullets für weibliche Fans: Bei Abschluss eines Dreimonats-abos erhalten sie eine Quartalspackung „Always Ultra“ zum Vorzugspreis. Garantiert von Sarah Connor getragen. Ortswechsel.

In Berlin machen Gerüchte die Runde, wonach Arbeitsministerin von der Leyen Hartz IV-Empfängern ab 2012 eine kulturelle Grundversorgung aufbrummen möchte. Mit einem zweckgebundenen Sockelbetrag von 1,50 Euro im Monat, der nach dem Willen der Ministerin „bei dem Jupp seiner Eckkneipe“ in die Jukebox investiert werden muss (Taste G4: Help, I need somebody). Schichtwechsel. Als Besitzer eines subventionierten Konzert-Abos glauben Sie immer noch eifrig die Mär, dass Klassik in digital-virtueller Form gar nicht geht? Dann holen Sie mal schnell Ihr Lexotanil-Döschen. Aus Kulturkreisen war nämlich zu erfahren, dass 2013 die Auflösung aller staatlich gefütterten Orchester ansteht. Das Personal wechselt in den kommunalen Bergbau. Streusalz ist sowieso knapp. Ihr Abo wird umgewandelt in eine Premium-Subkultur-Flatrate.

Für 99,99 Euro beziehen Sie einen 24-Stunden-Livestream aus dem leeren Konzerthaus. Mit 360-Grad-Schwenk-Option. Empfangen werden Sie von grußwortartigen Podcasts entsorgter Dirigenten. Musik gibts dagegen nicht. Die haben Sie ja bereits vorher – mutmaßlich illegal – runtergeladen. Denn die Aufführungsrechte wurden nach China verscherbelt, um den Klassikmarkt dort anzukurbeln. Da brauchen Sie nicht weinen. Kultur ist teuer. In Planung auch: die Genre-Flatrate.

30-Tage-Schlager für 49,99 Euro. Inklusive verlogener Familien-Idylle, tragbarem Papst-Transparent und einem Kanister Weihwasser aus Lourdes. Persönlich geschöpft von Hansi Hinterseer. Das Schlimme an der Sache: Laut Umfragen wären 66 Prozent der Deutschen gewillt, eine PUR-Flatrate abzuschließen. Koste es, was es wolle. Das Tröstliche: Nach fünf Jahren kommen Sie aus der Flatrate-Falle raus. Wenn Sie die einjährige Kündigungsfrist beachten. Übrigens, die Bildungsflatrate hat an den Unis bereits Einzug gehalten.

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