Man muss das Neue einführen auf Basis der Tradition - Winrich Hopp über seine Ideen für Berlin und München


(nmz) -
Der Musikwissenschaftler Winrich Hopp, der mit einer Arbeit über Karlheinz Stockhausen promovierte, ist seit 2006 Künstlerischer Leiter des musikfest berlin der Berliner Festspiele. 2011 übernimmt er die Leitung der musica viva des Bayerischen Rundfunks, wo er bis 2002 als Dramaturg tätig war. Mit Hopp sprach für die nmz unser Mitarbeiter Albrecht Dümling.
Ein Artikel von Albrecht Dümling, Winrich Hopp

neue musikzeitung: Herr Hopp, Ihr Vorgänger hat nach der langen Tradition der Berliner Festwochen mit der Neustrukturierung des musikfest berlin angefangen. In den ersten Jahren gab es noch Probleme mit der Auslastung. Während Ihrer Zeit hat sich das deutlich gebessert. Wie wurde das erreicht?

Winrich Hopp: Alle neuen Formen brauchen ihre Zeit der Etablierung. Ich muss sagen, dass es beim musikfest berlin unerwartet schnell gegangen ist. Das erste musikfest wurde 2005 präsentiert. 07, beim ersten Programm von mir, hatten wir auf einen Schlag 40.000 Besucher und 08 mit einem deutlich verschärften Programm – Bruckner, Messiaen und Stockhausen – 35.000. Dann letztes Jahr mit Schostakowitsch und Xenakis 42.000. Dieses Jahr legen wir mit Boulez, Berio und Strawinsky wieder eine schärfere Gangart an und wir werden sehen, was wir da erwarten können. Es ist das Prinzip der perspektivischen Planungen, mal verstärkt die großen Orchester heranzubringen und in einem anderen Jahr wieder mehr die Programmfarbe zu betonen – also ein Hin und Her in dem Versuch, die vielen verschiedenen Aufgaben, die das musikfest erfüllen muss, zu realisieren.

nmz: Sind Sie zufrieden mit dem hiesigen Musikpublikum? Finden Sie Neugier und Risikobereitschaft?

Hopp: Das Publikum ist so unterschiedlich wie die einzelnen Programme. Man merkt sehr genau den Wechsel im Saal, wenn Chicago da ist, oder wenn Gergijev kommt, oder wenn wir ein Eröffnungskonzert haben mit Xenakis und Schostakowitsch. Man merkt bei bestimmten Programmen, dass es knistert, dass Spannung da ist. Das finde ich das Schöne, dass das Publikum sich auf Dinge einlässt, die es noch nicht kennt.

nmz: Wie gelingt es Ihnen, internationale Gastorchester in ein anspruchsvolles Programmkonzept einzubinden?

Hopp: Man muss sehr langfristig planen, denn Tourneeprogramme werden langfristig vorbereitet. Wichtig ist, dass ein Orchester den Eindruck bekommt, dass die Sachen, die es aufführt, am Festspielort auch erwünscht sind. Die Orchester informieren sich sehr genau darüber, was die anderen machen. Wenn auch andere große Partner dabei sind, wächst die Bereitschaft zur Mitwirkung. Es ist keineswegs so, dass die Orchester im eingeschliffenen Repertoire verharren wollen. Sie haben auch den Wunsch, sich zu entwickeln und neue oder unbekannte Sachen zu präsentieren.

nmz: Vielleicht der wichtigste Partner beim musikfest sind die Berliner Philharmoniker. Von dort gab es besonderen Rückhalt bei der Intendantin Pamela Rosenberg, deren Amtszeit nun ausläuft. Wie sehen Sie die weiteren Perspektiven?

Hopp: Die Berliner Philharmoniker sind insofern der wichtigste Partner, als das ganze Fest eine Kooperation  der Berliner Festspiele und der Philharmoniker ist. Es ist also ein gemeinsames Kind. Die Philharmoniker stellen die Halle zur Verfügung und bringen zwei oder drei Konzerte pro Festival mit dem passenden Programm bei. Die programmliche Zusammenarbeit war von Anfang an ganz ausgezeichnet mit Simon Rattle, dann auch mit der Intendantin Pamela Rosenberg. Mit Martin Hoffmann kann ich sicher sein, dass das in dieser Tradition weitergeht.

nmz: Beim musikfest 07 haben Sie die Zeitgenossen Richard Strauss und Edgard Varèse einander gegenüberstellt, beispielsweise „Alpensymphonie“ und „Arcana“. Sind für Sie solche Querverbindungen wichtig? Was ist für Sie ein gutes Konzertprogramm?

Hopp: Das ist, als wenn Sie einen Tausendfüßler fragen, welchen Fuß er vor den anderen setzt. Ich habe da ein ähnliches Problem der Selbstauskunft. Aber ich glaube, dass die Avantgarde-Musik, die heute auch schon Geschichte geworden ist, ebenso wie die moderne Musik, helfen kann, die Musik des Repertoires wieder frisch zu machen, sie neu zu hören. Ich glaube, dass man mit Werken des 20. und 21. Jahrhunderts geradezu das Publikum ziehen kann.
Die Berliner Philharmonie definiert sehr stark die Programmkonzeption. Es gibt eine gewachsene Erwartungshaltung des Publikums an diesen Saal. Insofern war es für mich nur schlüssig, dort Varèse nicht als Avantgardekomponisten zu präsentieren, sondern als den Grenzgänger, der als Franzose einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg in Berlin lebte. Ich war sehr erfreut, dass sowohl Ingo Metzmacher als auch Fabio Luisi bei dieser Konzeption sofort mitgemacht haben. Das war für viele Leute hier in Berlin ein Novum. Deutlich wurde auch bei der Begegnung von „Heldenleben“ und „Amériques“, dass, so gewagt die Musiksprache von Varèse klingt, Strauss der eigentlich spannendere „Entwickler“ ist. Dieses Programm war ein schönes Beispiel dafür, wie obsolet die Frage nach alt und neu wird.

nmz: Sie haben bei der Ankündigung des diesjährigen Programms auffallend häufig das Bild des Schiffes verwendet. Was erwarten Sie sich von der Verwendung solcher Metaphern?

Hopp: Beim musikfest berlin 10, das Pierre Boulez (aus Anlass seines 85. Geburtstags), Luciano Berio und Igor Strawinsky gewidmet ist, ging es mir darum, diese Musik nicht aus der Perspektive der Modernität zu präsentieren, sondern sie in einen Kontext zu stellen der Anregungen, die Komponisten aus anderen Kulturen beziehen. Für Berio war das Reisen unglaublich wichtig, um sich auf die Weltmeere der Musik zu begeben. Das Schiff ist ein schönes Bild dafür. Es ist ein eher spielerischer Versuch, damit etwas von der Ästhetik dieser Stücke zu transportieren, ohne sie auf komplizierte Weise zu verbalisieren.

nmz: Sie waren 1997 bis 2002 als Dramaturg unter Udo Zimmermann für die Programme der musica viva in München zuständig. Ab 2011 werden Sie die künstlerische Leitung dort übernehmen. Wie unterscheiden sich nach Ihrer Erfahrung die Musikstädte München und Berlin?

Hopp: Als wir damals die ersten Gespräche führten, hieß es: München ist traditionsverhaftet, da hat die Neue Musik weniger Chancen als in Berlin. Als ich dann in Berlin meine Programmideen formulierte, hieß es: Berlin ist so traditionsverhaftet, das geht halt in München, aber nicht in Berlin! Also, ich glaube, prinzipiell ist jede Stadt offen für sehr viel. Es kommt darauf an, ob man den Anschluss findet an das Klima, das dort herrscht, ob man eher seinen eigenen Egoismus pflegt oder das Programm-Machen so versteht, dass man es vor allem für das Publikum macht. Wenn man dies für sich geklärt hat, dann findet man in jeder Stadt Lösungsmöglichkeiten für das, wozu man beauftragt worden ist. Das Münchner Publikum hat ungeheuer aufgeschlossen auf die erneuerte musica viva reagiert. Vor unserer Zeit gab es 50 Abonnenten. Als ich 2002 gegangen bin, hatten wir 600 Abonnenten. Gerade das Traditionsbewusstsein in München ist das Fundament dafür, dass die musica viva so lange schon so erfolgreich besteht. Ich glaube, das ist auch wichtig hier für Berlin: Man muss das Neue einführen auf Basis der Traditionen.

nmz: Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter seinem Chefdirigenten Mariss Jansons ist ein integraler Teil der Reihe. Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit vor? Wollen Sie die bisherigen Schwerpunkte beibehalten?

Hopp: Es war ein wichtiges Anliegen, die Klassiker der Avantgarde und der Moderne zu präsentieren. Das ist in Ansätzen gelungen, aber in den letzten Jahren nicht mehr weiterverfolgt worden. Da gibt es noch sehr viel zu tun, wenn Sie sich überlegen, dass „Pli selon pli“ wohl 1960 von Boulez einmal aufgeführt worden ist und seitdem in München nicht mehr. Stockhausens „Gruppen“ sind einmal mit dem WDR-Orchester gelaufen und dann nie mehr. Es gibt keine wirkliche Rezeption von Harrison Birtwistle, der vor einigen Jahren den Siemens-Preis bekommen hat. Das Werk von Jonathan Harvey ist so gut wie noch nie gespielt worden. Das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks gehört zu den besten Orchestern in der Welt. Da muss dringend auch das Repertoire für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts aufgebaut und gepflegt werden. Diese Stücke müssen ins Gedächtnis des Orchesters. Das gehört neben der Auftragsvergabe zu den zentralen Aufgaben der musica viva.

Jansons hat es sehr begrüßt, dass ich die künstlerische Leitung der Reihe übernehmen sollte. Es ist ja nicht immer so gewesen, dass die Chefdirigenten auch bei der musica viva aufgetreten wären. Kubelik hat das gemacht. Auch Jansons wird das tun. ¢

Das musikfest berlin 2010 findet vom 2. bis 21. September statt.

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