Markt – Macht – Musik

Zwei Bücher zur Musikkultur im Spätkapitalismus


(nmz) -
Regelmäßig legt der Berliner Konzertagent und Musik­afficionado Berthold Seliger einen kulturkritischen Band vor; mithin ein wortgewaltiger Wiederholungs- und Überzeugungstäter. Nach der Abrechnung mit den Öffentlich-Rechtlichen „I Have a Stream“ (2015) und seinem Aufruf, den emanzipatorischen „Klassikkampf“ (2017) aufzunehmen, kehrt er nun zu seinen essayistischen Anfängen zurück, zum „Geschäft mit der Musik“(2013), seinem Kerngeschäft gewissermaßen. Nur hat sich die Perspektive verändert, und statt des mehrheitlich deutschen Klein-Klein steht nun mit „Imperiengeschäft“ das weltumspannende Groß-Groß im Fokus – natürlich, die Globalisierung.
Ein Artikel von Bojan Budisavljevic

Seliger bietet uns, was man in der Strategie die Große Lage nannte, ein Panorama der weltweiten Ausbeutung der vermittels Musik informierten und geformten Aufmerksamkeit der Menschen: ein Unternehmen, bei dem, wie Churchill, ein früher Großmeister der Daten- und Informationskriege, es wusste, das Einzelereignis nicht zählt, wohl aber die Gesamttendenz. Fernab unserer Herrgotts- und Krähwinkel von Ernster, Neuer, Schlager- usf. Musik beschreibt er also den Zustand DER MUSIK schlechthin, derjenigen ohne stilisierende Präfixe, weil sie in jeder Hinsicht Milliarden bewegt: also die Musik des universalen Diktats weniger global player sowie des ihm zur Verfügung stehenden Finanzkapitals. „We are the music“, diesen Claim der Anschutz Entertainment Group muss man ironiefrei nehmen. Und gleichermaßen illusionslos muss man zur Kenntnis nehmen, dass die vielen Musiken, die wir so gern wie nötig haben, von diesen Welthändeln nicht unberührt bleiben. Sie alle verschwinden in dem Verwertungs-Mael­strom, der auch uns dank unser aller Sinneswahrnehmungen und sonstigen Regungen zu schlucken sich anschickt.

Nur ein Beispiel aus Seligers gründlichen Recherchen: die Anschutz Entertainment Group. Weltweit einer der größten Hallenbetreiber und Konzertveranstalter von top acts natürlich in den eigenen top venues, hat Anschutz die eigene Berliner Immobile, die Mercedes Benz Arena, unlängst vermittels des Mercedes Platzes beträchtlich um den umgebenden öffentlichen Raum erweitert, ist an dem (qua Bürgerbegehren abgelehnten) Investorenprojekt „Mediaspree“ beteiligt und wird wohl bald mit exklusivem Wohnungsbau in der Umgebung beginnen. Und um das Geschäftsmodell oder die Verwertung rund zu machen, betreut Anschutz seine Konzertkunden und ihr Konsumverhalten hierbei über Drink & Food Apps, um weitere Daten abzuschöpfen. Was ist schon dabei die Musik? Ein Produkt unter vielen im Portfolio, ganz so, wie es die Scheuer’sche Maut beim größten deutschen Ticketanbieter CTS Eventim beinahe geworden wäre, oder wie es der Müllentsorger Veolia neben Universal Music bei beider Mutterkonzern Vivendi bereits ist: notfalls zu vernachlässigende Quantitäten im Imperiengeschäft um die höchste Rendite.

Diese Große Lage oder Krake verfolgt Seliger bis in ihre kleinsten Verästelungen, beschreibt entsprechende Entwicklungen bei Festivals, Veranstaltern, Clubs bis in die Stadtentwicklung und die soziale Situation des „kulturellen Prekariats“ hinein. Seine Befunde sind erdrückend und bedrückend zugleich. Dass Musik Gemeingut ist und allen gehört, bietet er dazu als Gegenstrategie auf. Bei einer Politik jedoch, die angesichts einschlägiger Investitionen und Innovationen bloß danebensteht und in die Hände klatscht, ist wenig Unterstützung zu erwarten gegen die Veräußerung auch des letzten öffentlichen Guts. Dennoch sein Fazit: Wenn sich was ändern soll, müssen „wir“, also die 99 Prozent, uns die Musik zurückholen.

Unter dem global gewirkten Teppich der Musik- und Aufmerksamkeitsindus­trie schwärt unterdessen ein Biotop, welches der profunde Kenner und Kritiker Jens Balzer in „Pop und Populismus“ beschreibt, einem engagierten Nachzügler seiner üppigen Exegese von Sound und Geist der 70er Jahre in „Das entfesselte Jahrzehnt“. Dieses hat, allgemein gesprochen, neben der Emanzipation auch die Enthemmung gebracht. Mittlerweile herrscht jedoch das hemmungslose Ressentiment, da andere als quantitative Wertmaßstäbe nicht nur in den musikalischen Verwertungskreisläufen endgültig geschrottet sind. So geschieht es dann, dass das Zeug unter dem Teppich zu dampfen anfängt – hierzulande unübersehbar bei der letztjährigen Echo-Preisverleihung. Dass da die ganze Chose aus Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Misogynie, Gewaltverherrlichung und Rohheit zur Preiswürdigkeit emporgehoben werden konnte, ist einerseits dem nicht zu überbietenden Zynismus des Musikbetriebs zu verdanken – von dem man, da ja nicht alles rauskommt, am ehesten in den Romanen des ehemaligen Musikmanagers John Niven sich ein Bild machen kann, allen voran „Kill your friends“ und „Kill ’em all“.

Andererseits, und hier adressiert Balzer die eigene Kritikerzunft, hat man oft und gern ausgeblendet, dass Vieles von dem auch schon den Pop der früheren Jahrzehnte kennzeichnete, allemal Gewalt und Sexismus. Etliche Granden der Popgeschichte agierten sich sehr selten gendergerecht und political correct aus, und die Verschiebung des Sagbaren hin zur Verachtung und Entwürdigung, das besorgten die Heimatrocker und Gangsta-Rapper bereits in den Nullerjahren. Nur kaum einer sah oder hörte genauer hin. Diese historische Perspektivierung macht Balzers essayistische Streifzüge durch aktuell heftig diskutierte Themen der Popkultur lesenswert, vor allem aber seine Offenheit den Ambivalenzen der Popgeschichte gegenüber. Die muss man aushalten, auch und vor allem wenn man sich an die Musik halten will. Denn im sogenannten echten Leben wird der Sexismus zumindest des frühen Bowie nicht wesentlich anders gewesen sein, als der immerwährende eines Bushido. Dass die Musik des einen aber sehr wohl anders ist und sich künstlerisch komplex an den Versprechungen des Pop abarbeitet, während die des anderen recht anspruchslos Komplexe jeglicher Art bedient, dass Bowie extrem widersprüchlich dennoch an einer „Solidarität der Gegenkultur“ teilhat, der andere jedoch nur am gnadenlosen Gegeneinander: Das herauszuarbeiten, so Balzer, ist die wahre Verantwortung der Popkritik, das eine herauszuhören um das andere zu überwinden die wahre Lust der Hörer.

  • Berthold Seliger: Vom Imperiengeschäft. Konzerte – Festivals – Streaming – Soziales. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt zerstören, Edition Tiamat, Berlin 2019, 343 S. € 20,00, ISBN 978-3-89320-241-6
  • Jens Balzer: Pop und Populismus. Über Verantwortung in der Musik, Edition Körber, Hamburg 2019, 208 S., €e 17,00, ISBN: 978-3-89684-272-5
      

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