Meilensteine der Berliner Kulturpolitik

Die Lebensbilanz des Festspielleiters Ulrich Eckhardt


(nmz) -
Ulrich Eckhardt bewarb sich im September 1972 um die Stelle des Geschäftsführers der Berliner Festspiele GmbH. 1934 im Münsterland geboren, hatte er Rechts- und Staatswissenschaften, Klavier und Dirigieren studiert und war nach einer Kapellmeistertätigkeit in Münster Kulturreferent der Stadt Bonn geworden. Schon hier war es sein Ziel gewesen, mit Kultur zugleich Sozialpolitik zu treiben.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

In seinem Bewerbungsschreiben für Berlin hob Eckhardt neben der internationalen Ausstrahlung der Festwochen die „bildungs-, sozialpolitischen und urbanistischen Komponenten von Kulturarbeit“ hervor. „Das bedingt eine längerfristige Planung, didaktische Konzeption und auch ein teilweises Verlassen etablierter Spielräume, um breiter in die Bevölkerung hineinzuwirken.“

1973 zog Eckhardt nach Berlin, wo er zuvor schon bei Karajan einen Dirigierkurs besucht hatte. Ein Jahr später eröffnete er die Festwochen mit Claudio Abbado und den Wiener Philharmonikern; Hauptthemen waren Arnold Schönberg und die Gründerzeit um 1900. In einem Brief an das Publikum schrieb Eckhardt damals: „Das Programm soll für Sie zu einem geistigen Abenteuer und Vergnügen werden, in sinnlich erfahrbarer Weise – visuell und akustisch die Wurzeln heutiger Fragestellungen in der Geschichte zu finden.“ Als Geschäftsführer und Intendant der Berliner Festspiele verband Ulrich Eckhardt Kultur mit dem Anspruch auf Aufklärung und Emanzipation. Die Forderungen des politischen Aufbruchs von 1968 griff er auf und setzte sie in die Praxis um.

Zu seiner langfristigen Programmkonzeption gehörte die Erinnerungsarbeit durch große kulturhistorische Ausstellungen. So gab es 1981 im Martin-Gropius-Bau, den er als ideales Ausstellungshaus entdeckte, die Schau „Preußen – Versuch einer Bilanz“. Diese stellte die Toleranzidee, die Berlin einmal für politisch und religiös Verfolgte attraktiv gemacht hatte, in den Mittelpunkt. Ulrich Eckhardt knüpfte hier wie bei den umfangreichen Veranstaltungen zur 750-Jahr-Feier der Stadt gerne an ihre besten Traditionen an. An die dunklen Seiten der Reichshauptstadt erinnert dagegen das Gestapo-Gelände neben dem Gropius-Bau. Die hier gezeigte Ausstellung „Topographie des Terrors“ wurde mit Eckhardts Unterstützung zum dauerhaften Dokumentations- und Lernort. Die Vertreibung nicht zuletzt jüdischer Künstler war mehrfach Thema der Festwochen, besonders umfassend im September 1987.

Eigentlich waren die (West-)Berliner Festwochen im Kalten Krieg als „Schaufenster der freien Welt“ begründet worden. Im Zuge der neuen Ostpolitik Willy Brandts machte Eckhardt sie zum „vorgeschobenen Horchposten für den Westen, als Vermittler, damit die im Westen auch mal wissen, was im Osten los ist“. Zusammen mit seinem engagierten Team präsentierte er 1983 in einer Ausstellung den russischen Symbolismus und Futurismus und 1986 zeitgenössische Künstler aus Moskau. Wie Eckhardt bei Verhandlungen in der damaligen Hauptstadt der DDR politische Barrieren überwand, ist einem spannenden Interview zu entnehmen. Mit Mut, Chuzpe und persönlicher Überzeugungskraft gelang Eckhardt nicht nur der Kulturaustausch mit der DDR und den Ländern Osteuropas, sondern auch 1987 die Koordination der Veranstaltungen zur 750-Jahr-Feier Berlins. Nach der Wiedervereinigung führte er lohnende Initiativen der DDR wie die Musik-Biennale weiter. Sein Abschied 2001 bedeutete eine schmerzliche Zäsur.

Ulrich Eckhardt, zeitweilig auch Intendant der Berliner Philharmoniker und wie Hilmar Hoffman ein Avantgardist der Soziokultur, hat wie kein anderer jahrzehntelang das Kulturleben West-Berlins geprägt. An seinem Beispiel müssen sich die Nachfolger messen lassen. Der vorliegende Band, der seine Tätigkeit in Essays, Reden und Originaldokumenten dokumentiert, dient nicht nur dem historischen Rückblick, sondern liefert Maßstäbe auch für heutige Kulturmanager.

  • Ulrich Eckhardt: Über Mauern geschaut. Was Kultur kann – und soll, Siebenhaar Verlag, Berlin 2018, 320 S., € 29,90, ISBN 978-3-943132-61-9

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