Mit Herz und E-Gitarre

Die Münchner aDevantgarde 2017


(nmz) -
In der Philharmonie im Münchner Gasteig gibt der Schmusesänger der 80er, Chris de Burgh, ein Konzert. Auf der sonnigen Piazza herrscht dagegen Remmidemmi: mit Blechsound, hämmernder Percussion und kreischender E-Gitarre besetzt das Verworner-Krause­Kammerorchester (VKKO) das Celibidache-Forum. Der Dirigenten-Derwisch irritiert Passanten, verwundert Philharmonie-Besucher und begeistert Freunde schräger Klang- und Performancekunst. Das ist frech, erfordert aber auch Mut – und entspricht somit ganz dem aDevantgarde-Festival, das sich in seiner 14. Ausgabe der Parole „coraggio“ gewidmet hat.
Ein Artikel von Anna Schürmer

Im Italienischen bedeutet „coraggio“ soviel wie Mut und Courage, aber auch Unverschämtheit und Frechheit. Damit entspricht das Wort dem Geist der Avantgarden, die ihrer Zeit stets voranmarschierten und dabei keine Konflikte scheuten: „Das Motto corragio ist gleichermaßen als politisches wie ästhetisches Statement zu verstehen“, erklärt Alexander Strauch, der das 1991 von Moritz Eggert und Sandeep Bhagwati gegründete Festival seit diesem Jahr gemeinsam mit Samuel Penderbayne leitet: „Die Krisen unserer Zeit fordern auf sozialer wie künstlerischer Ebene Engagement.“

Diesen Anspruch löste besonders „Occupy“ ein, mit dem Penderbayne die Festivalparole als dreitägiges Happening inszenierte: „coraggio verlässt die Konzertsäle und kehrt mit frischer Luft in die Kulturräume zurück.“ Tatsächlich vibrierte die aDevantgardistische Freiluftbühne, auf der sich verschiedene Formationen aus dem gesamten Spektrum der zeitgenössischen Musikkultur die Klinke in die Hand gaben: Da performte nicht nur das anarcho-dadaistische VKKO oder formulierte Alexander Strauch mit seinem „Quodlibet“ eine „Liebeserklärung für Laienchöre“. Zu anderer Stunde flimmerten elektronische Installationen über eine Leinwand oder animierten performative Formate das mehr oder weniger zufällig anwesende Publikum zum Mitmachen, während Musiker des Breakout Ensembles zum Zuhören einluden. Alle gemeinsam setzten den Inklusionsgedanken um, den das abArt-Performance tanz theater als Ensemble gehandicapter Musiker mit seiner täglichen Einlage demonstrierte: etwa, wenn neben zufälligen Flaneuren und Gästen der Philharmonie ein Mädchen mit Down-Syndrom über die Freilichtbühne tanzte oder sich unwillige Passanten echauffierten, während andere fasziniert verweilten.

Penderbayne und Strauch wollen „weg von den Dogmen und die zeitgenössische Musik breit verstanden wissen“. Das zeigten sie auch mit den Konzertprogrammen der anderen Tage, wobei ein für die Neue Musik untypisches Instrument in den aDevantgardistischen Fokus rückte: nicht nur beim VKKO heulte und schrillte eine E-Gitarre; genauso kam das gemeinhin eher mit Popkultur assoziierte Instrument beim Konzert des israelisch-schweizerische Ensemble Nikel sowie in der „Tollerey – 1917/2017“ zum Einsatz.

Neun Komponisten waren aufgefordert, Miniaturwerke zu Texten aus dem Umfeld des revolutionären Dichters und Protagonisten der Münchner Räterepublik Ernst Toller beizutragen. Es folgte ein kurzweiliger, weil kleinteiliger Konzertabend, für den die Organisatoren einen Stilmix ankündigten: „Klavierlied trifft auf Jazz, Punk und Noise“. Klingt fancy, traf es aber nicht ganz: zwar waren die Miniaturen vielstilistisch; dem revolutionären Potential des Dichters konnten sie auf musikalischer Ebene allerdings nicht ganz das Wasser reichen. Neben Anna Korsuns sphärisch-kosmischem Sound, überzeugte das Power-Play, das Dirigent Jobst Liebrecht den Musikern bei seiner eigenen Komposition abverlangte. Auf der Bühne versprühte vor allem Moritz Eggert am Klavier aDevancierte Spielfreude, während Johannes Öllinger seine E-Gitarre für höhere Aufgaben in der Neuen Musik empfahl.

Die Möglichkeiten des elektrifizierten Instruments hat längst auch das Ensemble Nikel erkannt – und seine Besetzung auch sonst an popmusikalische Formationen angelehnt: Mit ihrer charakteristisch bandartigen Mischung aus E-Gitarre, Saxophon, Schlagzeug und Klavier verstehen sich die vier coolen Jungs und herausragenden Musiker als „das Quartett der Jetztzeit“. Das Ensemble lebt von Originalwerken, die ihm Komponisten auf den Klangleib schreiben. Indem sie analoge neben digitalen Klangerzeugern, elektronische und akustische Klänge anbieten, stellen sie nicht nur musikalische Genres infrage, sondern regen zu spannenden Auseinandersetzungen mit der medialen Gegenwart an.

Stefan Prins etwa gab mit „Fremdkörper #2“ ein musikalisches Statement zum Cyborg-Diskurs ab, indem er in eine Zukunft hineinhorchte, in der die Abgrenzung zwischen dem Körper und technologischen Erweiterungen aufgehoben sein wird, wenn Natur und Technik in einer Sphäre verschmelzen. Ähnlich gerichtet war die Uraufführung des Abends, Markus Muenchs Body_scan, in dem das Ensemble in Interaktion mit Stimmen aus dem Apple-Voice­Over, mit Click-Geräuschen und Sinus-Klängen trat.

„Aufbrüche“ versprachen auch die Konzerte von zwei jungen Ensembles: Eröffnet worden war das aDevantgarde-Festival vom beherzt aufspielenden Landesjugendensemble Neue Musik Berlin; gefolgt vom Salzburger Ensemble NAMES, das im Sinne von coraggio versprach, „Kontraste zu schärfen, Konzepte zu prüfen und Tradiertes zu rekontextualisieren“. Hier dominierten spröd-leise Klänge – wäre da nicht Johannes Kreidler gewesen. Sein schrill zwischen Reklamejingles, Noise und Neuer Musik changierendes Stil 1f schlug die Brücke zur medienexzessiven und stilpluralistischen Ästhetik, mit der das 14. aDevantgarde-Festival punktete, das mit der aDe-Lounge im Club Milla irgendwo zwischen zeitgenössischer Musik, Jazz, Elektro und Pop ausklang.

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