Mordsgeschichte aus der deutschen Provinz

Wolfgang Böhmers und Martin G. Bergers „Elfie“ an der Neuköllner Oper


(nmz) -
Elfie ist immer der Stein des Anstoßes, aber keine Rebellin. Ihre Tochter bemängelt an Elfriede Steinheuer Nachlässigkeit, ihr Mann Ernst kommt nicht mit ihren erotischen Eskapaden zurecht, ihre Mutter ist ihm dankbar für Elfies Domestizierung.
Ein Artikel von Roland H. Dippel

Nur ein Stoff aus der deutschen Provinz von gestern? Mitnichten! Martin G. Berger, nominiert zum Theaterpreis Der Faust, zieht Parallelen zwischen einer Außenseiterin um 1990 und sozialen Dysfunktionen heute. Er schreibt in der Neuköllner Oper einen szenischen Essay über Autonomie-Ansprüche. Ausgangspunkt zu diesem ist für ihn und den Komponisten Wolfgang Böhmer („Grimm!“, „Stella“) das nicht verfilmte Drehbuch „Eine Mordsgeschichte“ des 2017 verstorbenen Dramatikers Tankred Dorst und seiner Mitarbeiterin Ursula Ehler, von beiden 2002 umgeschrieben zum Theaterstück „Die Freude am Leben“. Bernhard Gloksin, künstlerischer Leiter der Neuköllner Oper, hatte es von Fassbinders Kamera­mann Jürgen Jürges erhalten.

Das Kammerorchester mit acht Musikern sitzt hinter einem Projektionsschleier, das Publikum um ein quadratisches Podest mit Bodenluke. Ein Modellbahn-ICE kreist am Rand des Podests durch eine grüne deutsche Miniaturlandschaft, doch die Figuren schreiten durch Asche und verkohltes Papier. Elfie ist auf der Suche nach Nähe und leidet darunter, dass man ihr nur eine kaum ernstzunehmende Un-Rolle zuweist. Inka Löwendorf spricht diese dem sozialen Druck nicht genügende Protagonistin mit stark herausgekehrter Einfachheit, singen dürfen nur die anderen. Elfie ist auch in den erotischen Begegnungen mit dem Musikkritiker Hermann Dechant (mit dieser Figur, dargestellt von Guido Kleinadam, erwiesen Dorst/Ehler dem Leiter des Bamberger Domchores eine Reverenz), dem Chirurgen Harry Hallwachs (David Schroeder) und dem Elektrogroßhändler Elmar Giebel (Victor Petitjean) von fragender Ungewissheit. Mit Ausnahme der kindlich wirkenden Isabella Köpke als Elfies Tochter Beatrix passen das physische Alter der Darsteller und das ihrer Rollen nur selten zusammen. Oft liegt ein bleierner Schleier auf den Figuren. Die von alten Beziehungsmustern gefährdete Wiederannäherung zwischen Elfie und ihrem Mann, hinter dessen sehr robuster menschlicher Schale Clemens Gnad den weichen Kern bloßlegt, ist von tiefer Intensität.

Das Zeitgeist-Kolorit wirkt in der Ausstattung von Sarah-Katharina Kari nicht piefig. Als Zuschauer ist man in der Neuköllner Oper den Darstellern meistens zum Greifen nah. Trotzdem gelingt Martin G. Berger sogar bei einer realen Nacktszene Stilisierung. Die Partien von Regine Gebhardt (Elfies Mutter/Berliner Kneipenwirtin) und Jana Degebrodt (Arztgattin) sind schlichter als die Männerfiguren und Elfie.

Wolfgang Böhmer schafft die musikgestische Verallgemeinerung; Desorientierung entsteht durch kalkuliert polyphone Strukturen. Den Bühnenpraktiker merkt man an den vielfältig gestalteten Übergängen von Rede, Melodram und Gesang. Die nahezu durchkomponierte „Elfie“ will keine Literaturoper sein und hat für ein Musical sehr wenig Melodie, auch wenig direkt überspringenden Rhythmus. Eine Herausforderung für den Dirigenten Oliver Imig: Das Instrumentalensemble mit Akkordeon legt schmale, schnelle und dabei kräftige Rinnsale. Die Sänger können also nicht in Ton-Fluten kraulen. Über eine Schauspielmusik geht das deutlich hinaus. In dieser sehr individuellen Proportion ist „Elfie“ als „Theater-Musik“ wirklich außergewöhnlich, weil das Experiment als solches kaum bewusst wird. Die Szene bleibt stark bis zum Schluss, macht aber die Musik nicht zur Nebensache. Es dürfte bei einer Neuproduktion interessant werden, ob diese von Oliver Imig und Martin G. Berger mit dem Ensemble erzielte Synchronität von Musik und Szene ein einmaliger Glückstreffer war oder ob diese tatsächlich ein Alleinstellungsmerkmal von Böhmers Partitur ist.

Alle verfügen über markante Präsenz und sogar darstellerische Zurückhaltung, was in diesem Raum nicht einfach ist. Es hätte Tankred Dorst und Ursula Ehler gefallen, dass es in der klaren Figurenzeichnung nicht zu einer in die Posse abgleitenden Typisierung kommt. Kräftiger Applaus nach der ausverkauften Premiere, die Vorstellungsserie läuft bis zum 3. März.

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