Musik als Erlebnis verstehen

„Zu blöd für Neue Musik ?“ – Antwort auf eine häufig gestellte Frage · Von Moritz Eggert


(nmz) -
„Immer wieder bekomme ich Mails, in denen Menschen ihr Leid mit der Neuen Musik klagen. Sie hätten ja alles versucht, studiert, immer wieder zugehört, Konzerte besucht… aber dennoch können sie einfach damit nichts anfangen. Sie fühlen sich ‚zu blöd‘, fühlen sich ausgeschlossen aus einer Szene, die oft in Geheimcodes spricht und ‚unter sich‘ bleibt, fühlen sich ratlos gegenüber einer Musik, die ihnen zunehmend obskur und weltfremd vorkommt…“ So leitet der Komponist und Autor Moritz Eggert im „Bad Blog of Musick“ der nmz einen Text ein, den er als ausführliche Antwort auf eine solche Zuschrift verfasst hat. Nach einem ersten Teil, in dem er die These ausführt, dass eine Musik, in der man alles „versteht“ möglicherweise gar nicht so erstrebenswert sein dürfte, wendet er sich einem weiteren grundsätzlichen Aspekt zu:
Ein Artikel von Moritz Eggert

Was Sie ehrlich zum Ausdruck gebracht haben, ist im Grunde ein Gefühl des Fremdseins gegenüber Neuer Musik. Und das kann ich sehr gut nachvollziehen, denn sie ist nicht mehr Teil unseres Alltags, so wie es einst die Musik von Komponisten wie Bach oder Haydn war. Sind Sie sicher, dass die damaligen Kirchgänger der Thomaskirche in Leipzig die Musiken von Bach so „verstanden“ haben, wie Sie es als gelernter Musikkenner ganz sicher tun? Ganz sicher nicht. Aber diese Musik war einfach „da“, es gab jede Woche eine Kantate, bei der auch Laienmusiker mitwirkten. Und das ist auch bei der Entstehung dieser Musik das Entscheidende, war also wichtig für Bachs Komponieren. Er war jeden Tag „Vermittler“ seiner Musik, befand sich also in direkter Kommunikation mit seiner Umwelt, seine Musik war Teil des Lebens, aber gleichzeitig kam das Leben auch in seiner Musik vor.

Das ist der Punkt, wo ich Sie tatsächlich gut verstehen kann. Neue Musik ist nicht mehr Teil des Alltags. Die Opernhäuser und bürgerlichen Konzertsäl0e sind nicht mehr Treffpunkte der Gesellschaft, wie sie es einst tatsächlich einmal waren. Was auch daran liegt, dass wir kein Bürgertum mehr kennen, wie es im 18. und 19. Jahrhundert entstand – stattdessen haben wir eine immer schwerer zu definierende Mittelschicht, die immer mehr an den Rändern ausfranst, solange die Einkommensschere zunehmend wächst. Neue Musik findet – da ihr in den unglaublich spießigen und musealen Konzertprogrammen unserer Zeit nur selten ein kleines Plätzchen gelassen wird – fast ausschließlich in „Expertenkreisen“ statt, einer Art „Geek Culture“, die sich um bestimmte Festivals und Orte versammelt und mehr oder weniger unter sich bleibt. Die Frage ist aber nun: Ist das wirklich die „Schuld“ dieser Musik? Oder ist es Ausdruck von komplexen gesellschaftlichen Prozessen wie oben beschrieben? Ich denke letzteres.

Dass Sie Neue Musik nicht „verstehen“, liegt daran, dass Ihnen – genauso wie einem Großteil des Publikums – die Zwischenschritte, die von Schumann direkt zu Stockhausen führen, nicht genauso vertraut sind, wie die Zwischenschritte, die von Bach zu Schumann führen. Warum? Weil besonders spektakuläre Zwischenschritte – zum Beispiel die Wiener Schule oder Stravinsky in den 1910er- und 1920er-Jahren – zeitgleich mit dem Ersten Weltkrieg stattfanden, einem entsetzlichen und bisher in dieser Form noch nie dagewesenen globalen Ereignis, das viel Aufmerksamkeit beanspruchte. Direkt danach ging es in Europa und vor allem bei uns in eine ganz besonders dunkle Zeit, in der diejenigen, die gerade an den spannendsten musikalischen Entwicklungen arbeiteten, entweder umgebracht oder als „entartet“ verboten wurden. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs fehlten also den meisten Menschen das Wissen um 30 bis 40 Jahre musikalische Entwicklung, gerade im schnellen 20. Jahrhundert eine ganz besonders dramatische Lücke, ungefähr so, als würde man direkt von Mozart zu Wagner springen. Von dieser „Lücke“ hat sich die Neue Musik nie wirklich erholt – plötzlich war sie abgetrennt vom klassischen Musikbetrieb und fand im Alltag nicht mehr statt, gleichzeitig wollte sie aber auch nicht die Errungenschaften verraten, die sie zum Teil unter großem Leid und dramatischen persönlichen Schicksalen erreicht hatte.

Die Komponisten zogen sich also in eine Art gesicherte Isolation zurück – finanziert von einer im Grunde sehr noblen und guten Idee der Förderung einer freien Kultur. Seit den Nachkriegsjahren machen sie eher Musik für Spezialisten und es gibt nur wenig Berührungspunkte mit einer größeren Öffentlichkeit. Vielleicht haben sich es manche in dieser Isolation allzu bequem gemacht, aber ich kann Ihnen versichern, die meisten Kolleginnen und Kollegen wollen einfach tolle, spannende, verrückte und wunderbare Musik schreiben, und das gelingt ihnen auch, selbst, wenn viele das nicht mitbekommen.

Ich persönlich würde mir nichts mehr wünschen, als dass diese unsere Musik wieder mehr Teil Ihres Alltags ist. Und es nicht mehr darum geht, ob sie mehr oder weniger „verständlich“ ist, sondern dass sie einfach da ist. Was da ist, mit dem wird umgegangen. Es ist Teil des Alltags und einer täglichen Auseinandersetzung mit den Wundern und Geheimnissen unserer Welt, zu der die Künste einen Beitrag leisten.

Wie können wir dieser Vision näherkommen? Sie, in dem Sie sich eine grundsätzliche Neugier bewahren und zum Beispiel Musik nicht nur nach dem „Verständnis“ sondern auch dem „Erlebnis“ befragen (und etwas zu „erleben“ heißt nicht, dass immer alles so passiert, wie man es erwartet oder für gut befindet, das ist ganz wichtig). Die Intendant*innen und Konzertveranstalter*innen könnten ihre immer unbegreiflichere Politik der schlaffen und zunehmend lustloseren Befriedigung eines schwindenden Publikums beenden und die Gegenwart endlich gleichberechtigt in die Konzertsäle lassen, ihr einen gleichen Anteil an den Konzertprogrammen geben wie die Musik der Vergangenheit (die selbstverständlich weiterhin erklingen muss, als Chronik der Gefühle und Leidenschaften vergangener Epochen). Wir Komponist*innen schließlich könnten uns mehr dafür interessieren, was in der Welt außerhalb unserer meist akademisch geprägten Lebenswirklichkeit geschieht, wir könnten „atopischer“ denken, außerhalb von Stilkonventionen und Genres, einen neuen Blick werfen nicht nur auf eine Musik der Spezialisten, sondern auf ALLE Musik, so wie es eigentlich die Komponisten der Vergangenheit mit ihren jeweiligen Mitteln immer getan haben.

Vollständiger Text unter https://blogs.nmz.de/badblog/2021/11/09/zu-bloed-fuer-neue-musik/

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