Musik als Laboratorium der Moderne

Als die Beziehungen zwischen Russland und Deutschland noch intensiv waren


(nmz) -
Nach den Verheerungen des Ersten Weltkrieges fanden zwei Hauptbetroffene, das besiegte Deutschland und die von Bürgerkriegen erschütterte Sowjetunion im Rapallo-Vertrag von 1922 nicht nur politisch wieder zueinander. Auch künstlerisch und gesellschaftlich waren die Beziehungen äußerst eng; das sowjetische Experiment einer neuen Gesellschaft wurde im Westen interessiert verfolgt, im Theater waren die Regisseure Meierhold und Stanislawski geradezu stilbildend. Wie sehr umgekehrt in der UdSSR neben den ungebrochen verehrten Klassikern Beethoven und Wagner jüngere Komponisten wie Alban Berg und Paul Hindemith ihre sowjetischen Kollegen beeinflussten, zeigt dieser überaus informations- und materialreiche Sammelband über die wechselseitigen Musikbegegnungen in den 1920er Jahren.
Ein Artikel von Dirk Klose

Heroen des neuen Staates

Das Buch vereint zwölf Beiträge russischer (7) und deutschsprachiger (5) Wissenschaftler, zu Themen wie Reisen, Transfer und Kooperationen. Ein zweiter Band soll noch folgen.

Zu Beginn zeigt die Moskauer Musikwissenschaftlerin Marina Raku, wie sehr gerade Beethoven und Wagner zu Heroen des neuen Staates stilisiert wurden. Umgekehrt waren die großen Komponisten Russlands in Deutschland ebenso präsent, und auch jüngere Komponisten wurden freundlich aufgenommen; Prokofieff beispielsweise trat regelmäßig mit eigenen Werken auf.

In Berlin lebten Anfang der 1920er Jahre etwa 300.000 Russen, fast alle Emigranten und Exilanten – Charlottenburg wurde „Charlottengrad“. Die rührige russische Gemeinde hatte sich eine eigene Infrastruktur aufgebaut, darunter Zeitschriften und Verlage.

Der umtriebige russische Dirigent und Verleger Serge Koussevitzky hatte schon vor dem Krieg in Berlin den Russischen Musikverlag (RMV) gegründet und diesen Anfang 1920 revitalisiert. Er wurde der Hauptverleger des damals im bayerischen Ettal lebenden Prokofieff. Das stimmungsmäßige Auf und Ab zwischen beiden kennzeichnet die nervöse Spannung, die die schwierigen Umstände des Lebens in Deutschland mit sich brachten. Die Autorin Elena Poldiaeva (Moskau) nennt dabei die wichtigsten Mitarbeiter des Verlags, von denen mehrere später in der Sowjetunion in den Jahren des stalinistischen Terrors ihr Leben verloren.

Wie schwierig das Leben für russische Komponisten zumindest in den ersten Jahren der Weimarer Republik sein konnte, schildert der Musikwissenschaftler Wolfgang Mende (Dresden) am Beispiel des Komponisten Wladimir Tscherbatschew (1887–1952). Dieser hatte nach legaler Ausreise ein Jahr in Dresden gelebt, dauernd in einem quälenden Hin und Her, ob er gänzlich emigrieren oder zurückkehren solle. Da sich mehrere mit viel Hoffnung angegangene Projekte letztlich alle zerschlugen, kehrte er an das Konservatorium in Leningrad zurück.

Hindemith und Berg

Drei schöne Beiträge zeigen die nachhaltigen Einflüsse von Paul Hindemith und Alban Berg. Hindemiths ungestüme Ausdrucksweise jener Jahre muss dem nach wie vor revolutionären Impetus in Moskau und Leningrad geradezu Vorbild und Ideal gewesen sein. Die in Moskau lehrende Inna Barsova fasst es so zusammen: „Es gelang Hindemith (wie auch Schönberg und Strawinsky), bei den russischen Musikern das Interesse an Ausdrucksweisen zu wecken, die sich auf ein ganz neues Verhältnis von Melodie, Harmonie und Klangfarbe stützen und damit jedem Komponisten ungeahnte Möglichkeiten der Individualisierung eröffneten“.

Die am Glinka-Konservatorium in Nischni-Nowgorod tätige Julia Veksler hat viel über die Wiener Schule gearbeitet; ihr einfühlsamer Beitrag über die Aufführungen von Alban Bergs „Wozzek“ 1927 in Leningrad zeugt von stupender Kenntnis von dessen Werk. Berg wohnte der ersten Aufführung am 13. Juni 1927 bei, die zu einem großen Erfolg wurde. Fünf weitere Aufführungen folgten noch, dann verursachte die beginnende ideologische Verhärtung eine lange Pause bis in die 1950er Jahre.

Musik als Laboratorium der Moderne: An mehreren Orten in Europa wurde damals mit mikrotonaler Musik experimentiert – am intensivsten wohl Alois Hába in Prag – aber auch in Deutschland und in Leningrad. Auch hier kam es zu einer intensiven Zusammenarbeit, wofür Komponisten wie Jörg Mager, Iwan Wyschnegradsky und Willi von Möllendorff stehen. Dass generell russische Komponisten jener Jahre für einen „kapitalistischen“ Verlag interessant waren, zeigt die für die Wiener Universial Edition gewinnbringende Zusammenarbeit mit dem Moskauer Staatsverlag. Auch diese endete mit der beginnenden Eiszeit in der Sowjetunion.

Der vielleicht informativste Beitrag kommt von der Heidelberger Musikwissenschaftlerin Dorothea Redepenning, die die beiderseitigen Musikbegegnungen vor 1917 beschreibt. Sie geht dabei weit zurück und zeigt, wie sehr das russische Musikleben ab dem 18. Jahrhundert von Musikern und Wissenschaftlern aus Deutschland beeinflusst und aktiv mitgestaltet wurde. Zahllose Deutsche wirkten in den Orchestern mit oder waren an den Gründungen von Konservatorien, Philharmonischen Gesellschaften und Musikakademien beteiligt. Der schier übermächtige deutsche Einfluss ging erst zum Ende des Jahrhunderts etwas zugunsten der französischen Musik zurück.

Gerade in diesen Tagen legt man solch ein Buch nur mit einer gewissen Wehmut aus der Hand. Ein derartiges wissenschaftliches Miteinander mit so viel anregendem Input ist derzeit nicht möglich; die Kontakte nach Russland sind abgebrochen, wann und wie es wieder eine Zusammenarbeit gibt, steht in den Sternen. Zumindest könnte man dann wieder auf eine große Tradition und viele Gemeinsamkeiten aufbauen.

  • Deutsch-Russische Musikbegegnungen 1917–1933, hg. v. Stefan Weiss, Olms, Hildesheim u. a. 2021, 382 S., Abb., Notenbsp., € 49,80, ISBN: 978-3-487-15776-4

 

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