Nachrichten 2016/11

Festivals, Absagen und Revolutionen


(nmz) -
Konzertprojekt „Aghet“ in Istanbul und Eriwan abgesagt +++ Festival der „projektgruppe neue musik“ Bremen +++ Böhms Flöten-Revolution +++ Splitter Music Festival +++ Kurt Weill Fest +++ Trompeter Simon Höfele
Ein Artikel von nmz-red

Politprominenz auf der Gästeliste – Konzertprojekt „Aghet“ in Istanbul und Eriwan abgesagt

Anlässlich des hundertsten Jahrestages des Völkermordes an den Armeniern initiierten die Dresdner Sinfoniker im November 2015 gemeinsam mit dem Gitarristen Marc Sinan das Konzertprojekt namens „Aghet“. Sinan hatte das Stück seiner Großmutter Vahide gewidmet, einer Überlebenden des Genozids.

Als wichtigster Verbündeter des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg war auch das deutsche Kaiserreich in die Verbrechen verstrickt. Jetzt wollten die Dresdner gemeinsam mit Musikern aus der Türkei, Armenien, Deutschland sowie Mitgliedern des No Borders Orchestras aus Belgrad in die Türkei reisen. Zur Aufführung ihres Stückes im deutschen Generalkonsulat in Istanbul am 13. November luden die Dresdner Sinfoniker laut Deutscher Presseagentur den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan sowie den Ministerpräsident Binali Yildirim, den Außenminister Mevlüt Cavusoglu und den Kulturminister Nabi Avci ein. In der Einladung zu der Veranstaltung in Istanbul werden Erdogan und die Regierungsmitglieder gebeten, ihre Teilnahme bis zum 5. November zu- oder abzusagen. Dieses Schreiben nahm das Auswärtige Amt zum Anlass, die Aufführung im deutschen Generalkonsulat nun abzusagen. Aus dem Ministerium in Berlin hieß es dazu, die Einladungen zu der Veranstaltung seien ohne Beteiligung des Auswärtigen Amtes erfolgt.

Die Aufführung im Generalkonsulat hätte vermutlich zu einem erneuten Konflikt mit der Türkei geführt. Die Regierung in Ankara hatte Medienberichten zufolge wegen „Aghet“ bereits kürzlich einseitig das EU-Kulturprogramm aufgekündigt. Im April hatte die Türkei gefordert, dass die EU die finanzielle Förderung für das Projekt einstellt.

Die geplanten Aufführungen der Dresdner Sinfoniker im November in Belgrad und in der armenischen Hauptstadt Eriwan sind bisher von den Vorfällen unberührt.

Das Maul ist der Text – Festival der „projektgruppe neue musik“ Bremen

Vom 25. bis 27. November 2016 findet das 19. Festival der „projektgruppe neue musik“ in Bremen statt. Das dreitägige Festival, das in fünf Konzerten, Vorträgen und Podiumsdiskussionen seit zwanzig Jahren um ein politisches, ästhetisches oder auch philosophisches Thema kreist, will dieses Mal unter dem Titel „Das Maul ist der Text“ dem Phänomen der menschlichen Stimme nachspüren. Wenn Stimme ein „soziales Phänomen“ ist, wie der eingeladene Philosoph Dieter Mersch sagt, wie ist Stimme dann in musikalischen Zusammenhängen zu verstehen? Knüpfen Stimmen an bestehende Bedeutungen an oder brechen sie mit ihnen? Ist die Stimme vom Geschlecht und/oder vom Leib ablösbar?

Der Titel des Festivals stammt von Hans Joachim Hespos, dessen 1986 komponiertes „Donaia“ aufgeführt wird. Daneben wird von der älteren Avantgarde „Aventures“ von György Ligeti und „Djamila Boupacha“ von Luigi Nono zu hören sein. Von den jüngeren kommen Werke von Uwe Rasch, Robin Hoffmann, Samir Odeh-Tamimi, Zad Moultaka, Eduardo Moguillansky, Jennifer Walshe, Aaron Cassidy und Heiko Müller zu Gehör.

Ergänzt wird das Programm mit Improvisationspräsentationen von Audrey Chen (USA), Joelle Léandre (Frankreich) und Isabelle Duthoit (Frankreich). Zu den Vorträgen werden der Sprech- und Stimmlehrer Gunnar Brandt-Sigurdsson, die Musikwissenschaftlerin Theda Weber-Lucks  und der Philosoph Dieter Mersch erwartet. Die Interpreten/-innen sind die Neuen Vocalsolisten Stuttgart und das Ensemble MAM – Manufaktur für aktuelle Musik (Deutschland). Darüber hinaus werden das Trio Les Diaboliques (Frankreich), die Sopranistinen Angela Postweiler (Deutschland) und Natalia Pschenitschnikowa (Russland), der Countertenor Daniel Gloger (Deutschland) und die Schauspielerin Annina Machaz (Schweiz) erwartet. Informationen unter www.pgnm.de

Böhms Flöten-Revolution

Flöten gab es zwar schon in prähistorischen Zeiten, aber so wie sie heute gebaut und gespielt wird, ist sie ein ziemlich junges Instrument. In der Mitte des 19. Jahrhunderts, 100 Jahre nach dem barocken Traversspieler Quantz, war es 1832 der Münchner Komponist, Flötist und Flötenbauer Theobald Böhm, der die Grifflöcher nach akustischen Regeln neu berechnete, dazu für das nun zylindrische Rohr ein kompliziertes Klappensystem entwickelte und damit die Querflöte revolutionierte.  Als „Böhmflöte“ mit ihrem modulationsfähigeren Ton machte sie ihren glänzenden Weg in unsere Orches­ter. Diese Erfindung anlässlich seines 135. Todestag angemessen zu feiern, war seinem in München lebenden Ururenkel eine Selbstverständlichkeit. Er lud führende Flötisten wie András Adorján, Martin Belic, Jasmine Choi, Daniela Koch und Paolo Taballione zu einem festlichen Böhm-Gedächtniskonzert ins Münchner Prinzregententheater ein, zugleich als Juroren des 3. internationalen TheobaldBöhm-Wettbewerbs für Flöte und zugleich für die (tiefere) Altflöte in G. 66 Teilnehmer bis 32 Jahren hatten sich aus 22 Ländern angemeldet. In drei Runden hatten sie Werke aus verschiedenen Stilepochen, darunter als Pflicht auch aus Böhms umfangreichem Flöten-Opus zu spielen. Dabei ging es auch um angesehene Geld- und Sachpreise. Preisträger (mit ihren Sponsoren) wurden: 1. Preis Luc Mangholz (5.000 Euro, Stiftung Otto Eckart), 2. Preis Jasper Goh (3.000 Euro, Yamaha Europe), 3. Preis Natalia Karaszewska (2.000 Euro, Kinder und Jugend Stiftung Dr. Castringius), Sonderpreis für Altflöte Leonie Bumüller (Kopfstück von Verne Q. Powell), Sonderpreis für den besten Teilnehmer unter 20 Jahren Natalia Karaszewska (Kopfstück von Sanford Drelinger). er

Splitter Music Festival

Das vom 24. bis 27. November stattfindende Splitter Music Festival ist ein neues Berliner Festival für zeitgenössische Orchester-Musik. An vier Abenden geht es in der „Wabe“ und im „Ballhaus Ost“ mit insgesamt über 80 Künstler/-innen um das Musikmachen im Großformat, ausgehend vom gemeinschaftlichen Moment der Improvisation. Im Mittelpunkt des  viertägigen Fes­tivalprogramms steht das namensgebende, 2010  gegründete Berliner Echtzeitmusik-Ensemble „Splitter Orchester“. In wechselnden Besetzungen und musikalischen Kontexten präsentiert sich das Orchester dem Publikum an jedem Festivaltag neu. Es stehen aber nicht nur die Composer-Performer des Splitter Orchesters auf der Bühne: Das 30-köpfige Schweizer „Insub Meta Orchestra“ eröffnet das Fes­tival am Donnerstag und tritt anschließend erstmalig gemeinsam mit dem  „Splitter Orchester“ auf. Die Echtzeit-Komponistin Sabine Vogel fusioniert dafür  beide Orchester zu einem „Soundpainting Orchestra“. Sven-Åke Johansson, der Berlins experimentelle Musikszene seit Jahrzehnten prägt, inszeniert am Festival-Freitag mit Titus Engel und einem eigens zusammengestellten 22-köpfigen Ensemble seine Symphonie für Kartonagen „Harding Greens“. Am Samstag präsentiert das Splitter Orchester in 22-köpfiger Besetzung ein raumgreifendes, frei improvisiertes Konzert. Danach werden mit einem DJ-Set von Hanno Leichtmann die ersten zwei Veröffentlichungen des  Splitter Orchesters  gefeiert: Die CD „Creative Construction Set“ mit dem amerikanischen Komponisten und Posaunisten George Lewis, und „Shine On You Crazy Diagram“, eine Split-LP mit dem Hamburger Tonkünstler Felix Kubin. Den Festivalabschluss bildet das Berliner Quartett „The Pitch“ in Form des „The Pitch Frozen Orchestra“, das um Musiker/-innen des Splitter Orchesters erweitert wird. www.splitter.berlin

Kurt Weill Fest

Vom 24. Februar bis 12. März zeigt die 25. Auflage des Dessauer Kurt Weill Festes ein thematisches Spektrum von Martin Luther, über Weill bis Moses Mendelssohn. Mit dem Fokus auf drei Persönlichkeiten aus der Region, so Festivalintendant Michael Kaufmann, wolle man zeigen, welch reichhaltigen Schatz es in Anhalt gebe.

Insgesamt stehen 60 Veranstaltungen auf dem Programm. Viele der Künstler seien langjährige Gäste des Festes, unter ihnen Ute Gfrerer, Nils Landgren und James Holmes. Mit der Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ präsentiert sich erstmals das Opernhaus Halle beim Weill Fest.

Im Zentrum der Jubiläumsausgabe steht eine große Gala bei der mit Berlin, Paris und New York musikalisch die drei Lebensstation Kurt Weills im Mittelpunkt stehen. Erstmals entstand zum Weill Fest in Kooperation mit Mitteldeutschen Rundfunk Kultur ein Musik-Hörspiel.

Radio-Talent

Das Kulturradio SWR2 nimmt den 22-jährigen Trompeter Simon Höfele in sein Nachwuchsprogramm „SWR2 New Talent“ auf. Mit der dreijährigen Förderung, die seit 2013 exis­tiert, sind Sendungen im Radio, Auftritte bei Konzerten und Festivals des SWR und Radioproduktionen verbunden. und info@pgnm.de

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