Physisches für das Sammlerherz

Tonträger-Bilanz 2019 von Mátyás Kiss


(nmz) -
Der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker. Wertbeständige Raritäten.
Ein Artikel von Mátyás Kiss

Die Ars Nova des Francesco Landini könnte man als embryonale Form des mehrstimmigen Madrigals beschreiben. Auf „L’occhio del Cor“ (Das Auge des Herzens; Landini war blind) singen vier Italienerinnen, die sich (ergänzt durch einen Mann) La Reverdie nennen. Das klingt wunderschön und kommt der sprachlichen Authentizität des Vortrags zu Gute. Die Instrumente, auf denen die fünf sich selbst begleiten, haben sie mit ebensoviel Bedacht ausgewählt wie ihr mit Raritäten gespicktes Repertoire. Booklet nur engl./frz./ital. (Arcana)

Heinrich Ignaz Franz von Biber schuf neben diversen Solosonaten auch echte Kammermusiken wie „Fidicinium Sacro-Profanum“, einen abwechslungsreichen Zyklus von zwölf Sonaten für zwei Geigen, eine oder zwei Bratschen und Basso continuo, den die beiden Geiger Florian Deuter und Mónica Waisman mit ihrem Ensemble Harmonie Universelle endlich komplett (und mit hinreißendem Temperament!) vorgelegt haben. (Accent)

Das eben nicht näselnde, sondern volltönende, stets sangliche Spiel der jungen Lucile Boulanger auf „Les Défis de Monsieur Forqueray“ hat mich mit einem bislang wenig geliebten Instrument versöhnt – der Viola da Gamba. Boulanger porträtiert hier Antoine Forqueray anhand seines anregenden Umfelds (défis = Herausforderungen). Erfüllte fünf Viertelstunden, auch dank hervorragender Begleiter! (Harmonia Mundi)

Das Darmsaiten aufziehende Cuarteto Quiroga präsentiert auf „Heritage – The Music of Madrid in the Time of Goya“ eine zwischen 1743 und 1747 geborene Komponistengeneration, die in räumlicher und/oder zeitlicher Nähe zum Maler wirkte. Dabei zeigen die unbekannten, aber wie Repertoirewerke behandelten Streichquartette von Brunetti, Casales und de Almeida Mota kaum Schwächen gegenüber dem Großmeister Boccherini. (Cobra Records)

Weit mehr als eine Stuttgarter Lokalgröße war Bernhard Molique: Nach der famosen Serie der Streichquartette auf cpo holen nun Dabringhaus & Grimm zum Doppelschlag aus: zunächst mit den beiden Klaviertrios aus den zuverlässigen Händen des Trio Parnassus; dann mit zwei Flötenduos, dem Quintett für Flöte und Streicher und dem späten, für die Pianistin Kerstin Mörk sehr dankbaren Klavierquartett, im Übrigen besetzt aus den Reihen der Parnassus Akademie um den Cellisten Michael Groß. Wie Mendelssohn eher Klassizist als Romantiker, hinterließ der Geigenvirtuose Molique, obwohl als Komponist Autodidakt, der Nachwelt handwerklich tadellose, inhaltlich substantielle, in der Grundhaltung freundliche Kammermusik.

Vor 75 Jahren endete das unstete Leben des großen paraguayanischen Gitarristen Agustín Barrios. Mit der fünften Folge seiner vollständigen, nicht bloß Saitenfreaks, sondern Hörer/-innen jeder Couleur beglückenden Werke profiliert sich abermals Celil Refik Kaya: ein blitzsauber gezupftes 84(!)-minütiges Recital quer durch alle Schaffensphasen. (Naxos)

Der inzwischen 70-jährige Kalevi Aho schuf an die 30 Solokonzerte, darunter besonders gelungene für Trompete und Posaune, deren im experimentellen Jazz (Lester Bowie, Albert Mangelsdorff) entwickelte Spielweisen Aho gerne aufgreift. Das Trompetenkonzert verzichtet dabei auf Streicher, nicht aber auf rhythmische Prägnanz. Die Solisten Jörgen van Rijen (Posaune) und Alain de Rudder (Trompete) machen ihre Sache ebenso glänzend wie die Antwerpener Symphoniker unter Martyn Brabbins. (BIS)

Einen hervorragenden Einblick in die Vielfalt der Musik für Solo-Perkussion gibt uns schließlich Leonie Klein auf ihrer passend betitelten CD „Gathering Thunders“. Neben Klassikern der 50er-, 60er- und 70er-Jahre von Stockhausen, Lachenmann und Xenakis dürfen wir neuere Beiträge von Eötvös, Nicolaus A. Huber und Johannes Fischer entdecken, alle in süperbem SWR-Klangbild brillant realisiert von einer bestens aufgelegten Leonie Klein. (Wergo)

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