Pinocchios 3.0

ferchows Fenstersturz


(nmz) -
Vor gar nicht so langer Zeit hausten in einer grauen Stadt zwei kleine Betteljungen. Sie waren so arm, dass sie selbst im Hirn nichts hatten. Nur den Traum, vor vielen Menschen wirr zu sprechen. Oft brachen sie die Gebote der Stadt, um zu bestehen. Sie nährten sich von Gerstensaft und selbst erwirtschafteten Rauschmitteln. In den Gassen der Stadt lernten sie die Kunst der Beleidigung. Eines Tages trafen sie einen Zauberer. Sein Körper war mit geheimnisvollen Zeichnungen übersät. „Ich helfe euch, Proleten zu werden“, versprach er den beiden. Leider glaubten die Betteljungen, das sei der gleiche Beruf wie Prinz, und bevor der Zauberer zu Ende gesprochen hatte, saßen die Freunde in seiner Kutsche und ließen sich abtransportieren. Dabei hatten sie doch Mutti versprochen, zu keinem Fremden ins Gefährt zu steigen.
Ein Artikel von Sven Ferchow

In den garstigen Winkeln der Stadt verschwanden die beiden Freunde. Von nun an arbeiteten sie für den Zauberer. Nachts lehrte er sie, Unfreundlichkeiten zu gleichtaktigen Trommelschlägen zu sprechen. Natürlich wusste der Zauberer, dass Abstriche in Grammatik, Wortschatz und Sozialverhalten vorzunehmen waren. Doch seine Anlernlinge begriffen schnell. Trotz überschaubarer Ausstattung gelang es ihnen, viele Menschen zu begeistern. In verwunschenen Gewölben zeigten sie ihr Handwerk. Sie waren auf dem besten Weg, berühmte Zauberer zu werden. Dann erschien ihnen die geldgeile Fee „Zwietracht“. Sie machte aus Freunden erbitterte Feinde. Von nun an sprachen die beiden kein Wort mehr miteinander. Nur noch über die Mutter des anderen. Das war oft so hundsgemein, dass sich die Menschen heute Thilo Sarrazin als Streitschlichter gewünscht hätten. Den Bewohnern des ganzen Landes schien das dennoch zu gefallen. Getrennt wurden sie berühmte Gaukler und verdienten mit ihrem Streit viele Goldmünzen. Und weil sie nicht gestorben sind, streiten sie noch immer …

Denkste. In einem Anfall von Hormonmutation, scheint sich eine Art Versöhnungsgen im Gehirn der beiden Gaukler entwickelt zu haben. Hoffentlich nicht zu Lasten anderer Gene. Rumpelstilzchen und Froschkönig, bekannt als knallharte Rapper Bushido und Sido, haben sich ziemlich heimlich und deshalb mitten auf dem Ku‘damm die Hand zur windelweichen Versöhnung gereicht. Also das Körperteil, mit dessen Hilfe eine männliche Sexualpraxis vollzogen wird, das die Sprechgaukler gerne in Verbindung mit einem Schimpfwort benutzen und so relativ ungeniert auf inflationären Einsatz der Praxis hinweisen. Oder der Hand. Nun, die Battle-Jungen von damals sind wieder Kumpels. Und machen das, was man als solche eben macht: Küchenschürze für Mutti aussuchen oder Klamotten kaufen, deren Designer sie nun nicht mehr aussprechen können. Weil Genaustausch (s.o.). Und ein gemeinsames Album veröffentlichen. Da hat die geldgeile Fee ganze Arbeit geleistet. Die Unversöhnlichen knicken ein wie die FDP vor der Steuerentlastung. Pfui Deibel. Nicht mal richtig streiten könnt ihr. Schämt euch!

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