Qualvoller, dann triumphaler Weg ins Freie – Christian Lindbergs flammendes Plädoyer für den Sinfoniker Allan Pettersson


(nmz) -
Wem der schwedische Sinfoniker Allan Pettersson bislang ein Buch mit sieben Siegeln war, erhält jetzt endlich Gelegenheit, diese Siegel aufzubrechen und in besagtem Buch zu lesen: Denn den beiden aktuellen Folgen aus Christian Lindbergs in jeder Hinsicht vorbildlichem Aufnahmezyklus sind jeweils zeitgenössische Dokumentationen beigegeben, die in bewegender Weise über die persönlichen Hintergründe von Petterssons Musik Aufschluss geben:
Ein Artikel von Mátyás Kiss

Keiner, der sie gesehen und dazu Lindbergs Interpretationen gehört hat, wird Petterssons an schrillen Dissonanzen zwar nicht arme, aber den festen Boden der Tonalität nie völlig preisgebende Musik länger als allzu privat und daher irrelevant oder ihres permanenten emotionalen Überdrucks wegen als letztlich langweilig schelten können.

Beide Filme überschneiden sich inhaltlich leicht; der eine besteht aus einem 50-minütigen Interview, das 1974 in Petterssons Wohnung stattfand, der andere (81 min) entstand über einen Zeitraum von fünf Jahren (1973–78) und enthält weitere Gespräche, auch mit ehemaligen Nachbarn der Familie Pettersson, Jugendfreunden und dem Dirigenten Sergiu Comissiona sowie Impressionen von Petterssons früheren, gegenwärtigen und künftigen Wohnverhältnissen. Er gipfelt im ebenso qualvoll langsamen wie letztlich triumphalen Weg des schwerst gehbehinderten Pettersson ins Freie. Christian Lindberg, der Pettersson kennt, versteht, ja liebt wie kein zweiter (er hat die DVDs finanziert und das Fragment der 1. Sinfonie spielbar gemacht), vergleicht dessen posthumes Schicksal zuversichtlich mit dem Mahlers, dessen Sinfonien auch erst durch die systematische Pflege seiner Werke ihren verspäteten Siegeszug über die Welt antreten konnten.

Zweifellos war Pettersson (1911–80), wie der nur wenig ältere Karl Amadeus Hartmann, ein störrischer Eigenbrötler und altmodischer Ausdrucksmusiker, aber letztlich drücken seine Werke etwas ganz allgemein Menschliches aus: Wie einer angesichts des unfassbaren Leids, das sich die Menschen von jeher zufügen, den sicheren Glauben an das unvergänglich Gute in ihnen bewahrt – und dies unter noch so widrigen Umständen. Denn jene hätten im Falle Petterssons kaum ungünstiger ausfallen können: eine von bitterer Armut, Lieblosigkeit und Gewalt geprägte Kindheit in einem unbeheizten, feuchten und verlausten Slum; eine von Demütigungen und Intrigen überschattete Jugend als unverstandener Geigenschüler und kleiner Orchesterbratscher; mit 42 endlich freischaffender Komponist bei gleichzeitig einsetzendem, äußerst schmerzhaftem chronischen Gelenkrheuma, das ihn zusehends verkrüppelt. Zugleich aber ein Aufstieg vom Dunkel ans Licht: aus einem unbeleuchteten, vergitterten Kellerloch über eine Etagenwohnung im 4. Stock ohne Lift hinaus in ein vom schwedischen Staat gestiftetes, ebenerdiges Häuschen im Grünen.

Petterssons Œuvre teilt sich in eine Jugendphase, in der Kammermusik und Lieder entstehen (und er fleißig Komposition studiert), eine Übergangsphase mit drei Konzerten für Streichorchester und den ersten drei, wie bei Bruckner noch nicht völlig ausgegorenen Sinfonien des gut 40-Jährigen, dem Durchbruch zur Reife mit den mittleren Sinfonien (vor allem 7 und 8) in den 60er-Jahren und die Spätphase, die in zwei Konzerten für Violine und Viola kulminiert, also nicht zufällig den Instrumenten, welche Pettersson als junger Mann virtuos beherrschte.

Die 4. Sinfonie von 1958/59 würde den Beinamen „Idyllische“ verdienen und hat den für Pettersson-Neulinge unschätzbaren Vorteil, bloß 37 Minuten in Anspruch zu nehmen; die rekordverdächtige 9. hingegen, einsätzig wie fast alle Sinfonien Petterssons, dauert fast doppelt so lang. Bei allem obsessiven In-sich-kreisen könnte ihr nichts Schlimmeres passieren, als wenn der Dirigent sie durch ein undifferenziertes Dauerespressivo aller Wirkung beraubte. Anders Lindberg: Er lässt seine grandiosen Norrköppinger in der vom Komponisten intendierten Weise quasi objektiv musizieren: „Ja, so verhält es sich. Hört doch endlich auf, euch etwas vorzumachen.“ Diese Partitur, welche schon die Kräfte der Ausführenden systematisch überfordert, richtet sich überdies an fiktive Hörer, welche ihre ungeteilte Aufmerksamkeit 70 Minuten lang aufrecht erhalten können – und die gibt es heute noch weniger als 1970, als Pettersson sein Werk vom Krankenhausbett aus einer lebensbedrohlichen Nierenerkrankung abrang.

In seiner letzten vollendeten Sinfonie, der 16., schreibt Pettersson auf eine Anfrage hin ein verkapptes Saxophonkonzert, bei dem unklar bleibt, ob dieser Meister der Orchestrierung den Tonumfang des Altsaxophons nicht ausnutzt und seinen Klang mehrfach vom Orchester zudecken lässt, weil er das Instrument nicht richtig kennt oder weil er die Spuren des Konzertanten nachträglich verwischen will, folgen doch auch seine „offiziellen“ Solokonzerte einer konsequent symphonischen Anlage.

Soll, ja darf man im 20. Jahrhundert überhaupt noch Sinfonien schreiben? Diese Frage hat sich Pettersson nie gestellt: Er musste einfach, dafür war er auf dieser Welt. Und wir dürfen, ja müssen sie anhören, um unser wahres Potential als Individuen wie auch als Gattung zu erkennen. Denn genau dies ist seit Beethoven die höhere Aufgabe der Sinfonie.

Allan Pettersson: Sinfonie Nr. 9. BIS-2038 SACD (+ DVD); Sinfonien 4 & 16. Jörgen Pettersson, Saxophon. BIS-2110 SACD (+ DVD), Norrköppinger Symphoniker, Christian Lindberg

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