Reden über Bäume

Uraufführungen 2014/02


(nmz) -
Man sollte es nicht für möglich halten, aber es gibt immer noch Leute – wie das gegenwärtige Gerede über „Digitalisierung“, „Welthaltigkeit“, Diesseitigkeit“ oder „Konzeptionalismus“ zeigt –, die glauben tatsächlich, neue Musik auch heute noch ohne größeren Reibungsverlust mit den puristischen Reinheitsidealen des Serialismus der 1950er Jahre und dem damaligen intellektualistisch untermauerten Materialfortschritt und Kontrollwahn über sämtliche Parameter gleichsetzen zu können.
Ein Artikel von Rainer Nonnenmann

An der aktuellen Realität geht solch vorgestrig verengter Blick vollkommen vorbei. Er fetischisiert seinerseits die serielle Ideologie zu einem ewigen Mythos und sieht entweder in kompletter Unwissenheit oder aufgrund psychotisch anmutender Scheuklappen von der Tatsache ab, dass sich das Komponieren, Improvisieren, Installieren, Konzeptualisieren und Performen seit den 1960er Jahren längst in alle Richtungen zu einem unübersehbar vielstimmigen Multiversum ausdifferenziert hat, das mit dem schönen alten Begriff „Neue Musik“ nicht mehr gemein hat als das Wort „Baum“ mit allen verschiedenen Baumarten und unzähligen Individuen derselben Spezies. Stupides Reden über Bäume wird zum Schweigen über die sagenhafte Vielfalt aktueller Musik.

Allein die vielen Uraufführungen am Freitag 7. Februar 2014 könnten eines Besseren belehren. An diesem Tag bringt das Ensemble intercontemporain unter Leitung seines neuen Dirigenten Matthias Pintscher in der Pariser Cité de la Musique Mark Andres „AZ“ zur Uraufführung. Am selben Abend spielt in der Kölner Philharmonie das WDR Sinfonieorchester unter Leitung seines Chefdirigenten Jukka-Pekka Saraste erstmalig Friedrich Cerhas „Drei Orchesterstücke“.

Gleichzeitig feiert am Opernhaus Wuppertal „Der Universums-Stulp“ Premiere, „Eine musikalische Bildgeschichte in drei Heften nach dem gleichnamigen Roman von Eugen Egner“ mit Musik von Stephan Winkler und Videos von Philipp Bruehl in der Inszenierung von Thierry Bruehl. Fünfhundert Kilometer südlich startet am gleichen 7. Februar in der Münchner Muffathalle ein Wochenende der Konzertreihe „musica viva“ des Bayerischen Rundfunks mit Uraufführungen von Aureliano Cattaneo und Beat Furrer in Interpretationen des Klangforums Wien unter Furrers Leitung, denen am 8. Februar ein Konzert des Symphonieorchesters des BR unter Leitung von Péter Eötvös zu dessen 70. Geburtstag und am 9. Februar zwei weitere Neuheiten von Atac Sezer und Martin Smolka folgen.

Doch damit nicht genug: Bereits am 6. Februar beginnt das Festival Eclat im Stuttgarter Theaterhaus mit einer Wiederaufführung von Enno Poppes „Interzone“, um am darauffolgenden Freitag, 7. Februar im selben Konzert allein vier höchst verschiedene Novitäten zu präsentieren, die Martin Schüttler, Annesley Black, Christoph Ogiermann und Brian Ferneyhough wahlweise für das SWR-Vokalensemble oder Ensemble Mosaik Berlin beziehungsweise für den Pianisten Nicolas Hodges, den Tenor Martin Nagy und/oder den Elektroniker Sebastian Schottke komponierten. Darüber hinaus folgen an derselben Stelle bis zum 9. Februar weitere Uraufführungen von Brice Pauset, Hans Thomalla, Joanna Wozny, Hannes Seidl, Jay Schwartz, Christian Billian und Jagoda Szmytka sowie unter dem Obertitel „Mediterranean Voices“ abermals zwölf Novitäten für die Neuen Vocalsolisten Stuttgart mit Videos von Daniel Kötter und Architektur von Sofia Dona. Schließlich gibt es links und rechts von den genannten Uraufführungen zweifellos viele weitere, von denen der Kolumnist jedoch schlicht keine Kenntnis bekam.

Weitere Uraufführungen

04.02.: Aurélio Edler-Copes und Eduardo Moguillansky, neue Werke für Ensemble Mosaik, Antwerpen
09.02.: Detlev Glanert, Weites Land für Orchester, Oldenburg
14.02.: Charlotte Seither, Weitere Machart von Stille für Stimme solo, Akademie für Tonkunst Darmstadt
15.02.: Oliver Schneller, Superstructure für Schlagzeugensemble, WDR-Funkhaus Köln
16.02.: Bernd Alois Zimmermann, Heroische Prosodie (1948) für Orchester, Staatsoper Hannover
20.02.: Moritz Eggert, 1,2,3 für Ensemble und Sampler, Arsenal Metz, und Georg Friedrich Haas, Neues Orchesterwerk, Berliner Philharmonie

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