Regionalgeschichte, interdisziplinär

Eine Studie untersucht die protestantische Kirchenmusik Regensburgs im Reformationsjahrhundert


(nmz) -
Musikgeschichtsschreibung: das kann die Aufgabe bedeuten, mit weitem Blick eine Epochen und Länder überspannende Darstellung vergangenen Musiklebens zu entwerfen. Doch wie wären solche weitgreifenden historischen Zusammenfassungen möglich, wenn ihnen nicht viele Detailarbeiten vorausgingen, Forschungsarbeiten im zeitlich und örtlich begrenzten Bereich, die mit viel Fleiß in Archiven graben und Einzelheiten an den Tag bringen? Ein Projekt letzterer Art liegt mit der im ConBrio Verlag erschienenen Publikation „Protestantische Kirchenmusik in Regensburg 1542–1631“ vor, die als Dissertation ihres Autors Fabian Weber entstanden ist und sich nun als Band 14 in die „Regensburger Studien zur Musikgeschichte“ einreiht.
Ein Artikel von Gerhard Dietel

Die im Titel enthaltene chronologische Eingrenzung ist schlüssig: 1542 ist das Jahr, in dem in der damaligen Reichsstadt Regensburg die Reformation offiziell eingeführt wurde, 1631 der Termin, als mit der Dreieinigkeitskirche einer der ersten evangelisch-lutherischen Kirchenneubauten in Bay­ern vollendet war. Diese zeitlichen Eckdaten werden freilich nicht starr gehandhabt, sondern in den einzelnen Abschnitten des Buches gelegentlich sinnvollerweise überschritten.

Für seine regionalgeschichtliche Studie wählt Fabian Weber einen interdisziplinären Ansatz. Er beschreibt das Repertoire der damaligen protestantischen Kirchenmusik Regensburgs, wie es im Untertitel heißt, „vor dem Hintergrund von Stadtgeschichte, Kantorat und Gottesdienst“, so dass der Leser zunächst mit den politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen des vorreformatorischen Regensburg und der allmählichen Ausbreitung reformatorischen Gedankenguts in der Stadt vertraut gemacht wird.

Hiermit beleuchtet der Autor das „Spannungsfeld der Konfessionen“, die im weiteren Verlauf des 16. Jahrhunderts in der auch territorial gespaltenen Stadt zur Koexistenz finden mussten und wirft zudem einen Seitenblick auf die „nicht-protestantische Musikpflege“ in diesem Zeitraum. Die weiteren Kapitel des Buches widmen sich dann den Formen der protestantischen Liturgie in Regensburg, dem Wirken der einzelnen evangelischen Kantoren und Kirchenmusiker bis 1650, dem entsprechenden Repertoire an mehrstimmiger Kirchenmusik und der örtlichen Entwicklung des deutschsprachigen Kirchenliedrepertoires.

Ein völlig unbeackertes Feld betritt Fabian Weber mit seiner Arbeit nicht. Stützen kann sich seine Forschung auf zahlreiche musikwissenschaftliche Einzelartikel und einige wenige zusammenfassende Überblicke, darunter denjenigen Dominikus Mettenleiters, der sich als erster im Jahre 1866 in seiner „Musikgeschichte der Stadt Regensburg“ auch mit der Geschichte der evangelischen Kirchenmusik befasste, und auf Raimund W. Sterls Artikel „Evangelische Kirchenmusik“ in der 2006 von Thomas Emmerig herausgegebenen „Musikgeschichte Regensburgs“.

Doch kann Webers Arbeit mit zahlreichen weiteren und neuen Details aufwarten, die sich aus der Sichtung der Quellen ergaben. Ein Großteil der ehemals im Besitz der protestantischen Gemeinde befindlichen Noten-Drucke und -Handschriften ist nämlich in geschlossener Form erhalten, wenn er sich auch bis auf wenige Reste eigenartigerweise heute nicht mehr in Archiven der evangelischen Kirche befindet, sondern in der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg. Dorthin gelangte er über den im 19. Jahrhundert als Kirchenmusikforscher und -sammler aktiven katholischen Geistlichen Carl Proske.

Fabian Webers Dissertation wird ergänzt durch einen umfangreichen, über die Hälfte des Bandes einnehmenden Anhang. Dort findet der Leser neben einem kürzeren Verzeichnis geistlicher Regensburger Lieddrucke des 16. Jahrhunderts vor allem eine kritische Neu­edition (in modernen Schlüsseln) des 1599 publizierten „Regenspurgischen Kirchen Contrapunct“, einer durch den ab 1584 in Regensburg wirkenden Kantor Andreas Raselius zusammengestellte Sammlung fünfstimmiger Kantionalsätze.

Es schließt sich weiter ein „Katalog der Notendrucke der Signaturenreihe A.R. der Proske-Sammlung in der Bischöflichen Zentralbibliothek Regensburg“ an, in der sich, wie oben beschrieben, das Repertoire der evangelischen Kirchenmusik Regensburgs im Reformationsjahrhundert im Wesentlichen erhalten hat. Es ist im Übrigen vorgesehen, dass dieser Katalog in Kooperation mit der Bischöflichen Zentralbibliothek inhaltlich noch erweitert werden und dann in Form einer Datenbank zugänglich gemacht werden soll.

  • Fabian Weber: Protestantische Kirchenmusik in Regensburg 1542–1631. Aspekte des Repertoires vor dem Hintergrund von Stadtgeschichte, Kantorat und Gottesdienst im ersten Reformationsjahrhundert (Regensburger Studien zur Musikgeschichte, Bd. 14), ConBrio, Regensburg 2020, 491 S., Abb., Notenbsp., € 38,00, ISBN 978-3-940768-90-2

 

 

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