Rückblende 2014/07


(nmz) -
Vor 100 Jahren: Tonbindeapparat (Aerophor) nennt sich die neue Erfindung … +++ Vor 50 Jahren: Wolfgang Fortner über Komponist und Interpret und künstlerischen Nachwuchs heute: …
Ein Artikel von Eckhart Rohlfs, nmz-red

Vor 100 Jahren

Tonbindeapparat (Aerophor) nennt sich die neue Erfindung des Schweriner Kammermusikers Samuels, die höchst ingeniös ist. Es handelt sich um einen Apparat, der an die Instrumente der Orchesterbläser angebracht wird und der es ermöglicht, auf der Flöte, Klarinette, der Trompete, dem Bombardon etc. die gehaltenen Töne sowie ganze Passagen ununterbrochen zu spielen, Unterbrechungen der Phrase durch Atemholen also zu vermeiden. Während früher der Bläser, wenn der Atem ausging, das Instrument absetzen musste, um neuen Atem, Druckluft durch die Lungen zu bekommen, behält er jetzt das Instrument unverändert an den Lippen.

Die Nasenatmung beginnt, wodurch die Atmungswege des Mundes verschlossen werden. In diesen Hohlraum des Mundes wird nun durch einen mit den Füßen getretenen kleinen Blasebalg Druckluft geführt, die ihren Ausweg nur wieder durch das Instrument des Bläsers finden kann. Und diese Luft hat sozusagen Leben, ist nicht mechanisiert. Die künstlerischen, die hygienischen Vorteile sind in die Augen springend.

„Der gute Bläser kann nunmehr viel schöner und freier phrasieren als bisher“, urteilt Dirigent Weingartner. Ganz begeistert Richard Strauss, der in einer neuen Komposition (das Festliche Präludium) vorschrieb: mit Aerophor zu blasen. Die Wirkung war außerordentlich. Und als der Riesenwurm aus dem Rheingold (Tuba) angekrochen kam und der Bläser die ganze Stelle ohne abzusetzen blies, bekam man erst den rechten Eindruck von der Sache.
Neue Musik-Zeitung, 35. Jahrgang 1914, H. 17

Vor 50 Jahren

Wolfgang Fortner über Komponist und Interpret und künstlerischen Nachwuchs heute: Die größte Kontaktfreudigkeit hat der Mensch in seiner Jugend. Die Zeit, in der der junge Interpret eine intensivere Beziehung zur Musik seiner eigenen Generation pflegen kann, müsste die des Studiums an einer Hochschule für Musik sein.  Die jungen Interpreten kommen jedoch meist mit einer ungenügenden technischen Vorbildung und auch einem viel zu geringen klassischen Repertoire auf die Hochschule, um den Kopf bereits frei zu haben für interpretatorische Begegnungen mit zeitgenössischer Kunst. Sie haben einfach einen zu großen Nachholbedarf, weil sie mit ihrer planmäßigen musikalischen Ausbildung zu spät begonnen haben, also eine Arbeit leisten müssen, die eigentlich am 12- bis 17-jährigen begabten jungen Musiker hätte geleistet werden müssen. Eine sorgfältig organisierte musikalische Früherziehung der jungen interpretatorischen Begabung sollte dazu führen, dass bei Eintritt in die Musikhochschule der junge Künstler so viel technische Souveränität und klassisches Repertoire besitzt, dass er den Kopf frei hat für die Begegnung mit dem zeitgenössischen Kunstwerk im Allgemeinen und im Speziellen, zu menschlich-künstlerischem Kontakt mit den komponierenden Kollegen an der selben Ausbildungsstätte. Alle diejenigen, denen die Verantwortung für die Gestaltung des öffentlichen musikalischen Lebens auferlegt ist, sollten die innere Voraussetzung dafür schaffen, dass höchst künstlerische Leistung hörbar wird, aber kein äußerlicher Kunstbetrieb stattfindet; dass eine Programmatik nach geistigen Gesichtspunkten erfolgt, die naturgemäß das kompositorische Werk der Gegenwart mit dem der großen Vergangenheit verbindet.
„Musikalische Jugend“,  XIII. Jahrgang 1964-4 (Juli/August), S. 1

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