Sechs Orchester ignorieren die Warnzeichen

Zur zweiten Ausgabe des IMPULS-Festivals für Neue Musik in Sachsen-Anhalt


(nmz) -
Die insgesamt sechs Orchester des Landes, darunter zwei Kammerorchester in Wernigerode und Schönebeck, das weniger als knapp besetzte Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters in Halberstadt und Quedlinburg, zwei mittelgroße Sinfonieorchester in Magdeburg und Dessau sowie die Staatskapelle Halle können es sich nur selten leisten, neuere, gar neue Werke aufs Programm zu setzen; dagegen stehen den schmalen Etat sprengende Aufführungskosten und -gebühren, sperrige Besetzungen, die zu viele Aushilfen erfordern, und häufig zusätzliche Proben. Hinzu kommt die – teils vermeintliche, teils reale – Schwellenangst des Publikums, das doch lieber das Risiko der Begegnung mit dem Neuen, Ungehörten meidet. So erscheint bei der Programmplanung vieler Orchester oft genug ein Warnzeichen in roter Leuchtschrift: Keine Experimente!
Ein Artikel von Michael Jenne

Bei der Staatskapelle Halle besteht allerdings seit längerem schon eine Konzertreihe mit zeitgenössischer Musik, die seit 2004 von dem Holländer Hans Rotman geleitet wird. Rotman, Geiger, Komponist, vor allem aber von Lehrern wie Kurt Masur und Leonard Bernstein mit höheren Weihen versehener Dirigent, schreckt vor keiner Herausforderung zurück, seien es die vertracktesten Partituren von Xenakis, Crumb oder Boulez, sei es die klangliche Umsetzung kompositorischer Gehversuche Jugendlicher oder aber die kooperative Verknotung aller sich ansonsten gar nicht neidlos beäugenden Orchester eines ganzen Bundeslandes zum Zwecke eines gemeinsamen Projekts.

Hans Rotman strotzt vor Ideen, was bereits in der attraktiv aufgemachten Programmbroschüre für das „IMPULS-Festival für Neue Musik in Sachsen-Anhalt“ auffällt. Das fand jetzt bereits zum zweiten Mal statt, über viele größere wie kleinere Podien des Landes verteilt. Rotman prägt dieses Festival als Initiator und Intendant, wesentlich aber auch als Dirigent verschiedener Aufführungen und Moderator zahlreicher Veranstaltungen. Rotman zielt dabei mit ungewöhnlichen Programmstrukturen und Veranstaltungsformen vor allem auf ein neues und junges Publikum ab, so bereits mit dem Eröffnungskonzert als „IMPULS G6 Dirigentengipfel“, auf dem sich die Chefs aller am Festival beteiligten Orchester mit dem Festivalchef die Leitung, diesmal der Anhaltischen Philharmonie Dessau, teilen: Einen bunten, kurzweiligen Abend hindurch wird der Taktstock staffelartig weitergereicht, wobei jeder Dirigent mit einigen Hinweisen und Beispielen in das nächste Stück einführt – und damit auch sich selbst vorstellt. Inhaltlich wird der Bogen gespannt von den Neoklassikern John Adams und George Antheil bis zu Uraufführungen von Thomas Buchholz sowie der als Composer in Residence wirkenden Annette Schlünz. Ein rundum gelungener, vom Publikum lebhaft akklamierter Auftakt.
Eine weitere bemerkenswerte, ebenfalls von Rotman gestaltete Konzertform, stellen die in Magdeburg, Halle und Dessau-Rosslau praktizierten „IMPULS Orchestertreffen“ dar. Der Titel ist insofern großzügig gewählt, als er sich in diesem Falle auf ein fünfköpfiges Percussions-Ensemble aus Musikern mehrerer Orchester bezieht, für das Rotman Aufträge an vier ebenfalls der Region verbundene, bereits arrivierte Komponisten vergab – mit der Auflage, jeweils ein weiteres, solistisch behandeltes Instrument einzubeziehen.

Was dabei herauskam, war eindeutig dreier Aufführungen im Festival würdig: ein vierblättriges Kleeblatt nach Instrumentation und Stil ganz unterschiedlicher Charakterstücke, gleichermaßen kompositorisch lecker zubereitet von Thomas Buchholz und Thomas N. Krüger, deren Soloinstrumente Flöte und Violoncello sich weitgehend in den Percussionsklang integrieren, von Jens Marggraf, der dagegen auf Konfrontation von Klarinette und Schlagwerk setzt, schließlich von Christoph Reuter, der selbst vom Klavier aus das Ensemble führt, bis zur Ekstase treibt und auch noch eine Free-Jazz-Kadenz liefert – das Ganze ein Vierteiler Neuer Musik, brillant in der Idee, in der kompositorischen Umsetzung und in der Präsentation.

Zum dritten Konzert mit dem Schlagzeug-Ensemble, das in einer Hinterhof-Fabrikhalle, dem Elbe-Werk von Rosslau bei Dessau stattfand, steuerte im ersten Teil die bestens aufgelegte Anhaltische Philharmonie unter ihrem versierten jungen neuen Chef Antony Hermus zwei interessant kontrastierende Werke bei, nämlich als weitere Uraufführung Thomas Müllers „Kristalle“, hochkomplexe, etwas atemlose Musik, die durch unablässig wechselnde Metren hohe Anforderungen an die Ausführenden stellt, sowie eine Szene aus Philip Glass’ „The Voyage“, von vergleichbarer Motorik zwar, aber durch minimal-music-Elemente ungleich eingängiger.

Als von geringerer Durchschlagskraft erwies sich die dreitägige „IMPULS Komponistenwerkstatt“ in Halle. Dass drei jugendliche Komponisten Gelegenheit erhalten, unter der sehr sachkundigen Führung von Annette Schlünz und Hans Rotman zu überprüfen, wie es im Programmheft heißt, „ob das im Kopf Gefundene auch so im Ohr klingt, ob man es so oder besser anders aufschreiben sollte – und ob das ein normalsterblicher Musiker überhaupt spielen kann“, und dass dafür ein hochkarätiges Orchester wie die Staatskapelle Halle zur Verfügung steht, ist gewiss aller Ehren wert. Nur fragt sich, ob ein solcher Testlauf, beginnend mit naturgemäß holprigen Leseproben, gleich öffentlich durchgeführt werden sollte.

Unter dem Motto „IMPULS Plus“ beteiligten sich das Philharmonische Kammerorchester Wernigerode sowie das Orchester des Nordharzer Städtebundtheaters an seinen Spielstätten in Halberstadt und Quedlinburg, indem sie für ihr Abonnementspublikum Neueres – in Wernigerode tatsächlich Neues – mit Klassisch-Vertrautem kombinierten. Eindrücklich bleibt in beiden Programmen vor allem je ein Violinkonzert, beim Kammerorchester das klanglich eher sperrige des selbst aus Wernigerode gebürtigen C. René Hirschfeld, vom Komponisten selbst vorgetragen, beim Theaterorchester das wunderbare „Concerto funebre“ von Karl-Amadeus Hartmann mit der aus Tel Aviv stammenden großartigen jungen Geigerin Nurit Stark.

Mit dem Finale des Festivals riskierten der Landesmusikrat Sachsen-Anhalt als Veranstalter und IMPULS-Chef Hans Rotman einiges – und gewannen  haushoch im Magdeburger Schauspielhaus: „Backstage“, das Musiktheaterprojekt, unternimmt „Eine Odyssee“. Unter der Anleitung von Theater-Profis – Regie Hannes Hametner, Dramaturgie Almut Fischer, darstellerischer Feinschliff durch „Schirmfrau“ Carmen-Maja Antoni vom Deutschen Theater Berlin – haben 30 Magdeburger Jugendliche in sechs Monaten nach dem Text von Ad de Bont eine moderne Version zu Homers Epos erarbeitet. Die niederländische Komponistin und Sängerin Monique Krüs hat dazu eine sehr geschickt auf die Ausführenden zugeschnittene Musik geschrieben, die zeitgenössische Klänge mit dem Sound von Rap und Hip-Hop würzt, Chor- mit Sprechgesang alternieren lässt und dabei mit einem Orchesterchen von zehn klassischen Instrumenten auskommt, souverän geleitet von dem selbst jugendlichen Phillip Barczewski.

„Athene, du hast Scheiße gebaut“, herrscht der weißmähnige Zeus die aus seinem Haupte entsprungene Tochter im hautengen Goldenen an, die dieses Kompliment sogleich an den Götterboten Hermes weiterreicht. Tatsächlich aber ist allen Beteiligten mit dieser „Odyssee“ eine Spitzenproduktion jungen Musiktheaters gelungen, die hoffentlich die umjubelte Uraufführung lange überdauert, in Magdeburg oder wo auch immer.

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