Senkrecht-Virtuose

Der Pianist Alain Roche beim Festival „Out of the Box“


(nmz) -
Nach seiner Premiere im Winter 2019 wird das Festival Out Of The Box auch vom 10. Januar bis 2. Februar 2020 außergewöhnliche Orte im Münchner Werksviertel-Mitte bespielen. Der Veranstalter whiteBOX geht im neuen Jahr nicht nur mit Eismusik aufs Dach oder mit Musik unter Wasser, sondern traut sich mit „Piano vertical“ in schwindelnde Höhen. Die Produktion des Schweizer Pianisten und Komponisten Alain Roche ist atemberaubender Stunt, urbane Poesie und technologisches Meisterstück in einem.
Ein Artikel von Andreas Kolb

„Piano vertical“ wird am 24., 25. und 26. Januar 2020 jeweils bei Tagesanbruch um 7.00 Uhr morgens auf dem Grundstück des zukünftigen Konzerthauses stattfinden. Alain Roche hängt dabei mit seinem eigens dafür konstruierten Konzertflügel in großer Höhe am Ausleger eines Baukrans. Andreas Kolb, Chefredakteur neue musikzeitung, begleitete den Künstler bei seinem ersten Gang über die Baustelle und bei seinen Gesprächen mit Vertretern von staatlichem Bauamt und Bauträgern des Werksviertel-Mitte. Im Anschluss nutzte er die Gelegenheit zu einem Interview mit dem Schweizer Höhen-Pianisten.

neue musikzeitung: Alain Roche, wann haben Sie begonnen, hängendes Klavier zu spielen? Welche Idee steckt dahinter?

Alain Roche: Alles begann 2013 in Genf, dann Lausanne. Die Idee war, den Menschen in ihrem Alltag zu begegnen, sie mit etwas ganz Unerwartetem zu überraschen. Die Shows waren nicht angekündigt. Morgens auf dem Weg zur Arbeit sahen und hörten mich die Leute. Sie hielten an, schauten gen Himmel, vergaßen für einige Momente ihren Alltag und ließen sich auf etwas Neues, und doch Altbekanntes ein, die Emotionen der Musik.

nmz: Aber warum vertikal? Das entspricht nicht der Technik des Klaviers. Es braucht die Schwerkraft, um die Hämmer wieder zurücksinken zu lassen.

Roche: Ich arbeite mit einem Schweizer Klavierbauer, Fernand Kummer, der für den Yamaha Flügel einen speziellen Mechanismus entwickelt hat, damit man ihn vertikal spielen kann. Ein Mechanismus auf der Saite zieht den Hammer nach dem Anschlag zurück. Das Resultat ist der gleiche Anschlag und der gleiche Sound wie bei einem normalen Konzertflügel.

nmz: Sie spielen auf dem Grundstück des zukünftigen Münchner Konzerthauses. Was ist das Besondere an dieser Location? Warum diese Baustelle?

Roche: Für mich ist das Werksviertel deshalb besonders aufregend, weil es nicht nur eine Baustellenseite gibt, vor deren Kulisse ich spiele, sondern dass von allen Seiten Baustelle ist – eine Art Surround-Baustelle.

nmz: Wie komponieren Sie Ihre Stücke? Wie funktioniert das Gesamtkunstwerk?

Roche: Ich spiele sehr repetitive Musik. Gewissermaßen passend zur Location: Es geht um eine Konfrontation von Piano und Umgebung. Ich will den Sound des Instrumentes mit den Klängen mischen, die ich von der Baustellenseite her höre. In jeder Stadt, in der ich auftrete, nehme ich die Sounds der Plätze auf, auf denen ich auftrete.

nmz: Warum gerade 7:00 Uhr morgens als Konzertbeginn?

Roche: Ich liebe den Übergang vom Dunkeln zum Tageslicht. Das ist sehr besonders für mich. Ich will das Publikum diesen Moment spüren lassen, wo sich der Tag zögernd ankündigt und die Zeit stillsteht.

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