So wach und aktiv wie lange nicht mehr

„Einfach München“: Essay über Deutschlands südlichste Stadtkultur mit Exkursionen nach Berlin und Wien · Von Wolf Loeckle


(nmz) -
Städten mag es ergehen wie einzelnen Menschen. Kommen doch auch die daher wie ein Star, als Diva, als Machtexponent, als Kümmerling. Sie können Objekt des Hasses werden. Oder womöglich blind machender Liebe. Der bayerischen Landeshauptstadt München widerfährt beides im Übermaß. Doch auch Kollegen gewissermaßen wie Berlin oder Wien erleben solches. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs verwandelt München sich in die Stadt einer „verrückten Utopie“. Es war, als hätte München sich auf dem Planeten weiter nach unten bewegt, weiter nach Süden „in Richtung Sonne, Lässigkeit, Schönheit, Meer“. Mediterrane Visionen.
Ein Artikel von Wolf Loeckle

Dichter hatten die Regierung übernommen. Sozusagen. Träumer im Traum. Rilke, Eisner – der Theaterkritiker, Sozialdemokrat und Kriegskritiker –, Feuchtwanger, später in seinem Roman „Erfolg“ die negativ zu kritisierende Seite Münchens in aller Schärfe herausarbeitend, bildende Künstler im Gefolge des „Blauen Reiters“. Schlicht: Utopie war angesagt. Und der „Freistaat Bayern“ wurde ausgerufen. Das hielt freilich alles nicht lange vor. Die von der Realitätsfront aus dem Land selbst und aus den Nachbarregionen hatten anderes im Sinn. Diejenigen zumal, die den Krieg gewonnen hatten. Die Kriegsgewinnler, auch die. Geschichte wiederholt sich nie. Oder doch? Das Erwachen aus den Träumen legte das Fundament dafür, dass alles  nach überschaubarem Hoffnungsschimmer immer schlimmer wurde. Städtebau und Architektur sind immer Ausdruck der jeweiligen Entstehungszeit, insofern Spiegel der jeweils aktuellen Machtverhältnisse.

Kulturelle Kraftzentren

„Be Berlin“ fordern sie heute die Welt in aller landestypischen Forschheit auf, die Tourismusmanager von Deutschlands größter Stadt; wenn wir mal absehen von der „Metropole Ruhr“ mit potentiellen acht bis zehn Millionen Einwohnern samt entsprechend ehrgeizigem Kulturangebot, das Berlin schlaff dastehen lässt. Doch dazu müssten erst einmal Gemeinden und Städte im mittleren dreistelligen Bereich zueinander finden. Und so manch NRW-Provinzbürgermeister müsste auf sein Pöstchen verzichten. Diesen Prozess hat Berlin lange hinter sich, seit den Zeiten damals, als aus dem Zentrum der brandenburgischen Streusandbüchse heraus so an die siebzig Dörfer sich aufmachten auf die Suche nach der Stadt. Von außen auf einen imaginären Kern, auf ein zukünftiges „Berlin Mitte“ hin. Auf nach Berlin. Start frei für die Kaiserstadt, die Nazimetropole, die „Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik“, in der keiner die Absicht hatte, je eine Mauer hochziehen zu wollen. Berlin, die Frontstadt im Kalten Krieg, der Ort von dem aus die totale Freiheit nicht nur gefordert wurde, sondern wo sie auch gelebt wurde. Berlin die (neu-)vereinte Weltstadt mit den meisten Schauspielern, von denen die (aller)meisten arbeitslos sind. Was auf Regisseure, bildende Künstler, Lackierer, Asphaltierer, Start-up-Ventilierer gleichermaßen zutrifft. Und alles trifft auf reichlich Platz. Was für München dagegen überhaupt nicht passt. Eine Stadt, die vom Mittelalter weg aus ihrem Kern heraus gewachsen ist, auf mittlerweile bald 1,7 Millionen Einwohner. Dieses München stößt an seine Grenzen. München ist voll. Da muss was passieren im Konsens mit den Umlandgemeinden aus dem Geist der „Europäischen Metropolregion München“ heraus. Was sich immerhin bis zu den politisch Verantwortlichen allerorten herumgesprochen hat. Verkehrssysteme und Wohn-wie-Lebenssituationen müssen angepasst und neu justiert werden. Da wird gepowert. München ist sauber. Was dem amtierenden Chef der Berliner Philharmoniker bei jedem seiner zahlreicher werdenden Besuche an der Isar störend ins Auge fällt. Als ob Weltstadt per se identifizierbar wäre mit Dreck. Aber da ist Simon Rattle nicht alleine…

Imperiale Schaltzentrale

Auch Wien hat sich um ein Zentrum herum entfaltet, vom römischen Kern weg in die geschwätzig zersiedelte Gegenwart aus scheußlichen Gewerbegebieten, Schrebergärten, modernen Luxuswohnungen in aufgemotzten Ex-Kasernen samt Grünruhelage inklusive Wasserblick. Wie anderswo auf der Welt auch. Nur war Wien früh und lange schon real eine Metropole von Welt. Schaltzentrale eines Weltreiches, in dem die Sonne nicht untergehen konnte. Das ist heute anders, im politisch womöglich schwarz-braun aufschimmernden Kleinreich mit der Riesenmetropole am östlichen Rand des Territoriums. Hier ist zwar immer Saison – wovon die Fremdenverkehrsmanager vor Ort weiterhin ausgehen. Doch ist der Hunger nach immer mehr Touristen auch hier nicht gestillt. In Wien wird freilich noch nicht wie in Florenz, Rom oder Venedig darüber diskutiert, Eintrittsgelder zu verlangen, um den Besuchermassen die Richtung vorzugeben. Das als Weltdorf geschmähte München, die Weltstadt mit Herz, München als Weltstadt ein Scherz, das machte die Runden, als die „Süddeutsche Zeitung“ zum Fasching ihr Satireprodukt unter dem Titel „Müddeutsche Zeitung“ lancierte. Oder die „Abendzeitung“ ihr anarchisch-intellektuelles Potential ausbreitete. Das war auch die Zeit, als München das allgegenwärtige Grau aus der Stadt jagen wollte. Als man die Farbigkeit der Stadt neu entdeckte, das Mittelmeerische in all seiner Föhn-Verzauberung. Das waren auch die Zeiten, als auf Herrenchiemsee sowohl das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland als auch die Bayerische Verfassung in sprachliche Vorformen ihrer jeweils finalen Gestalt gegossen worden waren. Was im Bereich der bayerischen Verfassung durchaus schon Ahnungen auf spätere grüne Politik hätte konkret werden lassen können.

Nicht zuletzt der frei zugänglich zu haltenden Zugänge an die bayerischen Seeufer wegen. Was sich dann doch nicht ganz so total hat umsetzen lassen… Ein SPD-Ministerpräsident als Chef einer Mehrparteienregierung ließ damals mehr oder weniger eigenhändig die später ach so arg verspotteten „Freistaat Bayern“-Schilder an den Landesgrenzen oder – so wie die Österreicher das nennen – an der Staatsgrenze aufstellen. Das ereignete sich alles nicht von heute auf morgen. Das entwickelte sich in prozessualen Schritten. Die CSU regierte später das Land, Hans Jochen Vogel die Stadt. Atomkraftwerke strahlten ab, die Rüstungsindustrie blühte auf. Ein Agrarland befand sich im Umbau Richtung High-Tech. Das wurde auch aus dem Rest der Republik mitgetragen – finanziell. Heute (nach Erledigung der Schuldenlast) hilft Bayern den anderen. Tristesse raus – mediterrane Farbenfreude rein.

Olympischer Sommer

Da landete die Idee von Olympischen Sommerspielen für München im üppigen Vorfeld des Jahres 1972 bei Vogel und Willy Daume und Brandt und dem Chefdesigner Otl Aicher an der richtigen Stelle, bei den Ingenieuren um Frei Otto und den Architekten rund um Behnisch an den kreativ empfindlichsten Stellen. Bei denen, die Utopie real zu denken wussten. Noch heute mag es verwunderlich erscheinen, dass statt einer neofaschistischen, spät-römischen Arena (ja, auch das war im Angebot) der unvergleichliche Olympiapark, auch aus den Schuttüberresten des im Zweiten Weltkrieg zerbombten Münchens, erstehen konnte. Modellierte Landschaft, erdacht und mit Leben gefüllt aus dem Potenzial gut durchlüfteter Gehirne. Die ein antimilitaristisches, liberales, lockeres, friedfertiges, freundliches, farbenfrohes Deutschland nicht inszenieren sondern erlebbar werden lassen wollten. München vibrierte, irisierte, leuchtete wahrlich und real. So wie Thomas Mann mit dieser Floskel ja nicht die Vergangenheit einer Stadt meinte in seinem „Gladius Dei“. Sondern den Rückblick auf einen sonnendurchglühten wundervollen Tag. „München leuchtete“ – die Diva im Süden. Ein neues Deutschland sollte der Welt sich darbieten, antikriegstreiberisch, sensibel, künstlerisch vielfältig offen und facettenreich. Im Straßenbild auch sollte das erkennbar sein. In Gestalt kilometerlang neu gepflanzter Alleen. Inmitten der gebauten Steinwüste. Das alles bündelte sich im Angebot, das sich „Olympischer Sommer“ nannte. Die Baustellen waren fertig, die Stadt war umgekrempelt, neu gedacht unter Einbindung ihrer Historie, architektonisch und künstlerisch, musikalisch und natur-räumlich, politisch und philosophisch. Es war erneut ein Traum. Dann kam das Attentat. Und es gelang grade noch, die Spiele – nach quälend langen Diskussionen – zu einem ordentlichen Finale zu bringen. „München weint – Die Welt trauert“ titelte die „Abendzeitung“. Und von da an gings bergab. Eine mutlose, (leider) sozialdemokratisch dominierte Kommunalpolitik brachte die Stadt zum einschlafen. Abends so kurz vor viertel vor neun ging der Bürgermeister selbst hinaus ins feindliche Leben, um die Gehsteige hochzuklappen. Und das Licht auszuknipsen.

Höher als hundert Meter durfte nicht gebaut werden, neue Stadtviertel galt es zu verhindern – zogen sie doch unweigerlich zusätzlichen Verkehr an. Es dauerte lange, bis München sich erholte. Einzelpersönlichkeiten trugen das Ihre dazu bei. Oberbürgermeister, Ministerpräsidenten, Wissenschaftler, Nobelpreisträger, Designer, Musiker, Künstler. Ein „Kunstareal München“ nahm Gestalt an. Die Hochkultur, gegen die der Spott lustvoll durch die Straßen und Alleen brandete, erreichte beachtliche Höhen. Dass die Bayerische Landeshauptstadt auch eine Subkulturszene nicht nur mühsam am zachen Überleben hielt sondern selbige forderte und förderte, wurde meist stillschweigend übergangen, kurzsichtig übersehen. Der „neuen musik“ wurde zu Füßen des Alpenhauptkamms kaum eine Überlebenschance eingeräumt. Um dem Vorurteil treu zu bleiben. Die „musica viva“ des Bayerischen Rundfunks und zahllose engagierte Einzelinitiativen konnten dabei leicht übergangen oder am Rand gehalten werden – wie auch die von Hans Werner Henze initiierte Musiktheaterbiennale.

Münchner Selbstwertgefühle

Dass das große Geld Einzug hielt an der Isar (nach Frankfurt am Main der zweitwichtigste Finanzplatz im Land), interessierte die Eingeweihten und Profiteure. Dass je nach Wirtschaftslage sechs bis acht DAX-Unternehmen ihren Hauptsitz in München genommen hatten, kolportierten die Wirtschaftsseiten. Irgendwann hatte München irgendwie im wahrsten Sinn ganz offensichtlich die Schnauze voll. Und scherte sich zunehmend weniger um all das „Bayern-Bashing“ von nördlich der Main-Linie. Mit all den dämlichen gleichwohl verletzenden Albernheiten. Mit vereinzelt ernst zu nehmendem Nachdenkpotenzial. München packte an. Und befindet sich aktuell in einer potenten Position. Mut breitet sich aus. Allerorten. Im Zusammenwirken über die Stadtgrenzen hinaus. Vielleicht trotzt ein bisschen Selbstwertgefühl auf in all dem durchaus schon landestypischen „understatement“. Inmitten von all dem „mia san mia…“

Es hat sich eine Lösung gefunden, um den dringend zu bauenden neuen Konzertsaal für das Bayerische Rundfunk Symphonieorchester auf den Weg zu bringen, in einer wahrlich nicht Hochkultur-affinen dennoch überaus spannenden Umgebung von High-Tech, Start-up, Medien, Clubs, Musikbühnen –­ und vor allem interessanter zeitgenössischer Architektur.

Zwischen Werkhof und Gasteig

Nicht weit vom Zentrum ensteht das Werkhof-Viertel neu. Ganz nah am Ostbahnhof. Der Gasteig, dieses (architektonisch wenig anmutende) phänomenale Kulturzentrum mit einer Philharmonie im Portefeuille, wird von Grund auf saniert. Inklusive dieser Philharmonie. Das Volkstheater bekommt einen Neubau, der Pferdezirkus hat seine theatrale und augen- wie tierfreundliche Arena bekommen, für „Apassionata“. Das „KreativQuartier“ an der Dachauer Strasse wächst, das „KunstAreal München“ findet zu einer auffindbaren visuellen Identität in der Stadt. Das „Deutsche Museum“ wird auf den Stand des dritten Jahrtausends gebracht. Das sind alles nicht Projekte in Planung, sondern Objekte in sich wandelnder und erneuernder oder ganz neuer Gestalt. Kürzlich etablierte München, einstens „Hauptstadt der Bewegung“, auf den Fundamenten der ehemaligen Nazi-Parteizentrale, da also wo das „Braune Haus“ stand, spät aber doch, einen Lern-und-Denk-Ort in leuchtend weißer und serialistisch rhythmisierter Gestalt, das munter Wissen und Erkenntnis vermittelnde „NS-Dokumentationszentrum“.

Wien hat gerade sein „Weltmuseum Wien“ eröffnet mit kritischer Sicht auf den Kolonialismus. München arbeitet an seinem „Biotopia“, einem naturwissenschaftlichen Museum der Extraklasse. Berlin bastelt am Humboldt Forum und am BER. München scheint im Moment so wach und aktiv zu sein, wie lange nicht mehr. Unter dem Druck der äußeren Gegebenheiten. Der sehnsuchtsvollen Suche nach Schönheit folgend. Dem aufklärerischen Eros. Dem Spaß an der Freud. Um all den anderen mit einem Obama-Wort zu zeigen: „Yes we can“. Wie formulieren das die, die vom Only-Beer-And-Oktoberfest-Image weg kommen wollenden vor Ort für den Ort engagierten Tourismusmanager? „Simply Munich“. Oder ganz einfach: „Einfach München“.

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