Sprechen Sie Chinesisch?

Absolute Beginners


(nmz) -
Es wäre ganz gut, wenn man es könnte. Sowohl Kanton als auch Mandarin. Oder auch Koreanisch und Japanisch. Denn nur dann kann man mit manchen seiner Studenten wirklich kommunizieren. Mehr noch als der Instrumentalunterricht ist Kompositionsunterricht von Verbalisierung abhängig. Da man Klänge nicht immer zeigen kann, muss man sie manchmal vor allem erklären. Man spricht über Ästhetik, Kunst, Gehalt. All dies ist eine anspruchsvolle Diskussion, die selbst für Muttersprachler sehr anstrengend bis kaum verständlich ist.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Dass sich jedes Jahr hunderte von asiatischen Kompositionsstudienbewerbern – die weder Deutsch noch Englisch auch nur bruchstückhaft beherrschen – das antun wollen, ist mir immer wieder aufs Neue ein Rätsel. Zuerst einmal gilt es detektivisch zu arbeiten. Hat der Bewerber/die Bewerberin die vorgelegten Werke auch wirklich komponiert? Diese heißen meistens „Schnee auf Zedern“ oder „Weiße Gischt auf Küstenwellen“. Es sind perfekt notierte gehobene Orchesterpartituren ohne Makel, außer vielleicht dem einen: sie klingen alle gleich, sehen alle gleich aus.

Man munkelt von ominösen Agenturen, die jungen Chinesinnen/Koreanerinnen/Japanerinnen (mit dem Wunsch später einmal zu Hause mit einem abgeschlossenen Auslandsstudium in Europa eine „gute Partie“ zu werden) bei der Bewerbung mit generischen Stücken aushelfen. Angeblich haben sich an anderen Hochschulen schon aus Versehen mehrere mit demselben Stück beworben. Es gibt natürlich auch männliche Bewerber, diese hoffen dann auf Professuren in ihrem Heimatland.

Wir erleben bei den Aufnahmeprüfungen immer wieder dasselbe: eine schüchterne Person betritt den Raum, nimmt mit gesenktem Kopf vor uns Platz und liest dann einen vorbereiteten Vorstellungstext vor. Wenn man danach Fragen stellt, kommt Nervosität auf, denn diese Fragen werden nicht verstanden. Nicht das Gesicht verlieren! Später im Unterricht erlebt man dann dasselbe, es wird viel genickt, aber nichts verstanden. Der Kompositionsprofessor hält Monologe, die genauso gut an eine Wand gerichtet sein könnten. Aber die Schülerin/der Schüler ist immer höflich, angenehm und zurückhaltend, man kann ihnen nicht böse sein, ist aber dennoch manchmal verzweifelt.

Für uns unvorstellbar: in einem anderen Land ein Hochschulstudium beginnen, ohne eine Sprache zu sprechen, die in diesem Land gesprochen wird. Keiner von uns würde sich dauerhaft nach China trauen ohne ein fortgeschrittenes Sprachstudium absolviert zu haben. Umgekehrt gibt es diese Hemmungen nicht. Viele Asiaten bleiben ihr ganzes Studium lang komplett unter sich, ohne jeglichen Kontakt zu den deutschen Studenten. Ihre Sprachkenntnisse werden dadurch nicht besser.

Ich fürchte mich schon wieder vor der nächsten Aufnahmeprüfung: wieder wird es dutzende perfekte Partituren geben, die eigentlich auf einem handwerklich viel höheren Niveau sind als viele deutsche Bewerbungen. Man müsste die Bewerber einladen, tut aber dann weder sich noch ihnen einen Gefallen. Wenn man sie nicht einlädt, kümmert es sie auch nicht, denn über ihre Agentur haben sie sich an 20 anderen Hochschulen beworben. Irgendwo wird es schon klappen.

Und das Schlimmste: mit diesem Vorurteil, das leider auf Erfahrung beruht, tut man den vielen hervorragenden chinesischen, japanischen und koreanischen Studenten Unrecht, die wirklich Komponisten sind, die wirklich etwas zu sagen haben, die wirklich spannende Künstler sind. Die gibt es natürlich (und Gott sei Dank) auch. Und das ist jedes Mal eine große Freude.

Aber manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht.

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