Studentische Dialogsignale im Kern-Nebel

Die Anhörung zu den baden-württembergischen Musikhochschulen ließ entscheidende Fragen offen


(nmz) -
Grün und rot schimmerte die Beleuchtung in den Stuttgarter Wagenhallen. In diesen „Kulturbetrieb“ hatten die gleichfarbigen Regierungsfraktionen Baden-Württembergs zur Anhörung in Sachen Musikhochschulen geladen. Der Rechnungshof-Äußerung, dem Eckpunktepapier des Ministeriums, der Spaltung innerhalb der Landesrektorenkonferenz und den massiven Protesten regional wie überregional sollte nun die inhaltliche Diskussion folgen. Besser spät als nie, schien die Devise zu sein.
Ein Artikel von Juan Martin Koch

Edith Sitzmann, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag, bedauerte eingangs den Aufruhr, den die Veröffentlichung der Ministeriumspläne im Sommer verursacht habe. „So war das nicht vorgesehen“, räumte sie ein und bezeichnete die Anhörung als Beginn eines Dialogs, den es nun zu versachlichen gelte. „Wir haben Zeit und Ruhe“, versicherte anschließend SPD-Kollege Claus Schmiedel, was überraschenderweise auch Ministerin Theresia Bauer, die es im ers-ten Halbjahr noch sehr eilig zu haben schien, in ihrem Grußwort versicherte („Wir haben Zeit zum Nachdenken“).
Bis ins kommende Jahr hinein kündigte Bauer weitere Diskussionen und Fachforen an und sprang außerdem auf den Zug auf, den Martin Ullrich, Vorsitzender der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen (RKM), im nmz-Interview (Oktober-Ausgabe, S. 33) mit Verweis auf das in dieser Frage tätige Netzwerk für Qualitätsmanagement und Lehrentwicklung als einen bereits anrollenden beschrieben hatte: Man wisse zu wenig, so Bauer, über den Verbleib der Absolventen und werde „geeignete Instrumente“ entwickeln „verlässliche Auskünfte“ darüber zu bekommen.

An der folgenden Diskussionsrunde nahmen die Rektoren/-innen und Bürgermeister/innen der fünf Hochschulstandorte, zwei Studierendenvertreterinnen sowie Kord Michaelis vom Landesmusikrat (LMR) Baden-Württemberg teil, wobei alle zunächst Gelegenheit zu einem dreiminütigen Statement hatten. Der grundsätzlich konstruktiven Atmosphäre zum Trotz waren weiterhin Unterschiede in den Grundhaltungen spürbar. Während etwa der Karlsruher Oberbürgermeis-ter Frank Mentrup in den Ministeriums-Eckpunkten gute Elemente enthalten sah und dafür plädierte, an deren Grundzügen festzuhalten, konnte der Mannheimer Bürgermeister Michael Grötsch die Pläne für seine Stadt nicht nachvollziehen. Eine „Verrechnung mit den Studierenden der Popakademie“ könne es nicht geben, so Grötsch. Die Stuttgarter Rektorin Regula Rapp verwies auf das von den Hochschulen Freiburg, Karlsruhe und Stuttgart Ende Juli vorgelegte Papier und lehnte eine Orientierung am „billigsten Angebot“ ab.

Aus dem Plenum gab es unter anderem kritische Stimmen zur Ausrichtung der Studienplatzzahlen nach dem angeblichen „Bedarf“ und zur nach wie vor schlechten Situation der Lehrbeauftragten sowie ein flammendes Plädoyer für die Bedeutung von Hochschulen im ländlichen Raum. Dem Tuttlinger Bürgermeister Willi Kamm platzte hier angesichts der vom Podium herabschwebenden Beschwichtigungen der Kragen. Er könne „diese Scheinheiligkeit nicht mehr ertragen“, schließlich gehe es um harte Interessenkonflikte, so Kamm, dessen Wortmeldung in dem Ausruf gipfelte: „Wir sind hier doch nicht im Ringelpiez!“

Hartmut Höll, Rektor in Karlsruhe, schlug vor, auf den irreführenden Begriff „Vollhochschule“ zu verzichten und stattdessen ein „Vollangebot in Baden-Württemberg“ anzustreben. Dieses müsse gemeinsam unter Berücksichtigung von Qualitätszentren und Verbundstrukturen erarbeitet werden. Zur Diskussion stellte er in diesem Zusammenhang die Bereiche Liedklasse, Orgelausbildung und Opernschule. Diese müssten nicht an allen Standorten angeboten werden. Rudolf Meis-ter (Mannheim) und Elisabeth Gutjahr (Trossingen) brachten den Standpunkt ins Spiel, wonach es an jedem der fünf Standorte einen „Kernbereich“ geben müsse, der dann um jeweils unterschiedliche „Profilierungen“ zu ergänzen sei. Dem wurde auf dem Podium zwar nicht direkt widersprochen, auf Nachfrage der nmz äußerte sich Hartmut Höll allerdings zurückhaltend: „Das geht mir persönlich zu weit. Diesen Kernbereich definieren wir fünf nicht ganz gleich, das ist aber auch nicht notwendig. Hauptsache, wir setzen uns zusammen und sprechen über Strukturen, auch im Sinne von Qualitätszentren.“

Dass ein solches Gespräch der in zwei Lager gespaltenen Akteure wieder möglich scheint (Kord Michaelis bot für den LMR an, die Moderatorenrolle zu übernehmen), war die eine positive Erkenntnis des Tages – Freiburgs Rektor Rüdiger Nolte sprach gegenüber der nmz gar von einem „Befreiungsschlag“. Die andere bestand (neben der erfreulichen Präsenz pädagogischer Gesichtspunkte) in der konstruktiven Rolle der Studierenden. Diese hatten sich im Vorfeld der Anhörung in einer zweitägigen Marathonsitzung auf einen „Entwurf eines Perspektivenpapiers der Musikhochschul-ASten des Landes Baden-Württemberg“ geeinigt und forderten die Rektoren auf, es ihnen gleich zu tun. „22 Studierende schaffen das, können wir das nicht auch von Ihnen erwarten?“, fragte unter donnerndem Applaus Julia Seitz vom Karlsruher AStA.

Hatte im Plenum die Redezeit nicht für eine ausführliche Präsentation gereicht, so bekamen die ASten im Anschluss in einer Runde mit Ministerin Bauer dazu Gelegenheit. So entstand ein beinahe zweistündiger, intensiver Dialog mit den gut präparierten, mit Herzblut und Sachverstand argumentierenden Studierenden. In ihrem Papier (siehe Bildergalerie) fordern sie unter anderem eine „Analyse und Normierung der Pro-Kopf-Kosten je Studiengang“ und damit die Bildung eines curricularen Normwerts, eine Beibehaltung des Kern- und Profilbereichs an allen Standorten sowie eine Neuberechnung der Hochschulfinanzierung und formulieren zehn Zukunftsperspektiven, unter anderem zu den Themen Kooperationen, Kulturvermittlung, Jazz/Pop und Schulmusik.

Theresia Bauer bescheinigte den Studierenden, hart und in der hochschul-übergreifenden Initiative vorbildlich gearbeitet zu haben, stellte viele „Anknüpfungspunkte“ fest und kündigte eine Fortsetzung der Gespräche an. Diese Runde fiel damit substanzieller aus als das, was offenbar in den parallelen Workshops stattfand. Diesen Schluss legten zumindest die präsentierten Ergebnisse nahe, die über konsensfähige Allgemeinplätze kaum hinausgingen. Als Gesprächsform war hier eigentlich ein „World Café“ angekündigt worden, eine Durchmischung der verbliebenen etwa 150 Fachleute (vormittags waren es deutlich mehr gewesen) fand dann aber nicht mehr statt.

Abschließend hielt die kulturpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion fest, auf der Basis weiterer Gespräche müsse es im kommenden Jahr eine „Neukonzeption“ oder „überarbeitete Konzeption“ der Strukturreformpläne geben. Ihr Fazit: „Alle fünf Musikhochschulen brauchen ihre Kernbereiche. Profil braucht Basis, und die muss da sein.“

Sollten sich alle Beteiligten auf diese Formel und ein gemeinsames Verständnis für deren inhaltliche Ausgestaltung einigen, scheint ein Ausweg aus der verfahrenen Situation zumindest im Bereich des Möglichen. Ob damit auch der Flurschaden zu reparieren sein wird, der durch das übereilte und ohne ausreichende fachliche Fundierung in die Welt gesetzte Eckpunktepapier des Ministeriums entstanden ist, bleibt fraglich. Theresia Bauer kann es jedenfalls nur Recht sein, dass damit ein grundsätzliches, gemeinsames Eintreten der fünf Hochschulen gegen die vergleichsweise marginale Einsparsumme als solche erst gar nicht aufkommen konnte. Dahingehende Äußerungen waren dementsprechend bei der Anhörung auch kaum mehr als Randnotizen.

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