Suche nach der Identität

Neue Materialien zum Komponisten Ingolf Dahl


(nmz) -
Dass der seit 1939 in Los Angeles lebende Komponist Ingolf Dahl eigentlich Walter Ingolf Marcus hieß, wussten nur wenige seiner dortigen Kollegen und Freunde. Als Sohn eines deutsch-jüdischen Vaters und einer schwedischen Mutter war er 1912 in Hamburg zur Welt gekommen. Früh zeigte sich seine musikalische Begabung, so dass er nach erstem Klavierunterricht 1931/32 in Köln bei Philipp Jarnach Komposition und bei Walter Abendroth Dirigieren studierte.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

Wohl primär seines Asthmas wegen übersiedelte der junge Musiker 1932 in die Schweiz, wo er seine musikalische Ausbildung am Konservatorium Zürich fortsetzte und nach dem Machtantritt Adolf Hitlers blieb. Am Stadttheater Zürich begann er als Korrepetitor und erhielt schließlich auch dirigentische Aufgaben. In der Schweiz distanzierte er sich mehr und mehr von der deutschen Herkunft. Deshalb bemühte er sich ab 1939 nach der Übersiedlung in die USA um eine neue Identität. 1942 legte Marcus offiziell den Namen seines Vaters ab und nannte sich nach dem Geburtsnamen seiner Mutter Ingolf Dahl, wobei er seine Flucht aus Europa verschleierte.

Während sich Dahl in den USA einen guten Namen als Komponist, Pianist und Dirigent machte, ist er in Deutschland fast unbekannt. Der gebürtige Hamburger Volker Ahmels will dies ändern. Nach mehreren Gesprächskonzerten zusammen mit seiner Klavierpartnerin Friederike Haufe gab er 2018 an dem von ihm geleiteten Zentrum für Verfemte Musik an der Hochschule für Musik und Theater Rostock die CD „Ingolf Dahl: Intervals“ heraus sowie einen Notenband mit Dahls Kompositionen für Klavier zu vier Händen und schließlich in diesem Jahr eine von Melina Paetzold verfasste Kurzbiographie.

Der Notenband enthält zwei Werke für Klavier zu vier Händen: das 1938 in Zürich entstandene „Rondo“ sowie den Zyklus „Four Intervals“, dem Dahl ab 1967 ein eigenes Werk für Streichorchester zugrundelegte. Dem linear-imitatorischen Stil des freitonalen „Rondos“ ist anzumerken, dass der Komponist Paul Hindemith bei der Züricher Uraufführung seiner Oper „Mathis der Maler“ unterstützt hatte. Im Zentrum der vier ineinander übergehenden vier Sätze steht ein Quartenthema, das in dem mit geheimnisvollen Arpeggien und reicher Pedalisierung arbeitenden Adagio-Teil zunächst verschwindet, dann aber doch hervortritt. Nach einer kurzen Andante-Überleitung folgt der Allegro-Schlussteil, der den Anfang aufgreift, allerdings stärker akkordisch geprägt ist. Erst kurz vor Dahls Tod kam 1970 seine Komposition „Four Intervals“ zur Uraufführung, welche er Aaron Copland zum 70. Geburtstag widmete. In den vier kurzen Stücken herrscht eine strenge Ordnung: das schnelle erste basiert auf Sekundintervallen, das ausdrucksvolle zweite auf Terzen, das langsame dritte auf Quarten und das sehr rasche letzte auf Quinten. Bei den vorliegenden Noten, erstellt nach den im Dahl-Nachlass in Los Angeles befindlichen Autographen, handelt es sich um eine Erstausgabe. Die von Melina Paetzold verfasste erste deutschsprachige Biografie des Komponisten konnte dagegen an bereits in den USA veröffentlichte Literatur anknüpfen.

  • Ingolf Dahl: Rondo und Four Intervals für Klavier zu 4 Händen, hrsg. von Volker Ahmels, Friederike Haufe, Hartmut Möller, Martin Schröder (38 Seiten, € 18,90).
  • Melina Paetzold: Ingolf Dahl. Biografie eines musikalischen Wanderers (114 Seiten, € 14,90). Beides erschienen im MHK Medien Kontor Hamburg.

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