Teilgeschliffener Solitär mit scharfen Kanten

Zum Tod des Musikkritikers und nmz-Herausgebers Gerhard Rohde


(nmz) -
Unmittelbar vor Drucklegung dieser Ausgabe verstarb unser Herausgeber, Kollege und Freund Gerhard Rohde im Alter von 83 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Als hochrespektierter Senior der deutschen Musikkritik war er bis zuletzt zwischen den europäischen Musikzentren unterwegs gewesen, und bis zur nmz-Ausgabe im Dezember 2014 hatte er einmal im Monat von Frankfurt kommend in der Regensburger Redaktion Station gemacht, um aktuell seine nachdenklichen, humorvollen und engagierten Texte direkt auf die Seiten zu schreiben.
Ein Artikel von Rainer Peters

Rohde wurde am 9. September 1931 in Kiel geboren und begann nach einem Jurastudium und Vorlesungen bei dem Musikwissenschaftler Friedrich Blume seine Laufbahn als freier Kritiker für Musik, Theater und Film bei regionalen Zeitungen, sowie der Musikalischen Jugend, später neue musikzeitung. Von 1964 bis -67 war er Musikredakteur bei der Hannoverschen Rundschau, ab 1962 norddeutscher Theaterberichterstatter für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ). Ab 1967 arbeitete Rohde dann als Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, seit 1973 als deren ständiger Freier Mitarbeiter bis heute. Bereits 1968 war Rohde als Redakteur zur nmz gekommen, deren Chefredakteur er bis 2007 war. Zuletzt war er neben Theo Geißler und Barbara Haack Mitherausgeber unserer Zeitung.

Erst vor wenigen Tagen hatte Gerhard Rohde den „Happy New Ears“-Preis für Publizistik der Hans und Gertrud Zender-Stiftung in der Akademie der Schöne Künste in München erhalten. Er konnte ihn nicht mehr persönlich entgegen nehmen, ließ sich aber Laudatio und Urkunde noch von seiner Lebensgefährtin Charlotte Oswald vorlesen. Die Laudatio hatte der ehemalige SWR-Redakteur Rainer Peters gehalten. Es ist sicher in Rohdes Sinne, sie hier nicht nur als Lobrede, sondern im Andenken an unseren Mitherausgeber zu veröffentlichen. (nmz)

Die Laudatio – Happy New Ears-Preis

Was er vorahnend von der folgenden Laudatio hielt, hat er in zwei Worte gefasst: „Alles gelogen!“ Na denn …

Gerhard Rohde: ein gutes halbes Jahrhundert Musikkritiker, Urgestein, Senior, Nestor dieser seltsamen Profession; eine Zahl von etwa 10.000 Opernbesuchen liegt gerüchteweise in der Luft, mehrere Millionen Kilometer in Opel Omegas, eine Art mobile Wohnsitze, die er umständehalber vor einiger Zeit gegen ICE-Bordbistros eintauschte. Er ist in einem Alter, in dem andere seit Jahrzehnten den Ruhestand genießen. Der Preis versteht sich deshalb als eine Art Oscar für ein Lebenswerk – allerdings mit der unausgesprochenen Verpflichtung, noch lange weiterzumachen.

Damit leider sieht es derzeit gar nicht gut aus …

Als ich Rohde kennenlernte – es müssen sehr verflossene Wittener Tage für neue Kammermusik gewesen sein – spielte er bereits ziemlich überzeugend die Rolle des Menschenfeindes, dem die Neue Musik en détail und die Welt en gros ziemlich auf die Nerven gingen – in enger Anlehnung an den Ausspruch des Aperçu-Lieferanten Nicolas Chamfort: „Wer mit 40 nicht Misanthrop ist, hat die Menschen nie geliebt.“

Die Kritik zwei Tage später war sachkundig, differenziert, abwägend, wohlformuliert und wohlwollend, bewies den geschulten Blick für die Gesamtdramaturgie wie fürs Einzelwerk.  Rohde hielt seine Hand väterlich schützend über das Festival und seinen Macher, wie er es bei allen schützenswerten Festivals neuer Musik und deren Gestaltern tut: zuverlässig, verantwortungsvoll, strapazierfähig die Ohren und das Sitzfleisch – der Misanthrop ist nur gespielt! Übrigens auch der Frauenfeind Rohde – den spielt er ganz miserabel!

Egon Friedell wusste genau, welche Eigenschaften ein hervorragender Kritiker besitzen sollte: „er muss erstens unfehlbar, zweitens originell und drittens gediegen sein“, wobei sich die Gediegenheit äußere „erstens in der Umsicht, Gewissenhaftigkeit und Wohlfundiertheit des Urteils und zweitens in tiefgründiger Bildung.“ Das alles hat, kann und ist Rohde. Und einiges mehr. Er ist zwar kein Fachmann im Umgang mit den „Social medias“, aber trotzdem unheimlich konzentriert und schnell - und deshalb Spezialist für Nachrufe auf Berühmtheiten, die die Rücksichtslosigkeit haben, zu ungünstiger Zeit zu sterben: Freitags um 16.00 Uhr etwa, sodass man höchsten noch anderthalb Stunden für den Text hat. Was er dagegen nicht hat – oder höchstens in denkbar kleinster Dosierung beziehungsweise besonders gut versteckt – ist die déformation professionelle der Kritiker, die Eitelkeit.

Dass ein Rohde-Lob nur ironisch verpackt werden kann, ist Konsens in der Szene und wurde etwa von seinem Co-Mitherausgeber der neuen usikzeitung, Theo Geißler, beispielhaft praktiziert, als er zu Rohdes 80. Geburtstag schrieb: „Hinter vorgehaltener Hand und gut getarnt unter Spott und Zyne preisen wir Dich gern als den kompetentesten deutschen Musikkritiker, der sich zusätzlich klaren kulturpolitischen Durchblick verschafft hat.“ (Dass Geißler in seiner Gratulation die FAZ Rohdes „Brot-Blatt“ nennt, die nmz dagegen sein „Hirn- und Herzblatt“, müssen die Zeitungen unter einander ausmachen…)

Hier müssten einige Belege für Rohdes Kompetenz und Durchblick folgen, für klare Worte, eindeutige Standpunkte und anschauliche Bilder. Ich beschränke mich auf ein Beispiel, das besonders geeignet ist, uns dann doch in den Bereich des bitteren kulturpolitischen Ernstes abzudrängen. Den Nachruf auf unseren im November viel zu früh gestorbenen Kollegen und Freund Armin Köhler stellte er unter das Motto aus der vorletzten Szene von Büchner-Bergs „Wozzeck“, Dialog des plötzlich von Furcht gepackten Duos Hauptmann – Doktor: „Das stöhnt – als stürbe ein Mensch.“ Rohde beschwört das bedrückende Bild, das wir bei den live-Übertragungen von Eröffnungs- und Abschlusskonzerten der vorjährigen Donaueschinger Musiktage notwendigerweise vorm inneren Auge hatten: ein sterbender Redakteur hört am Lautsprecher seinem sterbenden Orchester zu. Die in diesem Fall besonders makabre Ironie des Begriffes „live“ bringt Rohde genau so zur Sprache wie die zynische Routine im Nachruf des Intendanten. Damit sind wir vollends beim Thema, das Rohde seit gut zwei Jahren mit gesundheitsgefährdender Intensität umtreibt. Er ist dauerhaft außer sich angesichts des rundfunk-musikhistorischen Tiefpunktes, dem wir – anscheinend irreversibel – entgegentreiben: der Liquidierung des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, die immer noch verlogen Fusion genannt wird.   
Wir erleben einen Eclat an Kulturverachtung, Borniertheit und totalitärem Dirigismus, ein verstocktes Abwickeln wider jede Vernunft, jeden Rat und jede Bitte, für das eine Geschäftsleitung verantwortlich ist, deren Typus von Enzensberger vor drei Jahrzehnten schon als „sekundäre Analphabeten“ präzise beschrieben wurde. (Sie ziehen durch, weil sie den Verlust von etwas befürchten, was ihnen längst abhanden gekommen ist: das Gesicht.)

Dass es nicht möglich sein sollte, die gesammelten Infamien um diesen Zerstörungsakt zu einem justitiablen Paket zu schnüren, hat Rohde über die Maßen erzürnt. Und dass sein vorerst letzter Konzertbesuch, zu dem er sich in deplorablem Zustand schleppte, ein Boulez-Abend dieses Orchesters war, ist ebenfalls von deprimierender Symbolhaltigkeit.

Ich fühle mich von dem Orchester, dessen Redakteur ich lange war, autorisiert, mich beim Preisträger für seine kämpferische Haltung, seine journalistisch produktive Entrüstung und Courage zu bedanken, natürlich bei Hans Zender, der als langjähriger Dirigent, als Ehrenmitglied und Freund des Orchesters besonders gut weiß, was der Musikwelt verloren geht, der Redaktion der FAZ, die dem Casus viel Platz ihrer knapper werdenden Kulturseiten zur Verfügung stellte – und, um sie nochmals zu erwähnen, der Redaktion der nmz, die zudem im Jahre 2013 einen ironischen Preis namens Musik-Gordi ins Leben gerufen hat, Abkürzung für „Gordischer Knoten des Musiklebens“. Er wird verliehen an Leute, die der Musik besonderen Schaden zugefügt haben: erster Preisträger wurde der Vorsitzende des in unserem Falle gänzlich verantwortungslosen SWR-Rundfunkrates, Preisträger 2014 Winfried Kretschmann, grüner Ministerpräsident von demonstrativem Desinteresse an Fragen höherer musikalischer Kultur. 

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