Und der Zukunft zugewandt

Die 43. Jazztage Leipzig präsentierten Utopien von gestern und heute


(nmz) -
Die Analogie ist etwas gewagt, aber vielleicht ist es kein Zufall, dass die ostdeutsche Jazz-Hauptstadt Leipzig zum Ausgangspunkt der friedlichen Revolution von 1989 wurde. Ihr Flair war und ist weltoffener, individualistischer und kulturbewusster als in den meisten anderen Städten der neuen Bundesländer. Die vitale Musik-Szene trägt wesentlich dazu bei – mit dem Gewandhaus, der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, mit dem seit 1973 existierenden Jazzclub und seinen „Jazztagen“ als Aushängeschild.
Ein Artikel von Oliver Hochkeppel

War schon die Einführung eines internationalen Jazzfestivals 1976 ein kleines DDR-Wunder, so ist es nicht weniger beachtlich, was das Jazzclub-Team daraus gemacht hat, besonders seit Stefan Heilig vor zehn Jahren die Leitung übernahm. Schon früh arbeitete man hier programmatisch, und das mit einem besonderen Händchen. Im vergangenen Jahr legte man mit dem topaktuell auf die britische Szene zielenden Motto „Fish’n’Chips“ das vielleicht spannendste Programm aller deutschen Jazzfestivals vor, eben weil man nicht einfach ein paar britische Acts holte, sondern Projekte initiierte, einen Michael Wollny mit englischen Musikern zusammenspannte oder einen Max Andrzejewski mit einem Robert-Wyatt-Programm beauftragte. Heuer, bei der 43. Ausgabe, war das Motto mit „Zukunftsmusik“ vielleicht nicht ganz so griffig, dafür aber umso zugkräftiger. So war das T-Shirt mit dem in einer Umlaufbahn um eine schwarze Sonne kreisenden Jazzclub-Logo bereits bei Halbzeit ausverkauft. Und das vielleicht interessanteste Programmheft des Jahres ließ sich auch daraus zaubern.

Mauerfall und Mondlandung

Außerdem passte das Thema natürlich perfekt zum Mondlandungsjubiläum und zum 30. Jahrestag von Mauerfall und Wiedervereinigung. Der in Berlin lebende und lehrende Schlagzeuger John Hollenbeck bekam dazu den Auftrag, mit einem Libretto der Lyrikerin Nora Gomringer die Suite „Inseparable. Unteilbar“ für die Leipziger Bigband und den MDR Rundfunkchor zu schreiben. Woraus der schon zuletzt mit seinem Large Ensemble visionär werkelnde Großformations-Spezialist eine gewohnt geniale Geschichte machte. Auch ansonsten gelang die Umsetzung der thematischen Vorlage mus­tergültig – weil man klugerweise auch die „Zukunftsmusik“ einbezog, die früher einmal utopisch war: die Neunzigerjahre NuJazz-Vorreiter Jazzanova zum Beispiel, den alten Gitarren-Vordenker John McLaughlin mit seiner 4th Dimension oder, im Rahmenprogramm der „Plattenplausch“-Reihe, mit dem Gespräch des Jazz-Aficionados Michael Rausch mit dem Fotografen Arne Reimer über das Label ECM, der seit exakt 50 Jahren führenden Kaderschmiede für Zukunftsmusik.

Vom anderen Stern

Geschickt wurden diese alten Utopien mit aktuellen verknüpft und konfrontiert. Mit Daniel Glatzels Andromeda Mega Express Orchestra etwa, das auch nach zehn Jahren immer noch wie von einem anderen Stern (und aus einer anderen Zeit) klingt und sich kontinuierlich experimentell weiterentwickelt. Oder mit Liun & The Science Fiction Band, dem Zusammenschluss des singenden Chamäleons Lucia Cadotsch mit dem Trio des schon immer nach futuristischen Klängen strebenden Saxophonisten Wanja Slavin. Vielleicht am schönsten ging das Konzept beim dreiteiligen Konzert im Westbad auf. Bei der Hannah Weiss Group – traditionell als Preisträger des „BMW Welt Young Artist Jazz Award“ geladen – konnte man zunächst einige junge Jazzer wie Sam Hylton, Moritz Stahl oder Philipp Schiepek erleben, von denen man in Zukunft noch viel hören wird.

Dann folgten mit dem nach wie vor vom 95-jährigen (!) Marshall Allen geleiteten Sun Ra Arkestra die ältesten Zeitreisenden der Jazzgeschichte mit einem zirzensischen Aufgalopp zwischen Oldtime, Latin-Swing und Freejazz, der zeitlos großen Spaß macht. Und schließlich rundete Erika Stucky mit ihrem familiengeschichtlichen Damals-und-Morgen-Programm „con Carne“ die Sache lustvoll ab.

Mit solchen Abenden muss den Jazztagen Leipzig um die Zukunft nicht bange sein. Und dem Jazz sowieso nicht.

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