Unterricht in Zeiten von Corona (9)

Absolute Beginners 2021/04


(nmz) -
Bis vor kurzem hatte ich noch eine Reise nach Ljubljana in meinem Kalender stehen, einen Meisterkurs für die Gesangs- und Kompositionsabteilung der dortigen Hochschule. Wenig überraschend wurde dann ein Online-Meis­terkurs daraus. Als ich allerdings die zuständige Erasmus-Abteilung an unserer Hochschule anfragte, ob die ursprünglich dafür gedachten Gelder in ein kleines Honorar für dieses Seminar umgewandelt werden könnten, wurde mir gesagt, dass nur „tatsächliche“ Reisen mit Erasmus finanziert werden können, keineswegs aber virtuelle.
Ein Artikel von Moritz Eggert

Nun ist es ja nicht so, dass ich freiwillig auf diese Reise verzichte. Und es sollte klar sein, dass ein virtuelles Seminar den einzig möglichen Ersatz für diese Lehrveranstaltung darstellt. Daher frage ich mich, was mit den ganzen Erasmus-Geldern geschieht, die momentan nicht ausgeschüttet werden, da sicherlich überall ähnliche Projekte dieser Art ausfallen. Werden diese in einer geheimen Schatzkiste gehortet, falls noch schlimmere Zeiten kommen? Kaum vorstellbar. Vielleicht liest jemand von Erasmus dies und kann mir diese Frage beantworten. Dass zumindest die Hochschule dringend Geld braucht, sieht man daran, dass gerade einem Studenten von mir die Exmatrikulation drohen könnte, da er aus Versehen 40 Cent zu wenig Semestergebühr überwiesen hatte.

Falls meine Theorie von der Schatzkis­te stimmt, würde das die Chance von studentischen Erasmusbewerbungen in der Zukunft deutlich erhöhen, darum hat sich ein cleverer Student von mir für ein Auslandssemester an einer anderen Hochschule beworben. Gerade in diesen Zeiten muss man Gegentrends setzen, das finde ich vollkommen richtig. Das ist genau wie an der Börse: Wenn eine Aktie so richtig am Boden ist, ist meistens der richtige Moment, um einzusteigen. Angesichts der momentanen Aussichten für die komponierenden Berufe wäre es also gerade jetzt der ideale Moment einzusteigen. Lasst uns also Werbung machen für ein Kompositionsstudium mit dem positiven Motto: Jetzt erst recht!

Ähnlich denkt wahrscheinlich die GEMA, die gerade eine Mitgliederwerbung mit besonders günstigen Einstiegskonditionen für den Nach­wuchs gestartet hat. Und auch der Deutsche Komponistenverband freut sich nach wie vor über neue Mitglieder, so viel ist gewiss. Zuerst einmal wirkt das paradox: Bleibt von einem Kuchen, der durch mehr Leute aufgeteilt wird, nicht weniger übrig? Aber ganz so stimmt das nicht, denn jedes neue GEMA-Mitglied bringt auch neue Einnahmen mit, hat also gleich noch einen Kuchen in der Tasche. Und auch bei Komponistinnen und Komponisten ist es so: Wenn man sich nicht ausschließlich als Konkurrenz betrachtet, sondern eher als Allianz von Gleichgesinnten, kann man wesentlich mehr bewirken und direkt davon profitieren.

Das ist einer der Gründe, warum ich sehr gerne die Kollegialität meiner Studentinnen und Studenten befördern möchte. Ich freue mich, wenn sie sich untereinander helfen und unterstützen, denn diese Freundschaften halten ein Leben lang.

Dass man in diesen Zeiten dennoch manchmal verzweifelt, mag man keinem Übel nehmen. Um meine Klasse etwas aufzubauen, habe ich ihr daher ein Filmprojekt gegeben, das sie gemeinsam mit der Dramaturgieklasse der Bayerischen Theaterakademie gestalten soll. Lange habe ich nachgedacht, was als Thema zu diesen Zeiten passen würde. Fühlen wir uns nicht manchmal wie in unserer eigenen Welt, die bei den meisten von uns auf die eigenen vier Wände und Netflix zusammengeschrumpft ist? Fühlen wir nicht auch manchmal, dass wir in diesen Zeiten heroisch standhaft sind, sich das aber alles anfühlt wie ein verzweifelter Kampf gegen Windmühlen?

Windmühlen, ganz richtig, da hatte ich dann das Thema: natürlich Don Quijote! Insgeheim hoffte ich, dass jemand auf meinen Vorschlag, doch eine Episode über „Don Covidiote“ für die heutige Zeit zu erfinden, abfahren würde, aber man kann das nicht erzwingen. Stattdessen wird es Episoden über Flatearther geben, was ja schon fast dasselbe ist. Sehr lustig wird auch sicher eine Quijote-Hommage über die schreckliche (erfundene) „Näncy Kröpke“ werden, die der Schrecken aller Siemens-Förderpreise ist – sie ist zwar deren perfekte Kandidatin, verachtet aber das Neue-Musik-Establishment und sieht sich als „white trash“. Bevor es Ärger gibt: Diese Episode hat eine Studentin erfunden.

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