Unterrichten in Zeiten von Corona (11)

Absolute Beginners 2021/06


(nmz) -
Das fehlende erlaubte Publikum trifft die Studierenden hart, besonders diejenigen, die sich am Ende ihres Studiums befinden. Nachdem man vier bis sechs Jahre studiert hat, wirkt ein Bachelor- oder Masterkonzert vor zwei Prüfern antiklimaktisch, so viel steht fest.
Ein Artikel von Moritz Eggert

In den letzten Monaten habe ich als meist fast Einziger im Zuschauerraum so viele aufwändige Konzerte gesehen – mit Videoprojektionen, ausgefeilten Beleuchtungskonzepten und unzähligen Mitwirkenden –, dass es wie ein Schock sein wird, wenn da tatsächlich mal wieder mehr Menschen im Publikum sind als auf der Bühne (was bald der Fall sein könnte). Um zu erreichen, dass wenigstens enge Freunde und Verwandte die Ergebnisse eines langen Studiums sehen können, verschieben die Studierenden momentan die Konzerte bis zu den letztmöglichen Terminen. Noch nie hatten wir so viele Prüfungen in den allerletzten Tagen vor der Sommerpause, einfach weil man hofft, dass dann ein bisschen Publikum gestattet sein wird.

Doch welche Welt erwartet die Studierenden, wenn der geflügelte Spruch „wenn Corona vorbei ist“ tatsächlich Wirklichkeit werden sollte? Mehrere Jahrgänge strömen dann gleichzeitig auf den freien Markt und drängen sich um nur wenige freie Stellen – ich prophezeie Zeltlager vor Vorsingen und Probespielen, da sich zwei- bis dreimal so viele Menschen bewerben werden wie normalerweise. Eine wesentlich strengere Auslese als sonst üblich wird die Folge sein, und da solche Auswahlverfahren nie vollkommen gerecht sind, wird auch das eine oder andere echte Talent nicht die Aufmerksamkeit bekommen, die ihr oder ihm gebührt.

Und es drohen neue Gefahren. Gerade wurde ich von einem Forscher kontaktiert, der sich mit fortgeschrittenen Hochleistungscomputern dem Thema Komponieren durch künstliche Intelligenz widmet. Wir erinnern uns alle, wie Schachcomputer zuerst belächelt wurden, weil sie nicht so „kreativ“ wie ein Mensch spielen konnten und nur Zugkombinationen durchrechneten. Inzwischen können die Menschen kaum noch mithalten, weil die hohe Rechenleistung und die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen diese Computer dann eben doch besser spielen lässt, als man zuerst ahnen konnte. Und mit dem Fortschritt etwa durch Quantencomputer nähern wir uns unaufhörlich den immensen Möglichkeiten, die unser nach wie vor größtenteils unerforschtes Gehirn uns bietet.

Schon jetzt sind Künstliche Intelligenzen in der Lage, einfache „Gebrauchsmusik“ relativ überzeugend herzustellen. Zunehmend benutzen Podcasts und Videos, bei denen Hintergrundmusik benötigt wird, solche automatisch generierte Musik, da diese rechtefrei ist und keine Tantiemen kostet. Ich weiß, dass viele Kolleginnen und Kollegen aus der Film- und Werbemusik von dieser Entwicklung sehr beunruhigt sind, da es sein könnte, dass sie für bestimmte Aufgaben bald nicht mehr gebraucht werden, wenn sie eine Maschine billiger erledigt. Nun hat sich mir nie wirklich erschlossen, warum ein Mensch daran Freude empfinden kann, eine schlechte Soap Opera mit eigens komponierter Musik zu untermalen, aber für viele ist dies, wenn nicht Passion, dann doch zumindest ein lukrativer Beruf. Und die Vorstellung, dass biedere Regisseure in Zukunft auf Knopfdruck genau die langweilige Musik bekommen, die sie sich für ihre biederen Filme vorstellen (ohne dass ein unbequemer Komponist vielleicht etwas Interessanteres will und unnötig nervt), lässt mich für die Qualität zukünftiger Fernsehproduktionen durchaus fürchten.

Als der Tonfilm eingeführt wurde, traten die Musiker der Kinoorchester in den Streik, da sie wussten, dass sie bald obsolet sein würden. Heute lächeln wir darüber, aber mal ehrlich – wäre es nicht unglaublich aufregend, heute in ein Kino zu kommen und es säße dort ein großes Orchester, das live spielt? Man bekam etwas Neues, aber es ging auch etwas Besonderes verloren.

Gerade deswegen muss sich die kommende Generation mehr als sonst fragen lassen: „Warum komponiert ihr eigentlich?“. Und die Antwort wird mehr als sonst vom eigenen „Müssen“ kommen. Man komponiert eben nicht nur, weil man dafür Geld bekommt, sondern weil es eine Leidenschaft ist. Schließlich lässt man auch nicht einen Roboter für sich einen Marathon laufen – wo wäre da der Sinn?

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