Vom Konzertsaal auf den Dancefloor – und zurück?

Züricher Schülermanager gestalten das Event TOZdiscover mit dem Tonhalle-Orchester


(nmz) -
1 Uhr morgens vor der Zürcher Tonhalle – großer Auftrieb, aus der ganzen Stadt strömen jugendliche Discogänger heran. Über Facebook, Twitter, Ins-tagram, Snapchat und Jodel haben sie erfahren, dass in dem altehrwürdigen Gebäude der Hochkultur heute die Berliner DJs Tinush und Philip Bader die Vertreter der Londoner Dancefloors Charles Prince und DJ Certified auflegen.
Ein Artikel von Andreas Kolb

In der Eingangshalle gibt es keine Tickets, sondern Stempel mit der Berliner Stadtsilhouette auf die Pulsschlagader. Noch kommt der Puls nicht über gechillte 60 Beats per minute. Das soll sich im Laufe des Abends noch ändern. Der Dresscode ist cluborientiert und da, wo sonst die Garderobe ist, lädt ein Marrakesch-Floor mit arabesken Sitzlandschaften und Gnawa-Musik zum chillen ein. Doch zum chillen ist es noch zu früh: Wer die Action sucht, geht einen Stock höher ins Vestibül vor dem Konzertsaal und siehe da, die Tonhalle mit ihren mehreren Ebenen entpuppt sich als ideale Club-Location: Viel Platz zum Tanzen, aber auch zum Sozialisieren, gute Akustik, Wandelgänge und Galerien für Ausblick und Augenblicke.

Wer steckt hinter diesem Event? Es sind die Schülermanager der Tonhalle, die zum zweiten Mal ihr Spektakel TOZdiscover inszenieren – im Auftrag der Intendantin Ilona Schmiel, die die „Schülermanager“ schon als Leiterin des Beethovenfestes Bonn erfunden hat. Die Absicht ist klar, die Schwelle für die junge Generation in einen Konzertsaal zu gehen, soll so niedrig wie möglich sein.

Der Tanzabend hat ein etwa einstündiges Vorspiel. Gegen 22 Uhr bietet das Tonhalle-Orchester Zürich (TOZ) unter seinem Chef Lionel Bringuier Häppchen-Klassik live und auf höchstem Niveau: Louis Schwizgebel (Klavier), Klaidi Sahatci (Violine), und Anita Leuzinger (Cello) geben zunächst ein fulminantes Beethoven-Tripelkonzert mit dem TOZ. Es folgen Auszüge aus Berlioz‘ Symphonie fantastique und die Ouvertüre aus Rossinis Oper „L’italiana in Algeri“. Nach 60 Minuten tost frenetischer Beifall der jungen Tonhallenbesucher – danach Abgang des Orchesters und DJ Tinush übernimmt mit House-Musik die Regie.

Welche Ideen und Absichten hinter dem Event und hinter dem Engagement der Züricher Schülermanager stehen, versuchte nmz-Chefredakteur Andreas Kolb im Gespräch mit Pressesprecher Sian Ruoss und Intendant Philipp Luft herauszufinden.

Interview mit der Intendanz

Philipp Luft, Intendant, seit kurzem 17 Jahre alt und singt seit elf Jahren bei den Zürcher Sängerknaben
neue musikzeitung: Was sind Schülermanager?

Philipp Luft: Schülermanager sind junge Erwachsene zwischen 15 und 19 Jahren, welche im Verlauf von rund sieben Monaten in den Betrieb des Tonhalle-Orchesters Zürich integriert werden. Sie bekommen Einblicke in alle administrativen Bereiche und doppeln deren Funktionen. Mit den gewonnenen Erfahrungen können sie ein eigenes Konzert organisieren (sog. TOZdiscover).

nmz: Wer hat die Musikauswahl getroffen?

Luft: Der klassische Teil des Konzertabends wird von Intendanz in Absprache mit Schülermanagern bereits Jahre zuvor bei der Programmgestaltung festgelegt. Da wir jedoch erst der zweite Jahrgang waren, sind bei der Auswahl von Beethovens Tripel Konzert keine Schülermanager beteiligt gewesen.

nmz: Warum nur eine Stunde Orchestermusik? Kann man/will man den jungen Leuten nicht mehr zumuten?

Luft: Als regelmäßiger Klassikkonsument und Konzertgänger ist es vermutlich nur schwer vorstellbar, dass bereits 60 Minuten Klassik für einen 16-jährigen lang sein können. Da viele dieser Generation zum ersten Mal in ein klassisches Konzerthaus gehen, und sich vielleicht davor noch nie wirklich mit der klassischen Musik auseinandergesetzt haben, ist eine Stunde schon herausfordernd. Um junge Menschen davon zu überzeugen, dass klassische Musik durchaus interessant sein kann, erleichtert man ihnen mit einem kürzeren, einfacheren Programm, den Einstieg.

nmz: Könnte man beim Zürcher TOZ-discover-Konzept die Klassik nicht gleich weglassen und die Tonhalle als Club Location etablieren?

Luft: Das Ziel des Tonhalle-Orchesters ist es, mit einem von Jugendlichen entworfenen Konzept, Gleichaltrige an nur einem Abend für die klassische Musik zu begeistern. Da in diesem Projekt immer die Klassik und nicht der Partyteil im Vordergrund steht, ist diese auf keinen Fall wegzudenken. Der zweite Teil des Abends besteht nur aus modernem Hip-Hop oder House, um den Konzertbesuch schmackhafter zu gestalten und die Hemmschwelle für einen Besuch in einem klassischen Konzerthaus zu senken.

nmz: Warum hat man sich für diese DJs entschieden? Wie kommt man an die ran?

Luft: Nicht nur im klassischen Teil haben wir uns Professionalität gewünscht, sondern auch danach bei den DJs, weshalb wir auf hochkarätige Acts bestanden haben. Diese waren meist selber an unserem Projekt interessiert, welches Klassik, Jugend und Moderne Musik vereint. In unseren Teammeetings haben wir Schülermanager über Musikrichtung der DJs diskutiert und dann gemäß unserem Konzept (Berlin/London/Marrakesch/Paris/Zürich) die Agenturen der passenden DJs kontaktiert. Da gefragte DJs über Monate hinweg ausgebucht sind, war es herausfordernd, in der für eine Künstlersuche kurzen Zeit tatsächlich unsere Vorstellungen umzusetzen. Das haben wir aber zum Glück gemeistert!

nmz: Ein Resümee 2016 und einen Ausblick 2017.

Luft: Ich habe mich von Anfang an im Team des Tonhalle-Orchesters Zürich sehr wohl gefühlt. Wir Schülermanager wurden gut integriert und immer für voll genommen, wenn es möglich wäre, würde ich jederzeit nochmal mitmachen! 2017 wird das Projekt wieder in ähnlicher Weise durchgeführt. Wir werden weiterhin jederzeit versuchen, das Schülermanagerprojekt international zu verbreiten, indem wir den Kontakt zu Bonner und Bremer Schülermanagern pflegen und mit Besuchen aufrechterhalten. Das Projekt fördert nicht nur das Image von klassischer Musik bei Jugendlichen, sondern bietet diesen auch die Möglichkeit, einen Kulturbetrieb hautnah zu erleben!

Interview mit der Pressestelle

Sian Ruoss (Alter 17), Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei TOZdiscover

neue musikzeitung: Wenn Sie ein Resümee ziehen wollen: Haben Sie mit der TOZdiscover-Nacht erreicht, was Sie wollten?
Sian Ruoss:
Die Besucher hatten Spaß, die Stimmung war gut: Wenn man sieht, welche geringen Besucherzahlen in dieser Altersgruppe sonst vorherrschen, werten wir 538 Konzertbesucher als Erfolg – bei insgesamt etwa 1.370 Plätzen in der Tonhalle gibt es aber auch noch Luft nach oben. Morgens gegen 1 Uhr waren es dann aber doch 1.000 Personen auf den Dancefloors verteilt im ganzen Haus.

nmz: Warum gehen die jungen Leute nicht zu den alten ins Konzert?

Ruoss: Einerseits herrschen Vorurteile, andererseits spricht das Format junge Menschen einfach nicht mehr an. Mit der Afterparty haben wir versucht, einen neuen Rahmen für ein klassisches Konzert zu schaffen. Außerdem machen wir das Konzert nicht mehr 90 Minuten lang, sondern höchstens eine Stunde. Das sind Mittel, jungen Leuten, die nicht selber Musik machen und nie klassische Musik gehört haben, Barrieren aus dem Weg zu räumen, die sie bisher daran gehindert haben, den Weg in die Tonhalle finden.

nmz: Sie wollen also das „antike“ Konzertformat reformieren?

Ruoss: Wenn sich das Publikum verändert, muss sich die Musik anpassen. Denn die Leute zu erreichen und zu berühren, ist das zum Teil schwierige, aber wichtigste Ziel der Musik.

nmz: Sie haben sich im Rahmen der Aufführung TOZdiscover erneut mit Schülermanagern aus Bonn und aus Bremen getroffen. Mit welchen Ergebnissen?

Ruoss: Solche Treffen mit „Berufskollegen“ sind sehr spannend, weil man sich untereinander austauscht: Sehen was die anderen machen und positive Dinge übernehmen. Die Verbindung kam durch die Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel zustande, die das Projekt erstmals in Bonn lanciert hat. Ziel soll es sein das Projekt „Schülermanager“ international zu etablieren und Jugendlichen diese einzigartige Chance zu ermöglichen. Die Formate in den drei Städten sind aber sehr unterschiedlich.

nmz: Können Sie die Unterschiede für uns kurz skizzieren?

Ruoss: Gerne. In Bremen ein Composer-Slam, also ein moderierter Konzertabend mit verschiedenen Künstlern und ihren selbst komponierten Stücken, wobei zuletzt der Sieger durch den größten Applaus des Publikums ermittelt wurde. In Zürich ist es ein packendes klassisches Konzert mit anschließender Afterparty mit internationalen, hoch angesehenen Künstlern, sowohl im klassischen, wie auch im Party-Teil. Es soll zeigen, dass ein klassisches Konzert und ein Ort wie die Tonhalle Zürich viel mehr sein können, als einfach nur Orte für ältere, eher gut betuchte Leute.

nmz: Wie macht man PR Marketing heute? Statt Flyer und Pressemitteilung Postings und Likes auf Instagramm, Jodel oder Snapchat?

Ruoss: Mit einem Zeitungsinserat in der Neuen Züricher Zeitung erreichen wir unser Zielpublikum nicht. Deshalb arbeiten wir sehr viel mit Facebook und Instagram. Dadurch entsteht ein Schneeball-Effekt. Wir haben die Veranstaltung auf Facebook und Instagram auch monetär beworben – und wir haben unsere Social-Media-Accounts regelmäßig mit News gefüttert (z.B. mit einem Trailer für das Event), um die Leute neugierig zu machen. Viel lief auch über unsere privaten FB-Accounts, Mund-zu-Mund-Propaganda – vor allem an unseren eigenen Schulen –, Flyering und Plakate. Neben den Schülermanagern hatten wir auch noch zehn Promoter – alle in unserem Alter – die sich in der Zürcher Partyszene gut auskennen und bei ihren Freunden und ihrem grossen Bekanntenkreis auf die Veranstaltung aufmerksam machten. Weiter haben wir über das Viva-Young-Angebot unseres Sponsors Credit Suisse Kartenverlosungen organisiert. Der Grundeintrittspreis bis 30 Jahre lag bei 20 CHF – das ist der normale Eintrittspreis, wenn man in Zürich in einen Club geht.

Wenn das Stichwort Sponsoren schon fällt, so gehört das Fundraising natürlich auch zu den Aufgaben eines Schülermanagers (Intendanz). Wir sind der Max Kohler Stiftung Zürich für ihr diesjähriges Engagement sehr dankbar und konnten am Event selbst auch schon weitere potentielle Partner und Geldgeber für uns gewinnen.

Text und Interview: Andreas Kolb

Das könnte Sie auch interessieren: