Vom leicht denunziatorischen Begriff „DDR-Musik“

Die Dresdner Konzertreihe „Unerhörtes“ präsentiert und diskutiert Neue Musik aus Ostdeutschland


(nmz) -
In allen vier deutschen Himmelsrichtungen käme wohl niemand auf die Idee, von „BRD-Musik“ zu reden. Bei „DDR-Musik“ ist das anders, die sorgt – mal mit, mal ohne Anführungszeichen – noch immer für reichlich Diskussionsstoff. So war es nur eine Frage der Zeit, dass im Osten und beinahe drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall (!) eine Debatte über „Neue Musik aus Ostdeutschland“ angeregt werden sollte.
Ein Artikel von Michael Ernst

Den Auftakt zu einer vierteiligen Reihe setzte Ende Januar ein Podiumsgespräch in der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB), das erfreulicherweise reichlich interessiertes Publikum angezogen hatte. Mit Musikbeispielen von Georg Katzer, Jörg Herchet und Wilfried Krätzschmar wurde zwar praktisch belegt, wovon hier die Rede sein sollte, allein über den passenden Namen des künstlerischen Gegenstandes herrschte bis zuletzt Uneinigkeit.

Als profunder Kenner der Szene („ohne mich hat DDR-Musikgeschichte nicht stattgefunden“) konstatierte der Musikwissenschaftler Frank Schneider, langjähriger Intendant des Konzerthauses Berlin, dass von mindestens vier Komponisten-Generationen gesprochen werden müsste, die jeweils hochbegabte Individuen hervorgebracht hätten. Insofern empfinde er den Begriff „DDR-Musik“ als leicht denunziatorisch. Heute sollte es aber endlich die Chance geben, sich auf das musikalische Schaffen ohne politische und gesellschaftliche Hintergründe zu besinnen.

Wilfried Krätzschmer, der darauf hinwies, längst mehr kreative Jahre im wiedervereinigten Deutschland als in der DDR verlebt zu haben, brachte es so auf den Punkt: „Es gehört zur Identität eines Komponisten, sich immer zu beschweren, dass er zu wenig aufgeführt wird; unabhängig von der Gesellschaftsordnung.“ Was wohl zu allen Zeiten und überall so gewesen sein dürfte. In der künstlerischen Wahrnehmung zählt freilich auch Krätzschmer nach wie vor als ostdeutscher Künstler.

Nicht zu übersehen ist, dass es die Musik aus dem Osten in den Jahren nach 1989 schwer hatte, sich noch zu behaupten. Im Ursprungsland gab es eine Übersättigung an dieser Materie, im Westen setzte sich das Desinteresse daran fort. Inzwischen aber gibt es neben den Betroffenen und Experten von einst, darunter Klaus Burmeister, ehedem Cheflektor im Verlag Edition Peters und später Chefdramaturg der Dresdner Philharmonie, der die ostdeutsche Szene als „weltoffen und trotzdem weltabgeschieden“ beschrieb, wachsende Aufmerksamkeit auch bei Jüngeren. Torsten Reitz etwa, Komponist und Mitglied im den Abend musikalisch gestaltenden Ensemble „El Perro Andaluz“, wollte die Sache unbedingt optimistisch sehen. Auch Felix Dietze als junger Musikwissenschaftler bekannte sich dazu, die Musik als Musik hören und erforschen zu wollen.

In den drei sehr unterschiedlichen Stücken war dies ebenso möglich wie durch den von Gisela Nauck so kenntnisreich wie streitbar moderierten Abend, der einen neuen Zugang zur ostdeutschen Nachkriegsavantgarde ermöglichen sollte. Förderlich dürfte dabei auch die jüngste Initiative des heute als Edition Peters Group firmierenden und in seiner Geschichte dreimal (erst von den Nazis, dann in der DDR sowie neuerlich durch die Treuhand) enteigneten Verlages sein, in der „Peters East German Library 1949–1990“ einen Großteil des Œuvres zu katalogisieren, wie Verleger Nicholas Riddle unterstrich.

Die unbedingt lobenswerte Initiative von SLUB, Sächsischer Akademie der Künste und dem Festspielhaus Hellerau wurde und wird fortgesetzt. Mitte Februar gab es „Dresdner Lieder“ im Klemperersaal der Bibliothek mit Kompositionen von Robert Schumann, Karol Szymanowski, Manfred Weiss, Udo Zimmermann, Johannes Wulff-Woesten und  Alexander Keuk.

Hier wäre vielleicht ein Gesprächskonzert der Sache stärker dienlich gewesen, doch auch die unkommentierte Darbietung hat deutlich gemacht, in welcher Vielfalt das Liedgut in Dresden farbenprächtig und abwechslungsreich erblüht und gepflegt worden ist. Solch ein Konzert mit Schumann zu beginnen, ist sicherlich immer gut und kam auch in diesem Fall als eine Art Türöffner richtig gut an. Die aus Polen stammende Sängerin Ewa Zeuner ging geradezu inbrünstig an ihr Vokalrepertoire.

Auf die tief empfundene Romantik folgten „Rosenlieder“, die der Semperopern-Solorepetitor Wulff-Woesten zu Texten von Eva Strittmatter komponiert und wie sämtliche anderen Werke des Abends auch pianistisch begleitet hat. Die „Vier Gesänge“ Szymanowskis boten insofern Dresden-Bezüge, als der Strauss-Verehrer regelmäßig zu dessen Premieren angereist kam und auch der ihn zu dieser Komposition inspirierende Dichter Rabindranath Tagore in Dresden zu Gast war. Weiss’ „Lieder vom Ende“ sind verstorbenen Künstlerfreunden gewidmet und basieren auf Rilke-Texten bis hin zum vielzitierten „Herbsttag“ („Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.“). Kontrastreich klangen Keuks „Von müden Sonnen“ und „Roztyla“ sowie Zimmermanns 1966 entstandene „Sonetti amorosi“ in diesen sämtliche Himmelsrichtungen längst außer Kraft setzenden Kontext.

  • Die Reihe „Unerhörtes“ wird fortgesetzt: Am 30. März mit einem „dem mainstream so fern wie dem vogel die fessel“ betitelten Porträtkonzert zu Hermann Keller und am 18. April mit Konzert und Werkpräsentation von Christian Münch.