Von Giganten (Christoph Schlüren)

Tonträger-Bilanz 2017 – der persönliche Jahresrückblick der nmz-Phonokritiker


(nmz) -
Unter den sorgfältig aufbereiteten Anthologien der Traditionslabels möchte ich in diesem Jahr die kompletten Orchester- und Konzertaufnahmen des großen belgischen Dirigenten André Cluytens für Parlophone und EMI auf 65 CDs bei Warner Classics hervorheben. Eine historische Fundgrube, die viel Unentbehrliches enthält!
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Hinsichtlich historischer Erstveröffentlichungen sind die beiden CDs der Münchner Philharmoniker unter Sergiu Celibidache am wertvollsten: neben Mahlers Kindertotenliedern mit Brigitte Fassbaender und Strauss’ ‚Tod und Verklärung’ ist dies vor allem eine in der Innigkeit und Klarheit des Aufbaus unerreichte „Unvollendete“ von Schubert und eine ebenso maßstabsetzende „Symphonie aus der Neuen Welt“ von Dvorák. Wenn da im Largo die Klarinetten, wunderbar ausphrasierend kontrapunktiert von den Kontrabässen, ihren wehmütigen Gesang anstimmen, ist eine edlere Musizierkultur nicht vorstellbar.

Was die zeitgenössische Musik betrifft, sind es einige Außenseiter, die in ihrer kohärenten Eigenart fesseln: die vierte Folge der Kammermusik des Norweger Ketil Hvoslef mit dem großen Klavierquintett (Lawo); ein wunderbar lebendiges Album des Belgiers Robert Groslot mit Werken für Cello solo, Celloduo und Cello mit Klavier veröffentlicht, worunter die „Unclouded Conservations“ für 2 Celli in ihrem unerschöpflich beweglichen Einfallsreichtum am überraschendsten sind (TyxArt); und „Dedicated to…“ mit Juha Kangas und dem Ostrobothnian Chamber Orchestra: von archaischen Impulsen durchdrungene nordische Mystik, in Ersteinspielungen von Streicherwerken von Salmenhaara, Rautavaara, Aho, Narbutaite und Vasks (Alba Records).

Fesselndster Repertoire-Erkunder neben Naxos, Chandos, cpo und Toccata Classics ist derzeit Lyrita, vor allem dank der Erstveröffentlichung historischer Rundfunkaufnahmen aus der „Richard Itter Collection“: mit den Symphonien Nr. 1–4 von Peter Racine Fricker, dem neben Britten und Tippett führenden Engländer in den 1950-60er Jahren, ist eines der faszinierendsten Kapitel neuerer Symphoniegeschichte endlich verfügbar gemacht. Bei Chandos ragt die Aufnahme der herrlich übermütigen Symphonien Nr. 4 und 5 von George Antheil unter dem brillanten John Storgårds heraus.

Meine persönliche Geigenaufnahme des Jahres ist Ricardo Odriozolas charaktervolle Darbietung der 6 Partiten und Sonaten von J. S. Bach (Amethyst Records). Unter den Pianisten würde Vincent Larderet für sein Debussy-Album die Krone gebühren (Ars Produktion), wäre da nicht der russische Gigant Anton Batagov, dessen Bach (Melodiya) ebenso wie seine Live-Gesamtaufnahme der Etüden von Philip Glass (Orange Mountain Music) sich pianistisch auf einem so singulären Niveau bewegt, wie es vor ihm nur ein Michel­angeli vermochte.

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